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Berner GemeinderatskandidatDer krisenresistente Hardliner denkt nicht ans Aufhören

Die Sicherheitsdirektion gilt als undankbar. Seit zwölf Jahren hält Reto Nause (CVP) das heisse Eisen schon in der Hand. Loslassen will er nicht.

«Unvergleichliche Wertschöpfung»: CVP-Gemeinderat Reto Nause posiert vor der alten Festhalle, für deren Neubau die Stadt Bern 15 Millionen Franken investieren soll.
«Unvergleichliche Wertschöpfung»: CVP-Gemeinderat Reto Nause posiert vor der alten Festhalle, für deren Neubau die Stadt Bern 15 Millionen Franken investieren soll.
Foto: Christian Pfander

Berns Sicherheitsdirektor kommt zum Interviewtermin mit dem E-Bike angeradelt. Ein Bild, an das man sich erst gewöhnen muss. Das schnittige Gefährt hat sich Reto Nause im März zu Beginn des Lockdown zugelegt. Zieht eine unbewilligte Demo durch die Stadt, flitzt er neuerdings damit umher, um den Ablauf im Auge zu behalten. Früher stieg er dafür noch auf den Töff.

Auf die Frage, ob er damit dereinst auch über die angedachte Velobrücke vom Breitenrain in die Länggasse radeln werde, antwortet er: «Nicht wenns nach mir geht.» Ein «teures Prestigeprojekt» sei das. Es wird nicht der einzige Seitenhieb gegen die rot-grün geprägte Verkehrspolitik bleiben. Bei garstigem Herbstwetter schält sich Nause aus seinem Mantel, hervor kommt ein blauer Anzug – eine Farbe, die er auffallend oft trägt.

Die Superlative sprudeln

Als Ort für die Fotosession hat er die alte Festhalle auf dem Bernexpo-Gelände ausgesucht. Damit will er die Wichtigkeit einer neuen, grösseren Halle unterstreichen. 15 Millionen Franken soll die Stadt an den Bau zahlen. «Das modernste Konzert- und Eventlokal im Land» hätte man dadurch – mit «unvergleichlicher Wertschöpfung». Ob Festhalle, Formel-E-Rennen oder Sternenmarkt auf der Kleinen Schanze: Reto Nause hat ein Flair für «grosse Kisten». Da redet er sich schnell ins Feuer, da sprudeln die Superlative nur so aus ihm heraus, sodass es dem kommerzkritischen Bern beinahe schwindlig wird.

Als einen «Rettungsanker für die kriselnde Eventbranche im gesamten Espace Mittelland» bezeichnet er das Projekt Festhalle gar. An dramatischen Appellen hat es dem dienstältesten Gemeinderat aus dem Weissensteinquartier noch nie gefehlt. Übertreibungen und markige Worte gehören zum Profil des letzten bürgerlichen Mohikaners in der Stadtregierung. Das muss nicht nur negativ sein. Man weiss bei Nause immer, woran man ist. Im Gegensatz zu anderen Gemeinderatsmitgliedern ist er nicht bekannt für nichtssagendes Herumlamentieren. Für Medienschaffende ist er deshalb ein dankbarer Zitatelieferer.

Ein Flair für «grosse Kisten»: Reto Nause bei der Eröffnung des Sternenmarktes auf der Kleinen Schanze Ende 2019.
Ein Flair für «grosse Kisten»: Reto Nause bei der Eröffnung des Sternenmarktes auf der Kleinen Schanze Ende 2019.
Foto: Nicole Philipp

Das hat sicher auch mit seiner Rolle als Sicherheitsverantwortlicher zu tun. Da rückt man in der Demonstrations- und Fussballhochburg Bern schnell mal ins Rampenlicht – meist, wenns «chlöpft und tätscht». Auch in solchen Momenten tritt Nause gerne vor die Mikrofone. Dass er, wenns ums Kommunizieren von Bad News geht, untertauche, kann man ihm wahrlich nicht unterstellen.

«Sprachrohr der Polizei»

Doch hin und wieder verrennt sich Nause. So lud er Anfang Jahr Medienschaffende zum Gespräch und diktierte ihnen, dass die Gewerbepolizei bei der Reitschule seit fünf Jahren keine Kontrollen mehr durchführen könne. Regierungsstatthalter Christoph Lerch und Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) taten dies daraufhin als Falschaussage ab. Oder bezüglich des Rechts auf Kundgebungen während des Lockdown: Da wiederholte Nause mehrere Male, dass jemand auch dann gegen die Corona-Regeln verstosse, wenn er allein mit einem Schild durch die Stadt spaziere – obwohl Bund und Rechtsexperten widersprachen.

Es sind solche Episoden, durch die der Sicherheitsdirektor oft das Etikett des Hardliners angeheftet bekommt. Er selbst findet das eine verkürzte Darstellung. «Meine Haltung ist ja nicht, dass man jede unbewilligte Demo a priori gleich räumt», sagt Nause bei einem Mineral und Espresso in einer Hotelbar. Wegen einsetzenden Regens wurde das Gespräch hierher verlegt. Es sei seit Jahren immer dasselbe Rösslispiel nach einer unbewilligten Demo. Die einen würden behaupten, es sei zu hart eingegriffen worden, die anderen sehen eine zu lasche Haltung der Polizei. «Das zeigt mir jeweils, dass die Taktik nicht so schlecht gewesen sein kann», meint er.

Oft auf der Gasse unterwegs: Der Sicherheitsdirektor beobachtet «inkognito» den Ablauf einer unbewilligten Demo.
Oft auf der Gasse unterwegs: Der Sicherheitsdirektor beobachtet «inkognito» den Ablauf einer unbewilligten Demo.
Archivfoto: Raphael Moser

Linke Kreise stören sich besonders daran, dass unter Nause die Polizei seit Jahren den Nimbus der Unfehlbarkeit geniesse. Als «Sprachrohr der Kantonspolizei» wird er auch mal bezeichnet. Mit seiner konsequenten Law-and-Order-Rhetorik stimuliert er wiederum effektvoll Trigger, die bürgerliche Wähler gerne hören. Doch selbst im rechten Lager finden sich Stimmen, welche die immer gleiche Rhetorik ermüdend finden, etwa wenn es um die Reitschule geht. «Da wird immer wieder auf Alarmismus gemacht, und dann geschieht doch nichts», meint etwa ein bürgerlicher Exponent. Fairerweise muss man sagen, dass das Reitschule-Dossier beim Stadtpräsidenten angesiedelt ist.

Unbürokratisches Anpacken

Fair wollen auch seine politischen Gegner sein. Denn auch sie attestieren Nause durchaus gute Qualitäten. Ein Vertreter aus dem linken Spektrum fasst es so zusammen: «Wenn es nicht um die Polizei geht, kann man es recht gut mit ihm.» Als einen «unkomplizierten Macher» bezeichnet ihn ein SP-Politiker. Einer, der schnell das Problem verorte und der versuche, rasch eine Lösung zu finden. Als robuster Krisenmanager konnte sich der CVP-Magistrat in der Tat schon ein paarmal auszeichnen. Zuletzt in der Corona-Krise, als er im Sommer dem arg gebeutelten Gastgewerbe zügig erlaubte, die Aussenplätze zu verdoppeln. Dass er auch anderweitig nicht den bürokratischen Formalisten raushängt, sondern auch mal Spielräume ausnützt und Dinge unkompliziert umsetzt, wird ihm positiv angerechnet.

Seitenhieb gegen Verkehrspolitik

Was häufig vergessen geht, ist die Tatsache, dass Reto Nause auch Umwelt- und Energiedirektor ist. Das stört ihn. Der Eindruck, dass er vor allem bei Sicherheitsthemen mit viel Herzblut und Furor dabei sei, täusche gewaltig, meint er. In einem rund zehnminütigen Monolog zählt er auf, was unter seiner Ägide energiepolitisch alles umgesetzt worden ist: neue Energiezentrale Forsthaus, Atomausstieg, Klimaplattform der Wirtschaft, Ausbau Fernwärmenetz und, und, und.

«Die Velooffensive ist etwas für urbane Hipster im besten Alter.»

Reto Nause

Jetzt klingt Nause wie ein Grünliberaler. Einer, der es trotzdem nicht unterlässt, die städtische Verkehrspolitik unter rot-grüner Schirmherrschaft abermals zu kritisieren. Eine Velooffensive sei ja schön und gut, doch älteren Leuten bringe diese nichts. «Die Velooffensive ist etwas für urbane Hipster im besten Alter», meint er lakonisch. Und mit dem Aufheben von Parkplätzen sei noch keine einzige Tonne CO₂ eingespart. Man sollte besser die Elektrifizierung der Bernmobil-Flotte und des motorisierten Individualverkehrs vorantreiben. Damit trampelt Nause im Gärtchen seiner Gemeinderatskollegin Ursula Wyss (SP) herum. Ritzt er damit das Kollegialitätsprinzip? «Wir haben Wahlkampf», winkt er ab, «da muss man die eigenen Positionen zeigen.»

Keinen Plan B

Sein vierter Gemeinderatswahlkampf ist es bereits. Nach zwölf Jahren will der 49-jährige Nause noch eine vierte Amtszeit anhängen. Wieso will er sich das nochmals antun, notabene in einer als undankbar geltenden Direktion? Dieses negative Image will er nicht gelten lassen. «Mit Freude» führe er seine Direktion. Dass die Tage bei ihm oftmals nicht planbar seien, «das ist ja gerade das Schöne an meinem Amt», sagt er und fügt lachend an: «Ich könnte wahrscheinlich nie Finanzdirektor sein, das wäre mir zu langweilig.»

Vermittler auf dem E-Bike: Reto Nause im Gespräch mit Klimaaktivistinnen, welche Ende September den Bundesplatz besetzten.
Vermittler auf dem E-Bike: Reto Nause im Gespräch mit Klimaaktivistinnen, welche Ende September den Bundesplatz besetzten.
Foto: Adrian Moser

Einen Plan B habe er nicht, sagt Nause. Wird er abgewählt, wäre dies sein definitives Ende als Politiker, sagt er. Dank seinem nicht zu unterschätzenden Bisherigen-Bonus wird er wohl auch nicht gross zittern müssen. Es sei denn, die Mitte verliere ihren Sitz, was von diversen Experten nicht ausgeschlossen wird. Auf der Mitte-Liste könnte ihm wahrscheinlich einzig die grünliberale Marianne Schild gefährlich werden.

Die Sache mit dem Bier

Nause steht jetzt vor dem Hoteleingang und raucht eine Zigarette. Etwas, das man bei heutigen hohen Politikern kaum noch sieht. Er sei nicht stolz darauf, doch verstecken müsse er sich damit ja auch nicht, meint Nause. Über ein Päckli pro Tag raucht er derzeit. Auch ein anderes Laster sagt man ihm nach. Er sei nach Feierabend ein paar Bieren nicht abgeneigt. Darauf angesprochen, meint Nause ohne Umschweife: «Das ist so. Dass ein Politiker eine gewisse Geselligkeit hat, gehört dazu, finde ich.» Im Übrigen gehe das halbe Parlament nach der Sitzung auch noch einen trinken.

Gegen Ende des Gesprächs klingelt Nauses Handy zum ungefähr fünften Mal. Dieses Mal nimmt er es entschuldigend ab. Eine kurze Begrüssung, dann Stille und zum Schluss die Worte «Ja, okay, abschiessen!». Weil gleichzeitig eine unbewilligte Demo durch Bern zieht, wird der Journalist hellhörig. Doch das «Abschiessen» war an seine Assistentin gerichtet und meinte die Freigabe eines von ihm gemachten Zitats gegenüber der Presse. Nause schmunzelt und meint augenzwinkernd: «Vielleicht bin ich ja doch ein Hardliner.»

2 Kommentare
    rolf berner

    Hardliner???? leider nicht genug..!