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Attentat in HanauDer Kiosk, der weiter lebt

Vor fünf Monaten ermordete ein Rassist neun Menschen in Hanau, drei starben im kleinen Laden von Kemal Kocak. Dann kam auch noch das Virus. War alles nicht einfach, aber er ist noch da.

Auf dass sie nicht vergessen werden: Auch Monate später erinnern Porträts an die neun Menschen, die am 19. Februar in Hanau starben.
Auf dass sie nicht vergessen werden: Auch Monate später erinnern Porträts an die neun Menschen, die am 19. Februar in Hanau starben.
Foto: Ralph Peters/imago images

Eine Pandemie muss keine Katastrophe sein, wenn man sich etwas einfallen lässt. Kemal Kocak hat sich etwas einfallen lassen, gleich als mit der Zahl der Infizierten auch die Sorge der Menschen um ausreichend WC-Papier, Spaghetti, Milch wuchs. Er hat sofort das Trottoir vor seinem Kiosk in der Hanauer Innenstadt parzelliert und drinnen eine Art Einbahnstrasse eingerichtet, die Jungs an der Kasse durch eine Plastikfolie geschützt. Er ist bei fairen Preisen geblieben. Wenn man so einen Kiosk betreibt, sagt Kemal Kocak, muss man ahnen, was die Leute demnächst brauchen könnten. Am besten, bevor sie es selber wissen.

So kommen auch nun fast ständig Leute in den Laden. Ein junges Paar, das Chips und Cola kauft. Eine ältere Frau, die Mehl und Nudeln braucht. Ein breitschultriger Kerl, der seinen Tippschein abgibt. Sauber ist es und aufgeräumt, das ist wichtig, sagt der Chef, die Leute sollen nicht denken, sie kämen in eine Rumpelbude. An der Kasse hakt etwas, er schaut nach, drei Handgriffe, dann läuft sie wieder. «Jetzt hab ich Zeit», sagt er und bittet in den Nebenraum.

Das Leben geht weiter auch wenn ihn abends eine nicht gekannte Angst überfällt

Dort stehen ein Stahlrohrtisch und ein paar Stühle neben Getränkekisten und Lebensmittelgebinden. «Setz dich», sagt Kemal Kocak. Wer hier reinkommt, wird geduzt. Er ist 45, Bart und Haar sind mit dem Rasierer getrimmt, der enge Pullover zeigt trainierte Oberarme. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert, man riecht, dass er viele Zigaretten hier angezündet hat.

Kocak sagt: «Ich funktioniere halt.»

Was sonst? Sich zu vergraben ist keine Lösung, das Leben geht weiter. Auch wenn es sich für einen selbst wie eingefroren anfühlt. Auch wenn die Gespenster kommen, mitten am Tag, oder wenn ihn abends eine nicht gekannte Angst überfällt. Immerhin schafft er es mittlerweile, die Angst zu überwinden. Ins Bett zu gehen, statt wie gelähmt im Wohnzimmer sitzen zu bleiben.

Die orange Klebefolie draussen vor dem Kiosk, die einen 24-Stunden-Service verspricht, sieben Tage die Woche, die kennt man aus dem Fernsehen, der Zeitung. Aus den Berichten über den Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020.

«Papa, da ist einer mit Waffen!»

Cenk Kocak, Sohn

Gemeinsam mit seinem Sohn Cenk hat Kemal Kocak einen weiteren Kiosk betrieben, im Stadtteil Kesselstadt. An jenem Mittwochabend stiess kurz nach zehn Uhr Tobias R., der seit zwei Jahren bei seinen Eltern um die Ecke wohnte, die Aluminiumtür zum Kiosk auf und schoss auf die Menschen, die darin zusammensassen. Tobias R. schoss und schoss. Er traf Mercedes Kierpacz und Gökhan Gültekin und Ferhat Unvar. Dann stürmte R. nebenan in die Arena-Bar und erschoss dort Said Hashemi und Hamza Kurtović. Fünf der neun Menschen, die Tobias R. ermordete, starben in Kesselstadt. Sie starben, weil ihr Mörder sie für fremd hielt, weil er in seinem Wahn glaubte, so Aufmerksamkeit für sein rassistisches, rechtsextremes, verschwörungstheoretisches Weltbild zu bekommen.

Kemal Kocak hat an diesem Abend lange da gesessen, wo er jetzt sitzt. Später erst erfuhr er, dass der Mörder auch hier in den Kiosk schaute, niemanden sah und weiterzog. Kocak arbeitete an dem Abend im Hinterzimmer. Auf dem Weg nach Hause war auf einmal sein Sohn am Telefon, ausser sich: «Papa, da ist einer mit Waffen!» Der Vater fuhr sofort nach Kesselstadt, zehn Minuten Fahrzeit von einem Kiosk zum anderen, unendlich lang, und als er aus dem Auto sprang, lief ihm schon jemand entgegen und schrie: «Sie sind tot!» Die Schreie haben sich in seine Erinnerung gegraben. Das Blut am Boden, der scharfe Geruch von verbranntem Pulver, der Rauch, der immer noch im Raum stand. 15, vielleicht 20 Minuten später, erinnert er sich, kamen Polizisten und Sanitäter. Sie schoben Hamza Kurtović und Ferhat Unvar in den Krankenwagen, Gökhan Gültekin war da schon tot. Unvar starb kurz nach Mitternacht, Kurtović wenige Stunden später.

Er hat das Video immer wieder gesehen: die Leute, die Pizza essen, die Schüsse, der Rauch

In dieser Nacht fror Kemal Kocaks Leben ein. Er hat sich immer wieder die Bilder der Überwachungskamera angesehen, die Sekunden des Überfalls. Man sieht Menschen, die Pizza essen. Dann plötzlich den Mörder, die Schüsse fallen schneller, als man zählen kann. Die Kamera zittert, der Raum füllt sich mit Rauch. Die Arglosen hätten nichts tun können. Niemand hätte sie retten können.

«Gott entscheidet, wann ein Mensch stirbt», sagt Kemal Kocak. Gott gibt das Leben und nimmt es. Warum er den einen sterben lässt und den anderen leben? Es ist ein Rätsel. Kocak ist ein frommer Muslim, vor vier Jahren ist er nach Mekka gepilgert. Dass der Tod den Menschen in seinem Kiosk vorherbestimmt gewesen sei, tröste ihn, sagt er. Aber trotzdem ist die Gewalt in sein Leben gefahren. Sie hat zerstört, was er, sein Sohn und seine Freunde aufgebaut hatten. Das lässt ihm keine Ruhe.

Solange Kemal Kocak sich erinnern kann, war er der Kümmerer. Er weiss noch, wie er als Siebenjähriger in den Ferien in der Provinz Karaman war, von wo die Eltern 1962 nach Hanau aufgebrochen waren. Wie er es liebte, in der Bar den Männern Tee zu bringen, Teil der Gemeinschaft zu sein. Seine erste Gaststätte hatte er mit 20, das «Spessart-Eck», direkt gegenüber dem Hochhaus, in dem nur türkischstämmige Familien wohnten, er ist dort im zweiten Stock aufgewachsen.

Im Fussball, beim VfR Kesselstadt, war er Torwart. Der Torhüter ist für die Mannschaft da, man muss sich auf ihn verlassen können. Später war Kocak dann Trainer, der Mann, der sich um die anderen Gedanken macht. Er hat vier Kinder, für die er alles tut, für die beiden Jungs wie für die beiden Mädchen. Hanau ist Heimat, sagt er

«Verstehst du?», fragt er. «Das war ein grosses Glück mit dem Kiosk.» In Kesselstadt war ein Verkaufsraum frei. Im Eingangsbereich eines freudlosen Plattenbaus. Aber Kemal Kocak hatte eine Idee: Ein Freund hatte ihm von den sogenannten Spätis in Berlin erzählt, jenen kleinen Läden, in denen es auch nachts gibt, was man schnell mal braucht. Warum sollte das nicht auch in Hanau funktionieren? Cenk und Kemal Kocak brachten eine Truppe zusammen, die bereit war, den Kiosk von früh morgens bis in die Nacht hinein zu betreiben. Und sie trafen eine Entscheidung: kein Alkohol. Aus religiösen Gründen, aber auch, um Betrunkene fernzuhalten. Alkoholisierte verderben die Stimmung. «Man soll sich aber wohlfühlen bei mir», sagt er.

Vielleicht ging es mit dem Kiosk in Kesselstadt auch deshalb mühsam los. Nach einem guten Jahr waren die Kunden aber da. Die Alten, die froh waren, dass sie nicht weit laufen mussten und alles vor der Haustür kaufen konnten. Vor allem aber die Jungen. Es gibt nicht viele Gelegenheiten für schwarzhaarige Jungs, nach der Arbeit abzuhängen, Kumpels zu treffen, sich zu Hause zu fühlen. So kam Ferhat Unvar in den Laden, er kaufte immer drei Capri-Sonnen, zwei Naschtüten. So kamen Hamza Kurtović und Said Hashemi, die Autoschrauber, die von tollen Wagen träumten. So kamen die anderen Jungs, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Kemal Kocak war immer ein Kümmerer. Aber in der Nacht des Anschlags konnte er nicht helfen.
Kemal Kocak war immer ein Kümmerer. Aber in der Nacht des Anschlags konnte er nicht helfen.
Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Kemal Kocak war wie ein grosser Bruder. Ganz besonders war er das für Gökhan Gültekin. Go-Go, so nannten sie ihn, war der kleine Bruder seines besten Freundes. Go-Go ist nun tot. Und auch sein krebskranker Vater, den nach dem Anschlag der Lebensmut verliess. Und der Kiosk vom Ort der Hoffnung zum Ort des Schreckens geworden, zerschossen und zerstört.

Kemal Kocak steht auf, schaut, ob vorne im Verkaufsraum alles läuft. Vielleicht hätten die Morde verhindert werden können, sagt er, als er wiederkommt. Der Staat, die Polizei, der Verfassungsschutz, sie hätten doch die Zeichen sehen müssen, die es vor der Tat gab. Tobias R. hat seine Tat lange vorbereitet, war zum Schießtraining in die Slowakei gereist. Und keiner bemerkte was? Tobias R. zeigte in kruden Schreiben die deutschen Geheimdienste an – und behielt seinen Waffenschein? Und niemandem fiel auf, dass er im Netz eine Gewalttat ankündigte?

Kemal Kocaks Vertrauen in die Ermittler ist weg, seit es hiess, im Bundeskriminalamt gehe man davon aus, dass der Täter sich erst sehr spät politisch radikalisiert habe und mehr ein psychisch kranker Verschwörungstheoretiker als ein rechtsextremer Ideologe gewesen sei. War die Auswahl seiner Opfer nicht Rassismus pur? Zeigte er in seinem Manifest nicht klar, dass er die Menschen des Nahen und Mittleren Ostens, Muslime wie Juden, für lebensunwert hielt?

«Ich möchte keine Angst mehr haben.»

Kemal Kocak, Kioskbesitzer

Kemal Kocak glaubt ihnen nicht mehr, den Politikern, Journalisten, Kriminalpolizisten. Warum wird so wenig gegen den rechten Terror gemacht, der seit 30 Jahren offenkundig ist, seit die Häuser von Türken in Mölln und Solingen brannten, seit in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen Neonazis Jagd auf Ausländer machten? Wieso hielt die Polizei die Morde des NSU zehn Jahre lang für die Taten von Ausländern gegen Ausländer? Die Jungs, die sich jetzt in Stuttgart oder anderswo mit der Polizei prügeln, hält er für Idioten. Aber verstehen kann er schon, dass die Wut auf die Polizei gross ist, wenn man jung ist und nicht so aussieht, als seien schon die Urgrosseltern in Bielefeld, Bayreuth oder Brandenburg aufgewachsen.

Kemal Kocak hat bei der Trauerfeier in Hanau geholfen, dass der Opfer angemessen gedacht wurde. «Du musst da reden», hatte Robert Erkan ihm gesagt, der Opferbetreuer der Stadt. Und so stand Kocak am 4. März am Pult und redete zum deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und zur Kanzlerin Angela Merkel, zu Hessens Ministerpräsident Bouffier und Hanaus Oberbürgermeister: «Was vorgefallen ist, tut mir so in der Seele weh, mein Herz blutet dermassen, ich kann das nicht mit Worten beschreiben.»

Er erzählte vom Kiosk, vom Leben der Ermordeten, «diese jungen Menschen dürfen wir nicht vergessen». Er sagte, dass nun alle aufstehen müssten in Hanau, Deutschland, der Welt, gegen Rassismus, Hass und Gewalt. Er erzählte allen von der lähmenden Angst, die ihn immer wieder überkommt. Er sagte den schlichten Satz: «Ich möchte keine Angst mehr haben.» Im Saal waren viele gerührt, Vizekanzler Olaf Scholz wollte ihm gratulieren, aber Kemal Kocak war schon weg. Man fand ihn im Kiosk. Einer muss sich ja um den Laden kümmern.