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Porträt ReproduktionsmedizinerDer Kindermacher

Dank dem Zürcher Fortpflanzungsexperten Bruno Imthurn haben mehr als 2000 Babys das Licht der Welt erblickt. Er kämpft dafür, dass Sterilität von Männern und Frauen kein Tabuthema mehr ist.

«Warum gibt es bei uns kein Egg-Sharing wie in England?», fragt Bruno Imthurn.
«Warum gibt es bei uns kein Egg-Sharing wie in England?», fragt Bruno Imthurn.
Foto: Sabina Bobst

«Kinder ja, aber noch nicht jetzt» – ein ganz gewöhnlicher Gedanke von vielen Frauen. Doch aufgepasst: Ab 35 tickt die biologische Uhr immer schneller. Die Fruchtbarkeit nimmt so stark ab, dass sie im Alter von 45 fast bei null ist. «Zack, bum, finito», sagt Bruno Imthurn. Auch beim Mann sinke die Spermienqualität mit der Zeit, aber erst ab 40 und langsamer.

Der Reproduktionsmediziner steht in einem fensterlosen Raum für Kryokonservierung neben den Labors und OP-Räumen des universitären Kinderwunschzentrums am Zürichberg. «In diesem Stahltank lagern bei minus 196 Grad Celsius bereits Hunderte von unbefruchteten Eizellen von Frauen, die sich ihre Chance auf ein Kind bewahren möchten», sagt er. Das sogenannte Social Freezing sei für junge Frauen eine Art Versicherung gegen eine spätere, altersbedingte Unfruchtbarkeit. Es sei eine Fristverlängerung, um ohne Stress den richtigen Partner für eine Familiengründung zu finden. Allerdings dürfe die gesetzliche Lagerdauer von zehn Jahren nicht überschritten werden.

Bei unserem Treffen im Juli war Imthurn noch Klinikdirektor für Reproduktions-Endokrinologie des Universitätsspitals Zürich und ordentlicher Professor für Fortpflanzungsmedizin. Seit Anfang August ist er nun pensioniert beziehungsweise emeritiert. «Ich muss mich an die neue Situation erst noch gewöhnen und bin momentan in einem Unruhe-Stand», sagt er lachend bei einem Telefongespräch diese Woche. Heute Abend kämen seine ehemaligen Labormitarbeiterinnen zu Besuch, weshalb er das Poulet schnell noch würzen und grillieren müsse.

Karten und Mails von glücklichen Eltern

Gedanklich wird er noch eine Weile am Spital sein, wo er rund drei Jahrzehnte mit grossem Engagement arbeitete. In den letzten Jahren konnte er sieben von zehn Paaren dank der Behandlungen zu einem Kind verhelfen. Früher war dies nur gerade bei jedem zehnten der Fall. Er freut sich über die vielen Karten und Mails von glücklichen Eltern. Einige schreiben ihm sogar regelmässig.

Bei Weiterbildungen und Forschungsaufenthalten in den USA und in Australien entdeckte er als junger Arzt das Fachgebiet der Reproduktionsmedizin, das zunehmend zu einer Leidenschaft wurde. «Ich vergleiche mich gern mit einem Weinbauern, der den perfekten Wein machen will, den ganzen Prozess aber immer wieder auch hinterfragt, damit die Methode noch besser funktioniert», erzählt der heute 65-Jährige, der als Kind in Romanshorn aufwuchs und in Zürich Medizin studierte.

In der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Unispital Zürich: Unter dem Mikroskop werden Ei- und Samenzelle zusammengefügt.
In der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Unispital Zürich: Unter dem Mikroskop werden Ei- und Samenzelle zusammengefügt.
Foto: Sabina Bobst

Wie viele Kinder wären ohne ihn und sein Team nicht auf der Welt? «Oh, das habe ich noch nie genau ausgerechnet», antwortet er. Vermutlich seien es insgesamt deutlich mehr als 2000 Babys. Bei jeder einzelnen Schwangerschaft habe er mitgefiebert, bis das Kind im Ultraschall zu sehen gewesen sei und das Herz in der siebten Woche zu schlagen begonnen habe. Denn nach wie vor gebe es trotz aller medizinischen Fortschritte auch Misserfolge, die manchmal schwer zu verkraften seien.

Die Schweiz habe eines der strengsten Fortpflanzungsmedizingesetze in Europa, sagt Imthurn. Weil etwa die Eizellspende weiterhin verboten sei, gingen jährlich Hunderte von Schweizer Paaren zur Erfüllung ihres Kinderwunsches ins Ausland. «Warum gibt es bei uns kein Egg-Sharing wie in England?», fragt er. Frauen können dort überzählige Eizellen, die sie selbst für ihre Behandlung nicht mehr brauchen, anderen zur Verfügung stellen. Das sei für ihn eine ethisch sehr gute Lösung. Denn auf diese Weise entsteht bereits nach der Implantation in den Mutterleib eine Bindung zum Kind.

«Weil die Eizellspende weiterhin verboten ist, gehen Hunderte von Schweizer Paaren zur Erfüllung ihres Kinderwunsches ins Ausland.»

Bruno Imthurn

Hierzulande ist es immer noch oft ein Tabuthema, wenn ein Paar keine Kinder bekommt. Dabei kann dies ganz banale Ursachen haben. So hatte etwa die Mutter von Louise Brown, dem ersten Retortenbaby, das 1978 im Royal Oldham Hospital auf die Welt kam, durch eine Chlamydien-Infektion einen Eileiterverschluss. Oft liegt es aber auch an der Unfruchtbarkeit des Mannes. Als Folge einer Mumpserkrankung können beispielsweise die Spermien missgebildet oder nicht in ausreichender Menge vorhanden sein.

Bei der klassischen In-vitro-Fertilisation bewegen sich im Medium in einer Petrischale die Spermien aus dem aufbereiteten Ejakulat von selbst auf die Eizelle zu. Ist die Qualität der Samenzellen jedoch zu schlecht, wird ein bewegliches und somit befruchtungsfähiges Spermium ausgesucht und unter dem Mikroskop mit einer Hohlnadel in die Eizelle injiziert. Die befruchtete Eizelle kommt dann für zwei bis fünf Tage in einen Brutkasten. Seit 2017 darf der sich dort entwickelnde, nur einen Bruchteil eines Millimeters grosse Embryo vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auch auf gesetzlich genau festgelegte Chromosomen- und Gendefekte untersucht werden.

Hoffnung durch Gebärmuttertransplantation

Manchmal wird Imthurn auch mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Das Argument lautet dabei meist ganz lapidar: Wenn wir weniger Menschen auf der Welt wären, hätten wir weniger Umweltprobleme. Doch die meisten Leute wüssten gar nicht, dass er durch das Verschreiben von Antibabypillen oder Hormonspiralen viel mehr Schwangerschaften verhindere als andersherum, sagt Imthurn. Selber wollte er zwar auch Kinder haben, doch dieses Glück blieb ihm und seiner Frau versagt.

Weil die katholische Kirche so konservativ denke und Bischof Vitus Huonder ihm als Ordinarius für Fortpflanzungsmedizin 2016 vor der damaligen Volksabstimmung über ein revidiertes Gesetz ein aufklärendes Gespräch verweigert habe, sei er nun endlich, aus diesem und vielen anderen Gründen, ausgetreten. Imthurn ärgert sich nicht mehr darüber, sondern schaut lieber nach vorn.

Zusammen mit dem Zürcher Chirurgen Pierre-Alain Clavien setzt er sich dafür ein, dass junge Frauen, die von Geburt an keinen Uterus haben, sich das fehlende Organ transplantieren lassen können, um ihren Kinderwunsch trotzdem zu erfüllen. Erstmals gelang dieser heikle Eingriff 2014 dem Göteborger Gynäkologen Mats Brännström: Eine 36-jährige Schwedin bekam ein gesundes Kind, nachdem eine 61-jährige Freundin der Familie ihren Uterus gespendet hatte und die junge Frau durch eine künstliche Befruchtung schwanger geworden war. 2018 gab es in Südamerika dann die weltweit erste Geburt nach einer Transplantation der Gebärmutter, die von einer hirntoten Spenderin stammte.

In der Schweiz wird bei einer Organspende eines Verstorbenen meist nur das Herz und die Lunge entnommen. «Warum in Zukunft nicht gleichzeitig auch den Uterus entfernen?», fragt Imthurn. Es höre sich vielleicht zuerst komisch an, sei aber aus medizinischer Sicht sehr sinnvoll und in den USA, Tschechien und Brasilien inzwischen erfolgreich durchgeführt worden. Clavien und er hätten deshalb vor einigen Wochen beim Bundesamt für Gesundheit einen Antrag für einen solchen Heilversuch gestellt. Dadurch könnte neben den ethisch ebenfalls umstrittenen Leihmutterschaften im Ausland auch eine Option in der Schweiz zur Verfügung gestellt werden, ist Imthurn überzeugt. Und man könnte hier jedes Jahr einigen Frauen helfen, die von einer solchen Fehlbildung betroffen seien.