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ProbefahrtDer Hoffnungsträger

Softwareprobleme haben die Auslieferung des vollelektrischen VW ID.3 verzögert. Jetzt soll er durchstarten und an die Erfolge von Käfer und Golf anknüpfen.

Eine neue Designsprache für eine neue Ära: Mit dem ID.3 will VW den langen Weg weg von fossilen Brennstoffen einleiten.
Eine neue Designsprache für eine neue Ära: Mit dem ID.3 will VW den langen Weg weg von fossilen Brennstoffen einleiten.
Foto: PD
Die neue Plattform erlaubt kurze Überhänge, einen langen Radstand und entsprechend viel Platz im Innenraum.
Die neue Plattform erlaubt kurze Überhänge, einen langen Radstand und entsprechend viel Platz im Innenraum.
Foto: PD
Um Gewicht zu sparen, bestehen die Türen aus Aluminium und die Heckklappe aus Kunststoff. Ein leichtes Auto ist der ID.3 wegen der Batterien trotzdem nicht.
Um Gewicht zu sparen, bestehen die Türen aus Aluminium und die Heckklappe aus Kunststoff. Ein leichtes Auto ist der ID.3 wegen der Batterien trotzdem nicht.
Foto: PD
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Ab etwa 2030 will VW die Entwicklung von Verbrennungsmotoren einstellen und voll auf die Elektrokarte setzen, wofür jetzt schon Milliardenbeträge investiert werden. Damit geht der ohnehin stark verschuldete Konzern ein grosses Risiko ein. Denn schon der erste Trumpf muss stechen, sonst stehen VW stürmische Zeiten bevor. Der neue ID.3 soll sich nicht nur in die Reihe der Erfolgsmodelle Käfer und Golf einordnen, von ihm hängt auch die Zukunft des Unternehmens ab. Das Elektroauto muss also das durch den Dieselskandal angekratzte Image aufpolieren und zum Gamechanger werden.

Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann ist optimistisch: «Ich bin davon überzeugt, dass der E-Mobilität nun endlich der Durchbruch gelingt.» Bis heute anhaltende Softwareprobleme sorgten allerdings für einen Kaltstart des ID.3. Der Hoffnungsträger kann jetzt gleichwohl schon bestellt werden und wird ab Herbst ausgeliefert – noch nicht ganz perfekt. Denn an jedem Tag, an dem die sonst eigentlich fertig gebauten Autos herumstehen, verliert VW Geld.

Softwareupdate nötig

Wer zu den ersten gehören will, die sich einen VW ID.3 zulegen, muss um den Jahreswechsel herum ein kostenloses Softwareupdate durchführen lassen. Das funktioniert nicht über die Luft, wie man erwarten würde, sondern muss in der Garage beim Händler erledigt werden. Dabei handelt es sich um die heutzutage ungemein wichtige Anbindung des Smartphones über Android Auto und Apple Carplay sowie um den Fernbereich der Augmented-Reality-Funktion im Head-up-Display. Autos, die im Jahr 2021 ausgeliefert werden, müssen nicht mehr nachgerüstet werden.

Abgesehen davon weist die Software noch andere kleinere Mängel auf. So findet man zum Beispiel im Menü den Tagesdurchschnittsverbrauch an einem Ort, wenn man den Wert auf null zurücksetzen will, muss man hingegen anderswo suchen. Und der gewählte Fahrmodus – Normal, Eco, Sport oder Individual – wird einem nirgends auf einem der beiden Displays angezeigt. Das mögen Kinderkrankheiten sein, sie zeigen aber auch, unter welchem Druck VW steht, den ID.3 endlich auf den Markt zu bringen. Immerhin: Weitere Updates sollen dann jeweils «over the air» erfolgen.

Der erste VW, den es nur mit E-Antrieb gibt, fährt sich trotzdem gut und hat durchaus das Zeug, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Durch die komplett neue Plattform hat der ID.3 sehr kurze Überhänge und dadurch viel Platz im Innenraum. Im Angebot sind etliche Funktionen wie etwa der Travel Assist, der innerorts automatisch das neue Tempo übernimmt und ausserorts wieder selbst beschleunigt. Mit dem Käfer verbindet den ID.3 der Heckantrieb und die geschlossene Front, da es keinen Kühlergrill mehr braucht. Ob die moderne Interpretation des Käfers den gleichen Kultstatus erreichen wird, wird sich weisen. Die Fahrleistungen des ID.3, der nicht als Sportwagen ausgelegt ist, sind beeindruckend. Um Gewicht zu sparen, bestehen die Türen aus Aluminium und die Heckklappe aus Kunststoff. Ein leichtes Auto ist der ID.3 wegen der Batterien trotzdem nicht, wiegt er doch mindestens rund 1700 Kilogramm.

Drei Reichweiten

Verbaut ist in allen Versionen der gleiche Elektromotor. Für unterschiedliche Reichweiten sorgt die Batteriegrösse, die verschiedenen Leistungsstufen werden von der Software bestimmt. Anfänglich sind fünf vorkonfigurierte Versionen zu haben, die auf dem Modell ID.3 Pro Performance mit einer 58-kWh-Batterie basieren und über 150 kW (204 PS) Leistung verfügen. Dank dem maximalen Drehmoment von 310 Newtonmetern ist Tempo 60 aus dem Stand in 3,4 Sekunden erreicht, bis 100 km/h dauert es etwa 8 Sekunden. 1976 liessen sich solche Werte nicht einmal mit dem ersten Golf GTI erreichen: Damals brauchte der schnellste VW über 9 Sekunden von 0 auf Tempo 100.

Die Ausstattung aller schon bestellbaren ID.3-Modelle umfasst eine automatische Distanzregelung, ein Komfort- und Infotainmentpaket mit Navigationssystem sowie eine induktive Ladestation für das Telefon. Eine maximale Reichweite von 420 Kilometern gibt VW für die ersten ID.3 an, was ein ordentlicher Wert ist. Versionen mit kleineren (45 kWh) und grösseren (77 kWh) Batterien werden erst 2021 ausgeliefert. Mit ihnen kommt man maximal 330 beziehungsweise 550 Kilometer weit. Weiter ist man auch mit einem Ur-Golf nicht gefahren. Vom Käfer ganz zu schweigen.