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Berner Ideen (6)Der grosse Wurf

Wer Boule spielt, hat im Winter ein Problem: kalte Hände. Der angefressene Bouliste Andreas Kappeler aus Mittelhäusern bringt jetzt Abhilfe auf den Markt: einen Kugelheizer.

Feuer und Flamme für seinen Prototyp: Andreas Kappeler demonstriert auf dem Bouleplatz in Mittelhäusern seinen Kugelheizer.
Feuer und Flamme für seinen Prototyp: Andreas Kappeler demonstriert auf dem Bouleplatz in Mittelhäusern seinen Kugelheizer.
Foto: Christian Pfander 

Der grosse Wurf! Es ist der Traum jedes Boulespielers, jeder Boulespielerin: die letzte Kugel, im richtigen Sekundenbruchteil aus der Hand gelassen, nach perfekter Flugbahn exakt so auf der Stirn des gegnerischen Spielgeräts landen zu lassen, dass sich dieses entfernt und das schon verloren geglaubte Spiel eine Wende erfährt.

«Handschuhe sind für eine Präzisionssportart eigentlich keine Option.»

Andreas Kappeler, Kugelheizer-Erfinder

Andreas Kappeler (52), als Lehrer an der Schule in Stettlen tätig, übt den grossen Wurf mit der Kugel auf der «Place de la Pétanque» in der Siedlung Strassweid in Mittelhäusern, wo er mit seiner Familie lebt, leidenschaftlich. Mitunter auch bei Beleuchtung bis spät in die Nacht.

Schon länger treibt Kappeler ein Problem um, das alle Boulomanen kennen, die nicht im milden Mittelmeerklima Südfrankreichs leben und ihrer Passion auch im Winter frönen: Die Metallkugeln werden eiskalt, «sie ziehen einem förmlich die Wärme aus den Fingern», sagt Kappeler.

Für Warmduscher?

In Mittelhäusern experimentierte die wetterfeste Ganzjahres-Bouletruppe in den letzten Jahren mit verschiedenen Methoden zur Kugelerwärmung – mit Fonduerechauds, Bettflaschen, Kübeln mit Heisswasser. Nichts überzeugte. Und ja, das Selbstverständnis, dass nur Warmduscher mit beheizten Kugeln spielen, machte die Hände auch nicht wärmer.

Handschuhe? «Sind für eine Präzisionssportart eigentlich keine Option», sagt Andreas Kappeler. Boulespieler schwören auf ihre eigenen Kugeln, deren Grösse individuell der Hand angepasst ist. Zum Spass könne man mal mit Handschuhen spielen, findet Kappeler, aber ein ernsthaftes Duell sei nur mit baren Händen möglich.

Ingenieur des boulistes: Die Kugeln liegen auf der mit Luftlöchern versehenen Auflage, damit das Feuer nicht erstickt.
Ingenieur des boulistes: Die Kugeln liegen auf der mit Luftlöchern versehenen Auflage, damit das Feuer nicht erstickt.
Foto: Christian Pfander 

Die Widerwärtigkeit unterkühlter Boulekugeln weckte Kappelers Erfindergeist. «Ich war sicher, es muss eine Lösung geben, ausgehend von der Grundidee eines Fonduerechauds.» Er begann, an einer Holzkiste in Schuhschachtelgrösse zu laborieren, die er mit Rechaudkerzen ausstattete und einer Auflage für drei oder sechs Boulekugeln.

Kappeler merkte rasch, dass er sich nicht eine kleine Bastelei vorgenommen hatte, sondern einen technischen Challenge. Das Hauptproblem: Den Rechaudkerzen, mit denen die Kugeln erwärmt werden, muss Luft zugeführt werden, damit die Flamme nicht erstickt. Aber es darf kein Zug entstehen, der die Wärme von den Kugeln lenkt oder die Kerzen gar auslöscht.

Spleeniger Spinner?

Der ausdauernde Tüftler Kappeler fand mit einem ausgeklügelten System von Bohrlöchern einen Weg. Am Ende stand er da mit dem Prototyp eines zerlegbaren Kugelheizers, den man einfach im Rucksack transportieren und auf dem Bouleplatz mit wenigen Handgriffen zusammensetzen kann. Und der funktioniert: Die von unten befeuerten Kugeln nehmen, da sich die Wärme im Metall rundherum verteilt, eine angenehme Temperatur an.

«Klar», sagt Kappeler, «wenn man sich an so etwas macht, läuft man Gefahr, als spleeniger Spinner gesehen zu werden.» Er liess sich nicht irritieren. Als er mit seinem Prototyp bei der Schreinerei von Rolf Graf in Stettlen vorsprach, fand der erfahrene Handwerker das Produkt des Selfmadeerfinders Kappeler faszinierend. Und war bereit, die fachmännische Produktion der ersten Serie von fünfzig Kugelheizern einzufädeln. Dieser Tage sollten sie zu Kappeler nach Hause geliefert werden, wo er sie verpackt und versandfertig macht.

Handwärmegarantie auch bei garstigem Winterwetter. Andreas Kappelers Boulekugeln ruhen über dem Feuer.
Handwärmegarantie auch bei garstigem Winterwetter. Andreas Kappelers Boulekugeln ruhen über dem Feuer.
Foto: Christian Pfander 

Inzwischen kultivierte Kappeler sein Kleinunternehmer-Gen. Er kalkulierte den Verkaufspreis (120 Franken) und entwickelte seine Kugelheizer-Website, über die er nun den Onlinevertrieb aufs Weihnachtsgeschäft hin lancieren will. Erhältlich ist der Bouleofen auch im Stadtberner Fachgeschäft «Drachenäscht».

«Mittel- bis langfristig schwebt mir eine patentbereite Profivariante aus Metall vor, die noch effizienter wäre.»

Andreas Kappeler, Kugelheizer-Erfinder

«Ich kann nicht abschätzen, ob wirklich eine Nachfrage besteht», sagt er. Bern hat eine kleine, aber beherzte Bouleszene. Wenn er seine erste Serie von fünfzig Kugelheizern verkaufe, sei er sehr zufrieden. Irgendwie, sagt er, staune er selber, dass vor ihm noch keiner einen Kugelwärmer zur Produktionsreife gebracht habe: «Ein schönes Gefühl», so Kappeler. Man könnte auch sagen: der grosse Wurf des Kleinstunternehmers.

Profi-Variante im Hinterkopf

Wobei: Manchmal verschwendet Kappeler schon den einen oder anderen Gedanken daran, wie es weitergehen könnte. Sein Holz-Kugelheizer verkörpert für ihn «den Charme des Erfindergeists». Mittel- bis langfristig «schwebt mir allerdings eine patentbereite Profivariante aus Metall vor, die noch effizienter wäre», betrieben wie ein Campingkocher mit Gas. Und perfekt genug, im Boule-Heimatland Frankreich mit 3,5 Millionen Pétanquespielern auch die «gros bras», die unschlagbaren Werfer, von gewärmten Kugeln zu überzeugen.

Der grosse Wurf – es ist vielleicht auch bei Andreas Kappeler immer der, der erst noch kommen wird.

1 Kommentar
    BaLo

    Tolle Idee - gut getüftelt😄💪🏼👌🏼