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Prozess Regionalgericht BernDer gefallene Starjurist hat alle Protektion verloren

Es wird eng: Den letzten Job ist Franz A. Zölch los. Sein Prozess wegen nie zurückbezahlter Darlehen aber könnte sich verzögern: Zölch ist im Spital.

Nachdenklicher Franz A. Zölch. Der frühere Jurist und Sportfunktionär muss sich wegen nicht zurückbezahlter Darlehen in Millionenhöhe vor Gericht verantworten.
Nachdenklicher Franz A. Zölch. Der frühere Jurist und Sportfunktionär muss sich wegen nicht zurückbezahlter Darlehen in Millionenhöhe vor Gericht verantworten.
Foto: Keystone

Der Überzug ist verschlissen, das Sofa durchgesessen. Im TV-Bildschirm an der Wand widerspiegelt sich die leise Tristesse eines kahlen Büroraums. Schwarze USM-Sideboards kauern an weissen Wänden, ein Schreibtisch steht ungenutzt im leeren Raum. Das wandfüllende, leer geräumte Büchergestell sieht aus wie ein Gerippe.

Auf dessen Tablaren hatte Franz A. Zölch (71) einst renommierter Berner Medienjurist, früherer Brigadier und Präsident der Eishockeyliga noch vor wenigen Monaten stolz die Sammlung des Bundesrechts aufgereiht. Die patriotisch roten Ordner waren in der analogen Ära ein Statussymbol von Anwälten. Aber die beste Zeit des Juristen Zölch liegt Jahre zurück. Der Verlag Werd & Weber in Gwatt bei Thun war sein letzter Auftraggeber, das Büro im Verlagshaus, das Verwaltungsratspräsident Theodor Weber gerade vorführt, seine letzte Zuflucht. Jetzt liegt das Büro, in dem alles Mobiliar dem Verlag gehört, brach. «Zölch ist weg», sagt Weber.

Anklage wegen Betrugs

Die Sonne scheint durchs Fenster, aber im kahlen Büro ahnt man die Schatten, die der anstehende Prozess vorauswirft. Von 9. bis 11. März soll Franz A. Zölch im Amthaus Bern vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland erscheinen. Er ist angeklagt wegen gewerbsmässigen, eventuell mehrfachen Betrugs. Die Anklageschrift listet acht Fälle von fünf Privatklägern auf. Sie werfen Zölch vor, er habe sie zwischen 2008 und 2012 für fünfstellige Darlehen angepumpt und diese trotz Betreibung nie zurückgezahlt. Er tischte den Spendern sich wiederholende Geschichten von Zahlungsengpässen und bald eintreffenden Honoraren auf, mit denen er die Schulden umgehend begleichen werde.

In der Anklage geht es um eine knappe halbe Million Franken. Hinzu kommt ein weiterer, von den Betreibungsämtern angezeigter Straftatbestand: Zölch hatte gepfändete Lohnanteile in sechsstelliger Höhe über Jahre nicht abgeliefert und für eigene Zwecke gebraucht. Seine gesamte Schuld und die Zahl der Geprellten sind indes noch weit höher. Bis zu vier Millionen Franken soll er über hundert gutgläubigen Opfern entlockt haben. So schätzt es die Interessengemeinschaft Zölch-Geschädigter (IGZG), in der sich die desillusionierten Opfer – einstige Freunde, Mitarbeiter, Sekretärinnen oder Geliebte organisiert haben. Den Glauben, ihr Geld wiederzusehen, haben sie längst verloren. Sie hoffen wenigstens auf eine Verurteilung.

Der Entscheid könnte sich allerdings noch einmal verzögern. Wie Zölchs Anwalt Martin Gärtl bestätigt, liegt sein Mandant im Spital. Noch hat das Gericht nicht über eine Verschiebung des Prozesses entschieden. Es würde ins langwierige Muster der Affäre Zölch passen: Schon früher konnte sich dieser durch Arztzeugnisse unangenehmen Terminen der Behörden und der Justiz entziehen.

Verlag trennt sich von Zölch

Mit Zölchs Auszug aus dem Büro in Gwatt dürfte dessen letztes Rettungsseil gerissen sein. «Wir haben den Mandatsvertrag mit ihm schon vor Monaten gekündigt und die Zusammenarbeit beendet», sagt Theodor Weber. Man habe Zölch beim Auszug geholfen. Ab und zu rufe er noch an und gratuliere Verlagsangestellten zum Geburtstag. Das war schon in besseren Zeiten Zölchs Aufmerksamkeitsmasche. Das Sekretariat seiner 2013 aufgelösten Berner Rechtskanzlei verschickte laut früheren Angestellten dauernd Glückwunschkarten.

«Seit einigen Monaten ist das Mandat von Franz A. Zölch gekündigt, es fliesst kein Geld mehr.»

Theodor Weber, Verwaltungsratspräsident Verlag Werd & Weber, Gwatt

Wo wohnt er nun? Weber zuckt die Schultern. Es ist eine Dauerfrage in der Causa Zölch. Für Behörden oder Gläubiger war Zölch immer wieder unerreichbar und ohne Adresse abgetaucht. Laut einem anonymen Hinweis, den diese Zeitung erhielt, zog der Schuldner nach dem Auszug bei Werd & Weber ausgerechnet ins nahe Viersternhotel Deltapark am Thunerseestrand. Dort kann er allerdings nicht mehr sein, das Hotel war die letzten zwei Februar-Wochen für einen Umbau geschlossen. «Mit seinen Schulden und Betreibungen kann Zölch ja gar keine Wohnung mieten», sagt Weber. Umgehen liesse sich diese Schwierigkeit mit einem temporären Aufenthalt in einer Airbnb-Wohnung, sagen Leute, die Zölch jüngst gesehen haben.

Die IG der Geprellten glaubt Theodor Weber nicht, dass die Zusammenarbeit wirklich beendet ist. Der Verlag habe schon früher angekündigt, die Kooperation herunterzufahren und habe sie dennoch fortgesetzt. Weber widerspricht: «Das Mandat wurde massiv reduziert. Zölch hatte noch hängige Projekte beendet, seit einigen Monaten aber ist das Mandat gekündigt, es fliesst kein Geld mehr.»

Franz A. Zölch in seinem Element – als Moderator.
Franz A. Zölch in seinem Element – als Moderator.
Foto: Rolf Jenni 

Zölch fädelte ab 2014 für den Verlag Buchprojekte ein, er empfahl Themen und Autoren. Eloquent und charmant moderierte er auch Buchvernissagen, so Ende 2018 jene einer Toni-Brunner-Biografie. Der Verlag profitierte von Zölchs weitreichendem Beziehungsnetz. Verlegerin Annette Weber, Theodor Webers Ehefrau, war erfreut. Zölch habe lange gar keine, dann übermässige Honorare eingefordert, sagt Theodor Weber. Man habe ihm dann auf Mandatsbasis monatlich 7000 bis 8000 Franken bezahlt. «Zölch war leistungsbereit, lieferte gute Arbeit, uns erschien der Betrag korrekt», erklärt Weber.

Büro als illegaler Wohnort

Vom Lohn zogen sie ihm eine Büromiete von rund 800 Franken ab. «Zölch hat nie gesagt, dass er da schläft. Es lagen auch nicht Kleider oder ein Pyjama herum», erinnert sich Weber. Den Angestellten des Verlags fiel dann auf, dass Zölch im Büro übernachtete, obwohl der Mietvertrag das ausschloss. Die Behörden der Stadt Thun monierten, da es sich um Büroräume und keine Wohnung handle, könne der Verlag nicht als Wohnsitz gelten.

Auf dem durchgesessenen Sofa in einem kahlen Büro des Verlags Werd & Weber übernachtete Franz A. Zölch jeweils.
Auf dem durchgesessenen Sofa in einem kahlen Büro des Verlags Werd & Weber übernachtete Franz A. Zölch jeweils.
Foto: Stefan von Bergen
Wie ein mächtiges Gerippe: Im leer geräumten Gestell hatte Zölch seine Gesetzessammlung aufgebaut.
Wie ein mächtiges Gerippe: Im leer geräumten Gestell hatte Zölch seine Gesetzessammlung aufgebaut.
Foto: Stefan von Bergen
Die grellen Farben verleihen Zölchs letzter Zuflucht kaum Wärme oder Gemütlichkeit.
Die grellen Farben verleihen Zölchs letzter Zuflucht kaum Wärme oder Gemütlichkeit.
Foto: Stefan von Bergen
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Weil Zölch nicht fest, sondern im Mandat angestellt war, habe das Betreibungsamt den gepfändeten Lohn nicht direkt beim Verlag einfordern können, kritisiert die IG. Theodor Weber wehrt sich: « Das Mandatsverhältnis war zu unserem Schutz, uns war klar, auf wen wir uns einliessen.» Tatsächlich hatten der «Beobachter» und die «SonntagsZeitung» schon ab 2008 berichtet, dass Zölch das Einkommen seiner damaligen Gattin, Alt-Regierungsrätin Elisabeth Zölch, aufgezehrt hatte und Bekannte anpumpte. «Wir haben in Sachen Zölch immer transparent mit den Behörden zusammengearbeitet», beteuert Weber.

Warum liessen er und seine Frau überhaupt zu, dass Zölch für den Verlag weibelte und so dessen Image trübte? «Es gab den Verlag schon vor der Zusammenarbeit mit Franz Zölch», betont Theodor Weber. Er verweist dann auf lokale Bande. Er stammt wie Zölch aus Spiez, man kennt sich aus der Jugendzeit. «Als alle Stricke rissen, ist er bei uns untergestanden», sagt Weber.

«Es ist doch gut, wenn jemand, der betrieben wird, noch Geld verdient», findet er. Leider haben die Gläubiger kaum etwas von diesem Geld erhalten, auch nicht das Betreibungsamt. Wohin all die gepumpten Summen versickerten, bleibt Zölchs Geheimnis.

«Man sagt leicht, man solle sich von jemandem trennen. Aber es ist hart, jemandem zu sagen, er müsse jetzt gehen, wenn man weiss, dass er nirgendwohin kann», fügt Weber an. In seinen Worten schwingt Mitleid mit und ein Gefühl für die Tragik im Fall Zölch. Den Geprellten allerdings ist das Mitleid vergangen, das sie zu Zahlungen an den einst Erfolgreichen bewegte.

Bis zu 10 Jahre Freiheitsstrafe

Auch wenn bei Zölch kaum etwas zu holen sein dürfte: Für die Geprellten, die IG und die Berner Betreibungs- oder Steuerbehörden wäre es zumindest eine Genugtuung, wenn Zölchs Vorgehen vom Gericht als willentliche Strategie geahndet würde. Dem Verlag Werd & Weber würde eine Verurteilung ersparen, noch einmal in Versuchung zu kommen, Zölch zu beschäftigen.

Anders als bei früheren Verfahren geht es diesmal nicht um einen einzelnen, sondern um eine ganz Reihe von Fällen und das System dahinter. Für Zölch könnte es bei der Anklage von Staatsanwalt Roland Kerner also eng werden. Erkennt das Gericht gewerbsmässigen Betrug, ist das maximale Strafmass 10 Jahre Freiheitsstrafe, für mehrfachen, aber nicht gewerbsmässigen Betrug wären es maximal 7,5 Jahre.

Die IG der Geprellten teilt mit, dass Zölch durch die Staatsanwaltschaft mehrfach einvernommen wurde. Diese hat in Bern auch einen Zeugen befragt, der Zölch belastet hat: den schillernden Briten Simon Welsh, der im Dezember 2019 in Vevey wegen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis unbedingt verurteilt worden ist.

«Zölch muss bei Justiz und Behörden die Protektion von früheren Weggefährten genossen haben.»

Interessengemeinschaft (IG) Zölch-Geschädigter

Welsh führte in Gstaad ein Leben auf grossem Fuss und auf Pump. Im Berner Oberländer Nobelort liess er sich von Franz A. Zölch vertreten. Das ist dem Urteil aus Vevey zu entnehmen, über das diese Zeitung berichtete. Welshs und Zölchs Methoden glichen sich frappant. Im Urteil liest man auch, dass Zölch bisweilen mit seiner Lebenspartnerin aus dem Saanenland als Geschäftsgespann auftrat. Die IG kennt unbestätigte Gerüchte aus Gstaad, wonach Zölch hohe Summen an sie transferiert habe. Weder sie noch Welsh sind allerdings im Fokus des anstehenden Verfahrens in Bern.

Auch Behörden auf Anklagebank

Im Berner Amthaus steht nicht nur Franz A. Zölch vor Gericht, in einem übertragenen Sinn sind auch die Berner Justiz und die Behörden auf der Anklagebank. Denn jahrelang unternahmen sie wenig gegen Zölchs Methoden. Die IG weiss aus Einblicken ins Betreibungsregister, dass Zölch systematisch Rechnungen nicht bezahlte. Die Betreibungsämter schoben den Fall dennoch hin und her, bevor sie korrekt Anzeige erstatteten, weil Zölch gepfändete Lohnanteile nicht ablieferte.

Im Amthaus in Bern soll ab dem 9. März über Franz A. Zölchs Vergehen geurteilt werden.
Im Amthaus in Bern soll ab dem 9. März über Franz A. Zölchs Vergehen geurteilt werden.
Foto: Keystone

Zudem liess die Justiz Zeit verstreichen. 2013 akzeptierte ein Berner Oberländer Staatsanwalt Zölchs Auskunft, er könne seine Ausstände derzeit nicht zurückzahlen. Der Staatsanwalt liess das Verfahren dann drei Jahre lang ruhen, bis er Ende 2016 die Nichtanhandnahme beschloss. Dass sich Zölch jahrelang weigerte, die Pfändungsaufforderungen zu erfüllen, hat für ihn erst jetzt mit der aktuellen Anklage rechtliche Folgen. Die IG der Geschädigten hat nun die Justizkommission des Grossen Rates in einem Brief auf diese «Verschleppung von Verfahren» und eine «Vorzugsbehandlung» von Zölch aufmerksam gemacht.

Die Geprellten haben dafür eine Erklärung: Zölch müsse bei Justiz und Behörden die Protektion von früheren Weggefährten und Militärkollegen genossen haben. Dass jetzt ein umfangreicheres Verfahren stattfindet, könnte also zeigen, dass Zölchs Seilschaften wie er selber im Pensionsalter angekommen sind und keinen Einfluss mehr haben. Bei der IG ist man allerdings skeptisch, ob die Berner Justiz nun ohne joviale Schonung Klarheit schaffen will. Es habe immer den Druck der Opfer-IG gebraucht, damit sich die Behörden bewegt hätten.