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Junge Autorinnen im Interview«Der Frauenstreik war ein wichtiger Anfang»

Die Bernerin Regula Portillo und die Ostschweizerin Laura Vogt haben neue Bücher übers Frau- und Muttersein geschrieben. Sie räumen mit Klischees auf.

Regula Portillo (links) und Laura Vogt im Innenhof des Berner Generationenhauses.  Sie stellen am 7. März in Thun ihre neuen Bücher vor.
Regula Portillo (links) und Laura Vogt im Innenhof des Berner Generationenhauses. Sie stellen am 7. März in Thun ihre neuen Bücher vor.
Franziska Rothenbuehler

Dieses Interview wurde ursprünglich in Hinblick auf das Thuner Literaturfestival Literaare geführt. Wie am Donnerstag bekannt wurde, ist das Literaare wegen der Massnahmen gegen das Coronavirus abgesagt.

Frau Vogt, Frau Portillo, am 8. März ist Weltfrauentag. Was machen Sie?

Laura Vogt: Ich würde gerne eine oder mehrere Veranstaltungen besuchen, aber an diesem Wochenende ist ja das Thuner Literaturfestival Literaare, an dem ich mein neues Buch vorstelle. Das Thema Feminismus und die Diskussion über Frauen- und Männerrollen finde ich unglaublich wichtig. Doch dafür muss man ja nicht unbedingt einen bestimmten Tag zelebrieren.

Und Sie, Frau Portillo?

Regula Portillo: Ich werde am 8. März in der Stadt Bern unterwegs sein und schauen, was läuft. Ich denke, der Weltfrauentag ist ein weniger grosses Thema als vor einem Jahr. Damals stand ja im Juni der nationale Frauenstreik an.

Hat der Frauenstreik eigentlich etwas verändert?

Vogt: Die Energie am 14. Juni 2019 war gewaltig. Aber seither ist inhaltlich nicht wahnsinnig viel passiert.

Portillo: Auf politischer Ebene sind die Ergebnisse eher enttäuschend. Das revidierte Gleichstellungsgesetz beispielsweise, das grössere Unternehmen verpflichtet, alle vier Jahre Lohnanalysen durchzuführen, ist eine Ernüchterung. So kann man zu tiefe Frauenlöhne kaum verhindern. Aber in der öffentlichen Diskussion hat der Frauenstreik viel verändert.

Vogt: Ja, und das ist ein wichtiger Anfang.

Portillo: Was mir öfters auffällt: Männer mit sehr konservativen Vorstellungen haben einen immer schwierigeren Stand. In öffentlichen Diskussionen werden sie zunehmend in die Ecke gedrängt mit ihren Ansichten.

Sie haben beide Bücher über Mütter geschrieben, die teilweise hadern. Wieso geht es Ihnen vor allem um die Schattenseiten des Mutterseins?

Vogt: Das Muttersein ist mit so vielen Stereotypen behaftet. Zahlreiche Leute sagen einem ungefragt: «Die Zeit, in der die Kinder noch ganz klein sind, ist die schönste deines Lebens.» Oder: «Eine schwangere Frau sieht doch immer glücklich aus.» Die Erwartungen an Mütter sind immens. Dabei gibt es neben allem Wunderbaren auch viele schmerzhafte Momente, wie ich als zweifache Mutter selbst erfahren habe. Darüber wollte ich in meinem Buch «Was uns betrifft» unter anderem schreiben.

Portillo: Ich wollte in «Andersland» auch die stereotypen Rollenbilder aufbrechen. Nicht nur Mütter können ein Kind aufziehen, Väter sind dafür genauso qualifiziert, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die Hauptfigur in meinem Buch lebt ja zuerst bei ihrem Vater, nach dessen Tod möchten ein schwules Verwandtenpaar sie adoptieren, darf dies aber aus rechtlichen Gründen nicht.

Ist das ein politisches Statement? Sind Sie dafür, dass Homosexuelle Kinder adoptieren können?

Portillo: Ja. Ich denke, ob Kinder glücklich aufwachsen oder nicht, hat nichts mit der Elternkonstellation zu tun. Es kann ihnen genauso gut oder genauso schlecht gehen mit zwei Vätern wie mit Mutter und Vater oder mit einem alleinerziehenden Elternteil.

In Ihren Büchern legen die Frauen die Regeln in der Familie fest, sie entscheiden, wer wie viel Kontakt zu den Kindern hat. Erleben Sie das auch so?

Vogt: Ich sehe ganz unterschiedliche Ansätze in meinem Umfeld. Einerseits reden Frauen in der Regel öfter mit anderen darüber, wie sie ihr Leben gestalten wollen, und haben dadurch klarere Vorstellungen. Gleichzeitig nehmen sich viele Frauen mit dem ersten Kind stärker zurück als Männer. Sie erklären dann, dass sie zwar gerne mehr als einen Tag in der Woche arbeiten würden, aber das gehe leider nicht. Und dann kommt oft das Argument, der Mann verdiene halt mehr als sie.

Wie machen Sie es denn?

Vogt: Mein Partner und ich teilen uns die Aufgaben fifty-fifty. Das finde ich wunderbar, weil es mir Freiheit gibt. Wenn mein vierjähriger Sohn krank ist, dann spielt es für ihn keine Rolle, ob sich Mami oder Papi um ihn kümmert. Aber es wird sicher spannend sein, mit ihm in zehn, zwanzig Jahren darüber zu sprechen. Vermutlich wird er auch manches schwierig finden an unserem Konzept.

Portillo: Wir haben elfjährige Zwillinge. Mein Mann hat ein höheres Stellenpensum als ich, weil es in seinem Beruf schwierig ist, eine Teilzeitstelle zu finden.

Eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer macht es genauso. Vielleicht hat sich das Modell einfach bewährt.

Vogt: Das Modell «Frau – Teilzeit, Mann – Fast-Vollzeit» bürdet den Müttern wahnsinnig viel auf. Den starken Fokus auf die klassische Kleinfamilie in der Schweiz finde ich ohnehin sehr schwierig. So viele Leute sind im Stress, weil sie das Gefühl haben, alles abdecken zu müssen. Oft ist es doch einfach langweilig und anstrengend, den ganzen Tag mit seinem Kind allein daheim zu sitzen und nebenbei den Haushalt zu erledigen. Und dann fühlt man sich dazu verpflichtet, mit dem Kind zu spielen. Dabei wäre eine grössere Gemeinschaft so wichtig, finde ich, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern.

Wieso wählen trotzdem so viele die klassische Rollenverteilung?

Vogt: Weil es der Norm entspricht. Ich vermute, viele überlegen sich gar nicht, welche Möglichkeiten es noch gäbe. Es ist zudem eine politische und wirtschaftliche Frage, ob wir als Gesellschaft nicht mehr Teilzeitstellen
einrichten möchten, damit auch Väter ihr Pensum reduzieren können.

Portillo: Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es Familien mit tiefen Einkommen gibt, bei denen beide Elternteile aus finanziellen Gründen arbeiten müssen. Nicht immer ist das gewählte Modell selbstbestimmt.

Generell kann man aber sagen: Frauen sollten sich möglichst einen Job suchen, in dem sie gleich viel verdienen können wie ein Mann.

Vogt: Ja, aber dass sie das nicht tun, liegt auch daran, wie ein Mädchen schon früh lernt, aufzutreten. Eine junge Frau, die klare Forderungen stellt, gilt sofort als aufmüpfig und anstrengend. Bei einem Mann denkt man: Aha, der hat Biss. Das Verhalten wird also ganz unterschiedlich bewertet. So wird es schwierig, im Beruf gleich schnell voranzukommen wie ein Mann.

Portillo: Und das zieht sich durch. Frauen in Spitzenpositionen wirken härter und oft unsympathischer als ihre männlichen Kollegen. Aber wenn sie nicht so wären, dann hätten sie es gar nicht so weit gebracht.

Wie würde denn die perfekte Zukunft aussehen?

Vogt: Ich wünschte mir, dass die Normen mehr überdacht werden und sich alle genau für das Lebensmodell entscheiden können, das ihnen am meisten entspricht – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Portillo: Genau, und ohne dabei von wirtschaftlichen Zwängen eingeengt zu sein.

Literaare: 6. bis 8. 3. 2020, Thun. Das Literaturfestival findet statt. Gäste müssen sich aber registrieren lassen und bestätigen, dass sie sich in den letzten vierzehn Tagen nicht in einem Coronavirus-Gebiet aufgehalten haben.

Das Literaare wurde wegen der Massnahmen gegen das Coronavirus abgesagt, wie am Donnerstagmorgen bekannt wurde.