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Schweizer Corona-StudieDer erste Lockdown rettete 35’000 Menschen das Leben

Die Schweiz befindet sich seit Dezember in einem zweiten Lockdown. Eine Tessiner Studie zeigt nun: Der erste Lockdown rettete zehntausenden Menschen das Leben.

Der erste Lockdown hat in der Schweiz 35’000 Menschenleben gerettet.
Der erste Lockdown hat in der Schweiz 35’000 Menschenleben gerettet.
via REUTERS
Das haben ein Forscher und eine Forscherin der Università della Svizzera Italiana in Lugano berechnet.
Das haben ein Forscher und eine Forscherin der Università della Svizzera Italiana in Lugano berechnet.
USI
Der volkswirtschaftliche Schaden hätte noch besser abgewendet können, wenn man auf Lockerungen im Sommer verzichtet hätte, sagt ein Berliner Forscher.
Der volkswirtschaftliche Schaden hätte noch besser abgewendet können, wenn man auf Lockerungen im Sommer verzichtet hätte, sagt ein Berliner Forscher.
imago images/Hollandse Hoogte
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Die Schweiz befindet sich seit dem 18. Januar in einem Quasi-Lockdown: Restaurants, Kinos und Theater bleiben genauso geschlossen wie Geschäfte, die nicht Produkte des täglichen Lebens anbieten. Mit diesen Massnahmen hadern viele: Besonders die Wirtschaftsverbände hätten sich gewünscht, einen zweiten Lockdown verhindern zu können.

Eine Studie der Università della Svizzera Italiana in Lugano hat berechnet: Der erste Lockdown hat in der Schweiz 35’000 Menschen das Leben gerettet. Das berichtet die «NZZ am Sonntag» (Bezahlartikel). Die Studie gründet auf ein epidemiologisches Modell, das die Wirtschafts-Doktoranden Nicolò Gatti und Beatrice Retali entwickelt haben.

65’000 Leben gerettet

Demnach konnten im ersten Lockdown zwischen März und Juni letzten Jahres 30’000 Menschenleben direkt gerettet werden. Weitere 5000 Überlebende kamen hinzu, weil durch den Lockdown eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden konnte, schliessen die Forscher in ihrer Studie.

Einen fast gleich grossen Nutzen hatte der bereits vor dem Lockdown erfolgte freiwillige Verzicht auf Kontakte. Damit wurden weitere 30’000 Todesfälle verhindert, rechnen Gatti und Retali vor. In anderen Worten: Dank Lockdown und den von den Menschen freiwillig ergriffenen Massnahmen sind heute 65’000 Menschen noch am Leben, die ansonsten am Virus oder seinen Folgen gestorben wären.

6,7 Millionen Franken für ein Menschenleben

In einem zweiten Schritt interessierten sich die Tessiner Forscher für den volkswirtschaftlichen Nutzen, den die verhinderten Tode hatten. Dazu griffen sie auf den Wert des sogenannten «value of statistical life» zurück. Dieser drückt aus, wie viel Geld ein Mensch zahlen würde, um sein Leben um ein Jahr zu verlängern. In der Schweiz liegt dieser Wert gemäss Berechnungen des Bundes bei 6,7 Millionen Franken.

Mit diesen und anderen Parametern berechneten Gatti und Retali einen für die Schweiz resultierenden Nutzen von 100 Milliarden Schweizer Franken. Zum Vergleich: Auf Stufe Bund kostete die Pandemie bislang 41 Milliarden Franken mehr als budgetiert.

«Mit zweitem Lockdown kauft man sich Zeit»

Die Bewältigung der Krise wäre aber noch effizienter und ökonomischer gegangen. Das zumindest sagt der Forscher Matthias Trabandt von der freien Universität Berlin. «Wenn die Politik optimal gewesen wäre, hätte es keine zweite Welle gegeben», sagt er.

Die niedrigsten volkswirtschaftlichen Kosten entstehen nämlich dann, wenn eine Epidemie nur mit einer Infektionswelle überstanden wird. Die allermeisten Länder hätten im Sommer also zu früh gelockert, ist Trabandt überzeugt.

Das sei umso verheerender, als dass mittlerweile ja Impfstoffe existieren, mit denen man innert weniger Monate die Bevölkerung immun gegen das Virus machen kann. Nun sei ein strenger Lockdown, den viele europäische Länder beschlossen haben, das beste Mittel: «Damit kauft man sich Zeit, bis die Impfung die erforderliche Immunität in der Bevölkerung herstellt», sagt Trabandt.

red

101 Kommentare
    Ueli Berger

    Wievele Opfer es wegen der folgen des lockdowns gibt werden wir nie erfahren, denn diese Zahlen werden nicht erfasst und tot geschwiegen.

    Die angeblich verhinderten Opfer sind nichts mehr als theoretische Zahlenspielerei