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Nachruf auf Werner DüggelinDer Dügg ist tot

Einer der grossen Regisseure des deutschsprachigen Theaters ist 90-jährig gestorben. Wir werden seinesgleichen nicht mehr sehen.

Der Schweizer Regisseur Werner Düggelin in der Kulisse des Stücks «Der Geizige», aufgenommen 2005, im Schauspielhaus Zürich.
Der Schweizer Regisseur Werner Düggelin in der Kulisse des Stücks «Der Geizige», aufgenommen 2005, im Schauspielhaus Zürich.
Foto: Keystone

Der Regisseur Werner Düggelin war einer der Reinen, die er selbst bewunderte, und weil er es war, hätte er so etwas Feierliches nie von sich selbst gesagt. Das lag ihm nicht, bei allem Selbstbewusstsein. Er hat die Reinheit nicht als Panzer aus Pathos um sich getragen, sondern als Traum in sich. In Interviews nannte er diesen Traum ganz einfach «Leidenschaft»; und je älter er wurde, desto sehnsüchtiger klang das, weil am Theater, wie er sagte, die «Spinner» immer weniger und die «Quotenidioten» immer mehr würden.

Er aber hatte der einen Leidenschaft sein Leben, Lieben und Spinnen verschrieben, alles, was in ihm an fantastischer Begabung, Willen zum Vergnügen, Talent zum Genuss, Denklust und Beziehungsfähigkeit war. Darin hatte er etwas geradezu Mönchisches (obwohl er gewiss nicht zum Klösterlichen neigte). Er träumte – immer noch, wie die Mönche vom Paradies – vom idealen Theater, das die Welt bedeutet und sie verändert. Geglaubt hat er schon lang nicht mehr an diese Veränderungskraft, rundum sah er Stagnation und verbeamtete Welterklärungsroutine und hasste sie von Herzen.

Erst Fastnacht, dann Theater – aus Zufall

Aber das Träumen hat mit dem Glauben ja wenig zu tun, und bis zuletzt war es Düggelin den Versuch wert, seine Neugier auf das, was am Theater noch beweglich und bewegend war, mit anderen zu teilen. Es machte ihm Spass, und er meinte es todernst. Das eine ging bei ihm nicht ohne das andere. Mit der Zeit hatte er einen Stil der Reduktion entwickelt, der kein Allotria duldete im Verhältnis zwischen dem Regisseur, seinen Schauspielern («seinen», denn ihm falle nur zu Menschen etwas ein, die er möge, behauptete er) und einem dramatischen Text. Das war sein theatralisches Reinheitsgebot. «Pureté» nannte er es einmal, das Wort entlieh er sich vom Theaterpriester Antoine Artaud – nur das vernünftige Wort, nicht Artauds rauschhaften Umgang damit –, und er verstand darunter «eine fast schmerzhafte Konzentration» und eine «Konsequenz», die auch wehtun könne.

Werner Düggelin probierte vieles aus. Unter anderem leitete er 1981 die Aufzeichnung des Stücks «Johanna auf dem Scheiterhaufen» für das Schweizer Fernsehen.
Werner Düggelin probierte vieles aus. Unter anderem leitete er 1981 die Aufzeichnung des Stücks «Johanna auf dem Scheiterhaufen» für das Schweizer Fernsehen.
Foto: Keystone

Wahrscheinlich wird heute selten noch jemand so Regisseur, wie Düggelin es wurde. Geboren 1929, wuchs er auf im schwyzerischen Siebnen, der Sohn eines Schreinermeisters und ein rechter Innerschweizer Bub mit einer Freude an der archaischen Fastnacht und ihren Hexenmasken. Er hat sich aber daraus keine Legende von einer frühen theatralischen Sendung gestrickt. Das Theater ergriff ihn, als er es wirklich kennen lernte. Ein Berufener aus Zufall. Damals studierte er Germanistik in Zürich und wurde, eigentlich aus Geldnot, Beleuchter am Schauspielhaus (Proszeniumsloge rechts, bei den Scheinwerfern fürs Licht vom Saal her), und da wars um ihn geschehen.

Er kam, sah, wusste alles besser und wurde Regisseur, weil er sich sagte, er sei einer, und weil es eben diese Spinner gab, die es für möglich hielten: Leopold Lindtberg, der ihn assistieren liess und ihm riet, nach Paris zu gehen; die jungen Schauspieler, mit denen er, selbst kaum zweiundzwanzig, eine Compagnie in Asnières gründete, wo man dann lebte von Theaterluft und Haferflocken mit Milch; der Regisseur Roger Blin, der ihn 1953 teilhaben liess an der Uraufführung von Samuel Becketts «Warten auf Godot». Von diesen 50er-Jahren hat Werner Düggelin im Alter, das ihn nicht kühl machte, immer noch mit warm gebliebener Begeisterung erzählt und mit treuer Verehrung für Blin und für die grossen französischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Und für Beckett, den er für den grössten von allen hielt.

Kommunist, Pornograf, Kindsverderber

Er hat diese Verehrung in mancher Inszenierung umgesetzt, ein langes Regisseursleben lang. Denn mit Düggelin ging es nach der Pariser Zeit als Regisseur geradezu unheimlich schnell vorwärts: mit fünfundzwanzig in Darmstadt, mit sechsundzwanzig am Wiener Burgtheater, danach im ganzen deutschsprachigen Raum und immer wieder in Zürich, bis er 1968 in Basel Intendant wurde, zum ersten und einzigen Mal und unter der Bedingung, nicht der Pensionskasse beitreten zu müssen.

Erst war er Beleuchter im Zürcher Schauspielhaus, Jahre später brachte er selbst Stücke auf die Bühne. Hier: «Der Bürger als Edelmann», von Molière, in einer Fassung von Werner Düggelin, 2014.
Erst war er Beleuchter im Zürcher Schauspielhaus, Jahre später brachte er selbst Stücke auf die Bühne. Hier: «Der Bürger als Edelmann», von Molière, in einer Fassung von Werner Düggelin, 2014.
Foto: Keystone

Seine Direktions-Ära (bis 1975) ist heute eine grandiose, auf Wahrheit beruhende Legende. Es ging in Basel tatsächlich um nicht weniger als die Verbesserung der Welt anhand einer Stadt. Für eine Stadt. Ein Theatermann, sagte Düggelin später, habe deshalb damals Kommunist, Pornograf und Kindsverderber werden müssen, gewissermassen aus künstlerischem Anstand. Es handelte sich aber gar nicht so sehr darum, das Behäbige durch eine pornografische Aufregung zu ersetzen, sondern um szenische Gedankenarbeit, um Mut zur Wirklichkeit, zur Offenheit und auch zum Irrtum.

Das war der wahre theatralische Aufstand, und wers erlebt hat, und sei es nur am Rand, bewahrt ein paar grossartige Erinnerungen. Zum Beispiel begegnete ein Sechzehnjähriger in der Basler «Komödie» zum ersten Mal Becketts «Godot». Inszeniert hatte Hans Bauer, man könnte heute sagen: in reinem düggelinschen Geist, nämlich ohne die Absurdität als «absurdes Theater» zu etikettieren. Hubert Kronlachner und Horst Christian Beckmann spielten den Estragon und den Wladimir, Peter Brogle war Lucky, und es war Clownerie, die aus dem Inneren der traurigen menschlichen Normalität kam, und es war Veitstanz einer bizarren Rhetorik, und der Sechzehnjährige verstand das ja alles gar nicht recht, begriff aber, dass da von der Wirklichkeit und ihrem Elend erzählt wurde.

Zwist mit Dürrenmatt

Andere Erinnerungen kommen dazu: an die von dieser Direktion initiierten, historisch aktuellen «Montagabende»; an die Billett-Lotterie, mit der Werner Düggelin und Helmut Benthaus, der Trainer des FC Basel, sehr erfolgreich zwei dramatische Sparten, das Theater und den Fussball, kreuzten und zusammenbrachten. Und schliesslich wars, 1969, auch die Zeit des Co-Direktors Friedrich Dürrenmatt und seiner wilden Bearbeitung von Shakespeares «König Johann» oder seines Strindberg-Experiments im Beziehungsboxring («Play Strindberg»). Er verstand viel vom Theater, allerdings nichts von einem Stadttheater. Das ging übel aus. Dürrenmatt verliess Basel unter dem Absingen wüstester Lieder auf die Unfähigkeit des Direktors Düggelin. Es schien manchen zunächst wie das Scheitern eines Traums von einer Bühne als Weltlaboratorium.

Regisseur Werner Düggelin war bekannt für seine Dürrenmatt-Inszenierungen. Hier ist er (links) mit dem Autor (Mitte) zu sehen, in der Hauptprobe zu «Die Wiedertäufer».
Regisseur Werner Düggelin war bekannt für seine Dürrenmatt-Inszenierungen. Hier ist er (links) mit dem Autor (Mitte) zu sehen, in der Hauptprobe zu «Die Wiedertäufer».
Foto: Keystone

Aber am Ende, sagte der Theaterkritiker Reinhardt Stumm einmal, habe der Dürrenmatt dann «in Basel niemandem wirklich gefehlt». Der Dügg schon, als er sich 1975 wieder seine Freiheit als freier Regisseur nahm (und später, weil ihn das Theater eine Zeitlang nicht mehr freute, als Leiter des Centre Culturel Suisse in Paris). Man hat ihn oft gefragt, wie er sich seine Neugier erhalte. Weil er nie etwas zweimal mache und sich so den Spass bewahre, antwortete er dann. Er wollte seine Erinnerungen nicht in einer Blase aus Nostalgie verhätscheln und sie als Routine aus der Schublade ziehen. So, wahrscheinlich, blieb das Theater in ihm jung.

Und deshalb wird man sich an ihn erinnern und dabei ein wenig nostalgisch werden. Werner Düggelin ist in der Nacht auf heute im Basler Claraspital 90-jährig gestorben.