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Zum Tod von Alfred KolleritschDer Dichtervater von Graz

Mit der Zeitschrift «Manuskripte» machte der Lyriker und Romanautor seine Stadt für eine Weile zum Zentrum der deutschsprachigen Literatur. Seine literarische Nachkommenschaft ist immens.

Alfred Kolleritsch anlässlich der Feier zu 40 Jahre «manuskripte» im Jahre 2000. Der Autor ist am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben.
Alfred Kolleritsch anlässlich der Feier zu 40 Jahre «manuskripte» im Jahre 2000. Der Autor ist am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben.
Mathias Lehmann

Merkwürdig, dass die Habsburger, die doch durch Karl Kraus dagegen gefeit sein sollten, einen solchen Narren an Martin Heidegger gefressen haben. Paul Celan, dieser «masslose Masochist» (Peter Hamm), musste unbedingt nach Todtnauberg pilgern, Ingeborg Bachmann hat über ihn promoviert und auch Alfred Kolleritsch hat seinen Doktor mit der «Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit in der Philosophie» des Schwarzwälder Grossrauners gemacht. Damit hätte er unauffällig seiner Schullaufbahn folgen können, wenn ihm nicht das gute alte Österreich dazwischengekommen wäre. 1963 wurde Kolleritsch zum Landesschulrat zitiert, weil er mit seinen Schülern am Akademischen Gymnasium in Graz Sartre, Camus und, nicht auszudenken!, Arno Schmidt durchgenommen hatte. Zu seinem Glück war er da bereits «pragmatisiert», also Beamter, und einigermassen sicher vor den Nachstellungen der ungebrochen reaktionären Staatsmacht.

1960 hatte er die «manuskripte» gegründet, ein hektographiertes Blättchen zunächst, Auflage stolze einhundert Stück, das zur bedeutendsten Literaturzeitschrift in allen deutschsprachigen Ländern werden sollte. Das Forum Stadtpark, anfangs nicht mehr als ein Literaturclub, wuchs zu einer literarischen Gegenmacht heran. Kolleritsch holte die in ihrer Heimatstadt nicht übermässig geschätzte «Wiener Gruppe» ins Steiermärkische, druckte Gerhard Rühm, H. C. Artmann, Konrad Bayer und vor allem in schier endlosen Bleiwüsten das wunderschöne Geröll von Oswald Wieners Epopöe «die verbesserung von mitteleuropa, roman», was dem Redakteur einen sauberen Pornographie-Prozess eintrug und endlich Aufsehen für die Zeitschrift bis nach Deutschland brachte.

Schönheit als die erste Bürgerpflicht

Kolleritsch hat gelegentlich darauf hingewiesen, dass es in «Österreich einen sehr dichten Bodensatz von Leuten gibt, die immer wieder bereit sind, definierten Faschismus günstiger zu beurteilen und ihm eher zu folgen als allem anderen». Die «manuskripte» boten das Gegenprogramm, die den Alten so verhasste Moderne. Graz wurde unter dem Zepter des philosophischen Lehrers die heimliche Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur. Hier traten Barbara Frischmuth, Klaus Hoffer, Gert Jonke, Helmut Eisendle, Gerhard Roth und Elfriede Jelinek in Erscheinung. Peter Handke war natürlich der Bekannteste; er hat die Zeitschrift sogar eine Zeitlang finanziert. «Schönheit ist die erste Bürgerpflicht», der Briefwechsel der beiden, ist Zeugnis einer fast lebenslangen Freundschaft.

Kolleritsch hat gern zugegeben, dass ihn der Auftritt all der Autoren, die er als Herausgeber ins Blatt holte, lange hemmte, aber «die Jungen haben mein eigenes Schreiben erweckt». Wenn er in seinem ersten Roman «Die Pfirsichtöter» (1972) die Vorbereitungen für ein gargantueskes Mahl schildert, klingt er wie Hoffer oder Jonke («Das Mahl ist die Spekulation mit der Ewigkeit»), ist aber nach wie vor imprägniert von Heidegger: «Dinge werden zu Dingen gebracht. (...) Das Schöne ist das Ewige. Das Ewige ist die Speise Gottes.»

Der Philosoph trat hinter den Dichter zurück

Sein eigenes Eigentliches fand Kolleritsch erst in den Gedichten, die seit den Siebzigerjahren in regelmässiger Folge erschienen. Bereits die Titel dieser jugendstilhaft schmalen Bände waren reiner Gesang: «Im Vorfeld der Augen», «In den Tälern der Welt» oder «Die Nacht des Sehens». Der Philosoph trat hinter den Dichter zurück und konnte sich einer scheinbar von keinem Denken beschwerten Bukolik hingeben: «Das Jahr versinkt im Garten,das Überwuchern, Früchte,/es schlüpfen Schlangen,/und Reiher lauern, strenge Pfeile,/den Zaun entlang, von toten Bäumen herabgestürzt, graue Gier,/eichenmordend, Zeit.»

Mit zahllosen Preisen versehen und nur knapp der Ernennung zum k.u.k. Hofrat entgangen präsidierte Kolleritsch in Graz wie ein neuer Dichtervater Johann Wilhelm Ludwig Gleim über eine literarische Nachkommenschaft, wie es sie in der österreichischen Literatur nirgends sonst gegeben hat. «Lichtstreifen wanderten über die Bücherregale», geht eines seiner Gedichte, «die Bilder hingen im Schatten,/Freundesgestalten traten heraus, Zitate.» Am vergangen Freitag ist der grosse Literaturfreund Alfred Kolleritsch im Alter von 89 Jahren in Graz gestorben.