Zum Hauptinhalt springen

Umbau Bahnhof BernDer Clinch um das neue Gesicht der Stadt

Der Umbau des Bahnhofs zwingt die Stadt zu umstrittenen Massnahmen am Hirschengraben, die wie Salz in alten Wunden der Stadtpolitik wirken.

Verpasste städtebauliche Chance? Der geplante neue Eingang Mitte zum ausgebauten Bahnhof Bern, in der Ansicht vom Hirschengraben her.
Verpasste städtebauliche Chance? Der geplante neue Eingang Mitte zum ausgebauten Bahnhof Bern, in der Ansicht vom Hirschengraben her.
Visualisierung: zvg

Autos. Velos. Bäume. Pflastersteine. An diesen Themen läuft die Berner Stadtpolitik gern ins Feuer, und mit «Zukunft Bahnhof Bern» kommt am Donnerstag ein Monsterprojekt ins Stadtparlament, das alle diese heissen Eisen vereinigt. Der Jahrhundertumbau des Bahnhofs unter Federführung von SBB, RBS und Kanton Bern ist längst im Gang, die Rolle der Stadt könnte man als Ausputzerin bezeichnen: Sie muss die wachsenden Pendlerströme aufnehmen und kanalisieren. Und dafür sorgen, dass die Menschen, die ab 2027 durch den neuen Zugang am Bubenbergplatz aus dem und in den vergrösserten Bahnhof strömen, ihren Weg finden, wobei der Verkehr um den Bahnhof trotzdem effizient weiterfliessen sollte.

Das Massnahmenbündel, mit dem diese widersprüchliche Aufgabe unter Zeitdruck gelöst werden soll, hat die Stadtregierung in einen Projektkredit gepackt, der 112 Millionen Franken umfasst. Rund die Hälfte des Betrags soll später von Bund und Kanton übernommen werden. Im Frühjahr 2021 dürfte die Vorlage vors Volk kommen. Jetzt, kurz vor den Wahlen, beissen sich gewählte Politikerinnen und Politiker die Zähne daran aus – mit ihren Lieblingskonfliktthemen: Autos, Velos, Bäume, Pflastersteine.

Die brennendsten Konfliktzonen des Pakets in vier Punkten:

Unterführung

Blick in den künftigen Bahnhofzugang Mitte, unter dem neu gebauten Teil des Bubenbergzentrums.
Blick in den künftigen Bahnhofzugang Mitte, unter dem neu gebauten Teil des Bubenbergzentrums.
Visualisierung: zvg

Mit dem Ausbau erhält der Bahnhof Bern beim Bubenbergplatz im Westen einen neuen Zugang. Die SBB lassen vom Berner Büro B das Projekt Alexander verwirklichen: Die eine Hälfte des Bubenbergzentrums wird neu gebaut und erhält im Erdgeschoss einen tunnelartigen Direktzugang zu den Gleisen. Ab 2027 werden in Stosszeiten gegen dreimal so viele Menschen wie heute in diesem Gebiet zirkulieren, das mit Trams, Bussen, Autos und Velos bereits hoch frequentiert ist. Zur Entlastung soll ein Teil des Fussverkehrs deshalb in einer Unterführung zum Hirschengraben geführt werden, damit sich der ÖV auf dem Bubenbergplatz nicht staut.

Der Architekt Arpad Boa kritisiert diese Unterführungslösung als «städtebaulich wertlos» und «menschenunwürdig». Er plädiert dafür, das ganze Bubenbergzentrum abzureissen und einen weltläufigen Bahnhofvorplatz zu gestalten. Das wäre jedoch unrealistisch, da die Besitzer der einen Hälfte des Bubenbergzentrums gegen einen Abriss sind.

Hirschengrabenpark

Der gepflästerte Park im Hirschengraben, mit wundersamerweise schon wieder grossen, klimarobusteren Alleebäumen.
Der gepflästerte Park im Hirschengraben, mit wundersamerweise schon wieder grossen, klimarobusteren Alleebäumen.
Visualisierung: zvg

Der heute vorwiegend als Veloparkplatz genutzte Park am Hirschengraben ist die Pièce de Résistance: Kommt die Unterführung vom Bahnhof her mit Aufgang im Hirschengraben, braucht es dort viel Platz für zirkulierende Fussgänger. Die bestehenden Kastanienbäume – je nach Gutachter schwer krank oder kerngesund – würden gefällt und durch eine robustere Baumart ersetzt, der Mergelplatz soll offen gepflästert werden, zudem müsste das Bubenbergdenkmal vorübergehend Richtung Monbijou verschoben werden.

Das weckt Widerstand à gogo, etwa von der «Bürgerbewegung Hirschengraben 2022». Zu den scharfen Kritikern gehört auch der Heimatschutz, der mit einer Fussgängerunterführung ebenso wenig anfangen kann wie mit der radikalen Umgestaltung des Hirschengrabens. Klimapolitiker aus linken Parteien bemängeln die zu rabiate Versiegelung des Bodens. Und Simone Machado, Stadträtin der Grün alternativen Partei, will gar die gesamte Planung zurückweisen, weil man von zu hohem Wachstum des Pendleraufkommens ausgehe. Man könne «Zukunft Bahnhof Bern» ohne Unterführung zum Hirschengraben bewältigen, womit es erst recht keinen Grund gebe, Hand an die Kastanienbäume zu legen.

Autofrei?

Autos? Haben auf dem Bubenbergplatz der Zukunft nicht mehr viel zu suchen.
Autos? Haben auf dem Bubenbergplatz der Zukunft nicht mehr viel zu suchen.
Visualisierung: zvg

Delikat sind die Folgen des Bahnhofausbaus für den Autoverkehr über den Bahnhofplatz. Laut der Stadtregierung müsste dieser um 60 Prozent reduziert werden, damit er an Fussgängern, ÖV und Velos vorbeikommt. Die Mehrheit der vorberatenden Kommission des Stadtrats plädiert gar dafür, die Option des autofreien Bahnhofplatzes weiterzuverfolgen. Das weckt den Widerstand der Bürgerlichen: Die FDP stört sich daran, dass sich die rot-grüne Mehrheit zu wenig um die Problematik des Ausweichverkehrs in die benachbarten Quartiere kümmere.

Und sie lanciert einen Vorschlag: Man müsste die Kreditvorlage aufteilen in einen Teil für den unterirdischen Zugang zum Hirschengraben, den die FDP befürwortet, und einen Teil zu den Verkehrsmassnahmen um den Bubenbergplatz, denen die FDP skeptisch gegenübersteht. Auf Anfrage hält Stadtingenieur Reto Zurbuchen aber fest, dass «die wachsenden Personenströme am Bubenbergplatz nur bewältigt werden können, wenn beide Massnahmen – die oberirdische Anpassung der Verkehrsflächen und der Bau einer unterirdischen Personenpassage – umgesetzt werden». Andernfalls komme es auf dem Bubenbergplatz «zu einem Kollaps des gesamten Verkehrssystems», weil sich ÖV und Langsamverkehr gegenseitig behinderten.

Velochaos

Ein Projekt mit sehr vielen Fragezeichen: Unterirdische Velostation Hirschengraben.
Ein Projekt mit sehr vielen Fragezeichen: Unterirdische Velostation Hirschengraben.
Visualisieurng: zvg

Mit der beantragten Realisierung eines aufgeräumten Hirschengrabenparks fällt dieser in seiner heutigen Funktion als mehr oder weniger chaotischer Veloabstellplatz weg. In Zukunft werden aber eher noch mehr Velofahrerinnen und Velofahrer den Bahnhof ansteuern, denen aber der Abstellraum abhandenkommt. Angedacht ist eine unterirdische Velostation unter dem Hirschengrabenpark für rund 3000 Fahrräder, kollidiert aber mit archäologischen und denkmalpflegerischen Schutzzielen.

Können die Konflikte bereinigt werden, treibt die Stadt die Realisierung in einer separaten Kreditvorlage voran, das Gleiche gilt für die Erweiterung der Velostation beim Bahnhofzugang Länggasse. Der Zeitdruck ist erheblich, wenn ein Velochaos verhindert werden soll.

9 Kommentare
    yesitis

    Die Subtitel "Autofrei" und "Velochaos" passen ausgezeichnet zusammen. Als autofahrender Fussgänger fühlt man sich komplett der sogenannten Planung ausgeliefert. Wenn schon keine Autos fahren, dann pfeifen einem die Fahrräder um die Ohren, denn Radler dürfen offensichtlich alles.