Der bizarre Fall des Super-Trainers

Alberto Salazar ist der erfolgreichste Laufcoach der Gegenwart. In seinem fast krankhaften Ehrgeiz brach er Regeln und wurde nun für vier Jahre gesperrt.

Sein Lauf endete am Dienstag abrupt: Leichtathletik-Coach Alberto Salazar. (Bild: Keystone)

Sein Lauf endete am Dienstag abrupt: Leichtathletik-Coach Alberto Salazar. (Bild: Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Alberto Salazar ist der Pep Guardiola der Leichtathletik. Ein Trainer, der sich dank seiner erfolgreichen Arbeit mit seinen Schützlingen selber zur Grösse seines Sports entwickelte: Mo Farah, vierfacher Olympiasieger über 5000 m und 10'000 m – von Salazar gecoacht. Galen Rupp, schnellster weisshäutiger Läufer über 10'000 m – von Salazar betreut. Sifan Hassan, seit Samstag Weltmeisterin über 10'000 m und die grosse Favoritin über 1500 m – seine neuste Goldsammlerin.

Doch am Dienstag endete der Lauf des 61-jährigen Amerikaners abrupt: Die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada gewann ihren Rechtsstreit gegen Salazar. Ein Schiedsgericht sperrt ihn für vier Jahre. Denn der Schnellmacher brach wiederholt und gravierend die Regeln. Salazar kann das Urteil vor dem Sportgerichtshof anfechten, was er auch will.

Vorausgegangen war dem Absturz des Gold-Coaches eine Dokumentation der BBC vor vier Jahren, in der sie Salazar anhand von Whistleblowern als Dopingverabreicher beschrieben hatte. Darauf leitete die Usada eine Untersuchung ein. Sie führte zu 30 Zeugenbefragungen, 5780 Transkriptseiten – und einem der bizarrsten Fälle im Dopingkampf.

«Salazar beging unabsichtlich Fehler, die zu Anti-Doping-Verstössen führten.»

Die drei Richter urteilten nämlich: «Es scheint, dass Salazar keine schlechten Absichten hegte. Das Panel (also die Richter) war gar erstaunt über die Umsicht, welche Salazar im Umgang mit Substanzen oder Methoden offenbarte.» Und: «Salazar beging unabsichtlich Fehler, die zu Anti-Doping-Verstössen führten. Aber die Regeln müssen eingehalten und entsprechende Verstösse sanktioniert werden.»

Konsequenterweise fiel die Usada im Versuch durch, Athleten von Salazar als Doper überführen zu können. Es fehlte ihr trotz der vierjährigen Recherche an Beweisen. Aber Salazar, getrieben von seinem schon fast krankhaften Ehrgeiz, seine Athleten so schnell wie nur möglich zu machen, hinterliess entscheidende Spuren.

Testosteron für seine Söhne

Die zentralste führte zu seinem einstigen Assistenztrainer Steve Magness. Salazar bekam eine Studie in die Hände, wonach sich die Leistung von Läufern dank einer extrem hohen Menge an L-Carnitin, einer Aminosäuren-Verbindung, steigern liesse. Also musste Magness das Versuchskaninchen spielen. Ein Arzt verabreichte ihm intravenös eine sehr hohe Dosis.

Magness’ Leistung steigerte sich darauf in einem Test stark, worauf Salazar seinen Läufern die Behandlung mehr oder weniger befahl. Nur: Der involvierte Arzt hielt sich an die Regeln und damit die festgelegte Menge im Anti-Doping-Code. Zumindest konnte die Usada das Gegenteil nicht beweisen.

Darum richtete sie ihren Fokus auf Magness. Der Amerikaner war einst ein Läufer von nationalem Format und nahm weiter an Wettkämpfen teil – als Hobbyathlet. Es sollte sich für Salazar als fatal erweisen. Die Usada argumentierte nämlich, Salazar habe Magness gedopt, und dieser sei ein Läufer, Salazar ergo schuldig. Salazar insistierte vor den Richtern, es habe sich bei Magness keinesfalls um einen Läufer, sondern seinen Assistenten gehandelt, fiel damit aber durch. Die Folge: ein Strafmass von vier Jahren.

Die Söhne sind Versuchskaninchen

Belangt wurde er auch wegen einer zweiten, mindestens so umstrittenen Aktion: Salazar verabreichte seinen beiden Söhnen Testosteron, nachdem sein Lieblingsläufer Galen Rupp von seiner Masseurin ungefragt mit einer Salbe behandelt worden war. Salazar, das hielten mehrere Zeugen fest, habe extreme Angst gehabt, einer seiner Athleten könne sabotiert werden.

Also probierte er, der wegen einer Krankheit seit Jahren Testosteron legal verwendete, an den Söhnen aus, ob eine solche Sabotage mit einer Salbe erfolgreich sein könnte. Die Usada argumentierte vor den Richtern, Salazar habe bloss herausfinden wollen, wie viel Testosteron er seinen Athleten allenfalls applizieren könne, ohne dass sie positiv getestet würden.

Gemäss den angehörten Experten aber hätte er den Versuch dafür ganz anders anlegen müssen. Nur: In den Regeln steht, dass niemals «Dritten» – wie seinen Söhnen – Testosteron weitergegeben werden darf. Salazar agierte quasi als Dealer. Und wieder hatte die Usada einen Hebel gefunden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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