Zum Hauptinhalt springen

Kolumne: Bern & soDer Besucher

Wie der Lockdown neue Bekanntschaften ermöglicht.

Da ist er wieder. Direkt vor meinem Fenster. Die Freude lässt mein Herz schneller schlagen. Er macht es sich auf dem Balkon gemütlich und hält sein Gesicht an die Sonne. Ich höre auf zu tippen. Beobachte, wie er sich auf dem Stuhl räkelt. Dann wendet er sich mir zu und mustert mich von oben bis unten.

Ich mag seine klugen Augen, seine unverschämte Neugierde und seinen leger-eleganten Kleidungsstil. Süss finde ich ihn. Doch wahrscheinlich hätte er keine Freude, wenn ich ihm das sagen würde. Männer sind selten gerne «süss».

In den letzten Jahren sind wir beide uns wohl ab und zu begegnet, hier in der Berner Bronx. Wir sind Nachbarn, aber aufgefallen ist er mir nie. Ich hatte keine Zeit für ihn. Da waren so viele andere, die mich besuchten. Und auch ich kam und ging, wie es mir gefiel.

Doch nun bin ich seit fast drei Wochen zu Hause. Rund um die Uhr, wenn ich nicht gerade einkaufen oder spazieren gehe. Meine Wohnung ist zur Redaktion, zum Tanzstudio und zur Bar geworden. Hier schreibe ich über Corona, mache Pilatesübungen und chatte zeitweise auf fünf Kanälen gleichzeitig. Bei mir daheim herrscht so viel Leben und Austausch wie noch niedoch alle, denen ich hier begegne, winken mir bloss von einem Bildschirm zu.

Mit Ausnahme von ihm. Er kommt vorbei, jeden Tag. Ganz in echt und 3-D. Ich kann die Hand nach ihm ausstrecken und mir vorstellen, wie es sich anfühlen würde, ihn zu berühren. Dann schaut er mir ganz tief in die Augen. So wie jetzt.

Manchmal denke ich, er findet mich seltsam. Oder ich habe das Gefühl, dass er sich über mich lustig macht. Ab und zu bringt er seine Freunde mit und tut so, als würde er mich gar nicht bemerken. Dann wiederum zieht er plötzlich eine Show ab, stolziert herum und referiert etwasextra für mich, so bilde ich es mir ein.

Auch jetzt plustert er sich auf und präsentiert sich in seiner ganzen Pracht. Dann hüpft er zur Blumenrabatte, tschilpt und fliegt davon.

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter und Simone Lippuner und Sandra Rutschi teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. ­