Zum Hauptinhalt springen

Analyse zu Djokovics Corona-TourDer Besserwisser, der die Bodenhaftung verlor und abstürzte

Novak Djokovic hat für Serbien und die Tenniswelt einen Coronavirus-Ausbruch zu verantworten. Das ist kein Zufall.

Lebt in einer eigenen Welt: Novak Djokovic, der nach jedem Sieg den Zuschauern sein Herz verschenkt.
Lebt in einer eigenen Welt: Novak Djokovic, der nach jedem Sieg den Zuschauern sein Herz verschenkt.
Foto: Srdjan Stevanovic / Getty Images

Es gibt Ereignisse, die überdauern den Erfolg, brennen sich stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit als alle Pokale, Medaillen und Rekorde. Das gilt umso mehr, je weniger Affinität zur Sportart besteht. Cassius Clay wird für die breite Öffentlichkeit immer derjenige sein, der lieber ins Gefängnis statt nach Vietnam ging und zu Muhammad Ali wurde. Maradona wird ewig im ersten Gedanken mit der «Hand Gottes» von 1986 verbunden werden. Boris Beckers Erfolge auf dem Tennisplatz sind jetzt schon vielen weniger präsent als die «Besenkammer-Affäre», aus der 1999 Tochter Anna Ermakova hervorging.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Patty Schnyder wird stets die sein, die sich von einem Pseudoheiler eine Orangensaft-Therapie verordnen liess. Marc Rosset der Hitzkopf, der sich am Hopman-Cup wegen eines Wutausbruch auf dem Platz die Hand brach. Michael Schumachers sieben WM-Titel sind durch seinen Skiunfall von 2013 und die gravierende Hirnverletzung zur Randbemerkung verkommen.

Im vom Coronavirus paralysierten Jahr 2020 hat es nun auch Novak Djokovic geschafft, sein sportliches Vermächtnis und seinen Ruf als Tennis-Champion nachhaltig zu überschatten, und zwar ganz allein und auf desolate Weise. Der Name des Serben wird in die Sportgeschichte eingehen als Beispiel, was passieren kann, wenn einer glaubt, die Wirklichkeit beeinflussen zu können, gottähnlich über den Naturgesetzen zu stehen, und bei alldem von niemandem geerdet wird.

Dass es dem Serben in den Tennisarenen gelingt, sich einzubilden, die grosse Mehrheit des Publikums schreie in Partien gegen Federer nicht «Roger», sondern «Nole», hat ja noch einen, wenn auch sonderbaren, Reiz. Diese Einbildungskraft mag sogar mitgeholfen haben, dass er schon viele wichtige Grand-Slam-Partien gegen Federer gewann, drei davon nach abgewehrten Matchbällen, so auch den Wimbledon-Final 2019. Dass er auch glaubt, verschmutztes Wasser mit Gedanken reinigen zu können, und sich gerne mit unfassbaren «Meistern» und Gurus umgibt, verursacht da schon mehr Stirnrunzeln.

Djokovic muss für die grösste Dummheit geradestehen, die ein Tennisspieler je begangen hat.

Mit seiner Schauserie namens «Adria-Tour», die ablief, als hätte es die Pandemie 2020 nie gegeben, hat der erfolgreichste Spieler der Gegenwart nun aber eine Grenze überschritten. Denn hier geht es nicht mehr nur um ihn und seine Spleens, hier hat er direkt das Leben anderer Menschen beeinträchtigt. Indem er die Tingeltangel-Turniere im Stil einer Après-Ski-Party mit einer nicht für möglich gehaltenen Ignoranz aller Hygienevorkehrungen und des Social Distancing aufzog, steht er an der Wurzel eines Corona-Ausbruchs, mit dem vielen Leid und Ungemach verursacht wurde und der möglicherweise auch Todesfälle nach sich ziehen wird.

Djokovic muss damit für die wohl grösste Dummheit geradestehen, die ein Tennisspieler je begangen hat. Dass sein Vater Srdjan die Schuld noch auf Grigor Dimitrov abwälzen wollte, der als erster Teilnehmer und einige Tage vor Djokovic und dessen Frau selber positiv getestet wurde, illustriert dabei nur, wie uneinsichtig und stur auch im Umfeld des 17-fachen Grand-Slam-Siegers gedacht und gehandelt wird, wie schlecht der 33-Jährige beraten ist.

Djokovic war jahrelang die Nummer 3, enervierend tief im Schatten von Rafael Nadal und Roger Federer. Dass er sich auf ihre Höhe hieven konnte und momentan sogar auf Kurs scheint, die beiden erfolgsmässig zu übertreffen, spricht für ihn. Was die Beliebtheit ausserhalb seiner unerschütterlichen Hardcore-Fanbasis betrifft, trennt ihn aber mehr denn je ein Canyon von den beiden. Da nützen dem Serben, der schon als vorwitziger Teenager der Welt das Tennis erklären wollte, alle theatralischen – andere sagen: anbiedernden – Siegesgesten nichts, in denen er dem Publikum angeblich stets sein Herz schenken will.

Nach seiner «Horrorshow», die dem Tennis den «Super-GAU» verschafft hat (zwei Begriffe aus deutschsprachigen Kommentaren), wird er als jener Sport-Champion in die Geschichte eingehen, dessen Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit seinem eigenen Land und der ganzen Tenniswelt massiven Schaden zugefügt haben. Als moderner Ikarus, der zu hoch fliegen wollte, sich dabei die Flügel verbrannte und abstürzte.