Frontalangriffe aufs eigene Image

Kaum eine Schweizer Filmschaffende ramponiert ihren Ruf so lustvoll wie Güzin Kar. Nun dreht sie fürs Schweizer Fernsehen eine Serie über Sex in Langzeitbeziehungen.

Eine, die durchmarschiert: Güzin Kar.

Eine, die durchmarschiert: Güzin Kar. Bild: Alex Spichale/Aargauer Zeitung

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Langeweile gehört dazu in Langzeitbeziehungen. Güzin Kar und die Öffentlichkeit führen so etwas wie eine Langzeitbeziehung. Kolumnen, Romane, Drehbücher, Regie: Es gab viele gute Gründe, über Güzin Kar zu schreiben im letzten Jahrzehnt. Güzin Kar ist eine Marke.

Die ­Geschichten ähnelten sich und lauteten zusammengefasst etwa so: Eine im Fricktal aufgewach­sene Tochter türkischstämmiger Eltern verarbeitet ihr eigenes Leben erfolgreich zu lustiger Kunst. Mit Betonung auf Migrationshintergrund und biografisch.

Güzin Kar sitzt in einem Zürcher Restaurant, bestreicht ein Toastbrot mit Tartar und verdreht die Augen. Ihre mediale Biografie langweilt sie leicht.

Achtteilige TV-Serie

Nun, mit dieser Art der Langeweile wird Güzin Kar, die ihr Alter für sich behält, weiter leben müssen. Ihr neuestes Projekt heisst «Seitentriebe» und ist eine achtteilige TV-Serie für das SRF über Langzeitpaare und Sex. Sie hat das Drehbuch geschrieben und führt Regie. Zurzeit laufen die Dreharbeiten, ausgestrahlt wird die Serie voraussichtlich Ende Jahr.

Und weil Güzin Kar, die in Zürich lebt und selbst eine langjährige Beziehung führt, immer wieder auch über Sex schreibt, wird sie bald wieder gefragt ­werden, wie viel Persönliches in dieser Serie steckt. Sie lacht und winkt ab. «Ich muss nicht alles ­erlebt haben, was ich erzähle.»

Männern würden diese Fragen seltener gestellt, sagt Kar. «Frauen und Männer werden in der Kunst immer noch unterschiedlich beurteilt.» Männer könnten künstlerisch arbeiten, ohne dass der Bezug zur Biografie her­gestellt werden müsse. Frauen traue man nur Fiktion mit ­persönlichem Bezug zu.

«Ich muss nicht alles ­erlebt haben, was ich erzähle.»Güzin Kar

Nun, wenn Güzin Kar alles ­erlebt haben müsste, worüber sie schreibt: Sie wäre eine paarungsgestörte Soldatin mit Alkoholproblem und Gangvergangenheit. Einer ihrer ersten grossen Erfolge als Drehbuchautorin nach der Ausbildung an der Filmakademie Baden-Württemberg war 2006 «Die wilden Hühner». Ein Millionenblockbuster im deutschsprachigen Raum, der heute als Jugendfilmklassiker gilt. Es geht darin um eine Mädchenbande und Hühner.

Es folgte der Roman «Ich dich auch» (2006), in dem es um Paarungsgestörte geht, und Komödien wie «Fliegende Fische müssen ins Meer» (2011) über eine trinkende, alleinerziehende Mutter mit leicht unstetem Lebenswandel. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Klar ist aber: Güzin Kars Schaffen ist ein freudiges Hin-und-her-Schaukeln zwischen massentauglichen Unterhaltungsformaten und Hochkultur. Die fehlende Berührungsangst vor Kommerz verbindet sie mit zwei anderen Filmschaffenden – Sabine Boss und Petra Volpe –, mit denen sie befreundet ist und so etwas wie ein weibliches Triumvirat bildet, das den zeitgenössischen Schweizer Film prägt.

Kulturelles Verbrechen

Diese neue Lockerheit sorgt in der Schweizer Kulturszene immer noch für Naserümpfen. Tatsächlich hat sich Güzin Kar des Verbrechens schuldig gemacht, Filme zu schaffen, deren Ziel es war, möglichst viele Zuschauer ins Kino zu locken. Zum Beispiel als Drehbuchautorin von «Achtung, fertig, WK» (nein, sie war nie im Militär), einem Film, den sie selbst nicht für grossartig hält. «Ehrlich gesagt nicht einmal für richtig gut, aber unterhaltsam.» Und eben nicht für ein kulturelles Verbrechen.

«Eine massentaugliche Komödie zu drehen, ist für viele Kulturschaffenden offenbar das Schlimmste, was man machen kann», sagt Güzin Kar. Sie erhielt entsetzte Rückmeldungen. Und kann darüber nur lachen. Ja, es scheint ihr Spass zu machen, die Hohepriester der Kultur vor den Kopf zu stossen. Sie nennt es «willentliches Ramponieren des eigenen Images».

«Liebesgeschichten handeln immer vom Zusammenkommen. Ich wollte einen Film machen über Menschen, die 10 oder 12 Jahre zusammen sind.»Güzin Kar

Güzin Kar leitet die Sitzung des Produktionsteams von «Seitentriebe» in einem italienischen Take-away in Zürich im selben lockeren Ton, wie sie bei der Fernsehsendung «Boser und Böser» auf TeleZüri über die Jetsetlady Vera Dillier redet. Und trotzdem ist schon fast körperlich spürbar, wer im Raum das Sagen hat. Sie nennt sich selbst «eine liebenswürdige Diktatorin».

Es geht um die Drehorte für die Serie. Einfamilienhäuser. Die Entscheidungen fallen schnell. Denn Güzin Kar entwickelt ihre Geschichten oft über Orte. Die Serie «Seitentriebe» handelt letztlich von ­«innerer Heimatlosigkeit», wie ­Güzin Kar sagt. Und deshalb will sie die zwei Paare weder in der Stadt noch auf dem Land, sondern irgendwo zwischendrin im anonymen Wohnbrei ansiedeln.

Eigene Durchschnittlichkeit

Die Idee zu «Seitentriebe» trägt sie schon lange mit sich rum. «Liebesgeschichten handeln immer vom Zusammenkommen. Ich wollte einen Film machen über Menschen, die 10 oder 12 Jahre zusammen sind.» Letztlich gehe es dabei um «das Aushalten der eigenen Durchschnittlichkeit», sagt Güzin Kar. Denn das sei es, was man in einer langen Beziehung irgendwann entdecke. Die eigene, brutale Mittelmässigkeit. «Viele ertragen das nicht.» Zu Unrecht? «Ich glaube schon, dass man eine Krise auch mal durchstehen kann, ohne gleich alles hinzuwerfen», sagt Güzin Kar. «Sonst wäre ich nicht Fil­merin geworden.»

Durchstehen ist momentan eher nicht Güzin Kars Thema. Eher durchmarschieren. Die nächsten Projekte stehen bereits: Es folgt ein deutscher Kinofilm. Und dann schreibt sie ein Theaterstück. «Irgendwas Hoch­intellektuelles.» Premiere dann hoffentlich im Schauspielhaus. «Wieder einmal das Image ramponieren, Sie wissen schon.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 10:35 Uhr

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