Das Zelt als Symbol für Widerstand

Am 9.November wird die Welt 20 Jahre Berliner Mauerfall feiern. Das Kunstmuseum Thun greift diesen historischen Moment in

einer Ausstellung auf. Allerdings nicht mit Pomp und Gloria. Denn Widerstand regt sich noch heute.

Die Nacht vom 9. auf den 10.November 1989 gehört zu jenen weltgeschichtlichen Daten, an denen mit dem Ostblock eine Machtkonstellation vor aller Augen zusammenbrach. Auf einmal waren West und Ost wieder vereint. Die Euphorie der ersten Stunde verflog schnell; die Realität mit ihren harten Brüchen holte nicht nur West- und Ostberlin, sondern ganz Europa ein. Damals kämpften Künstler gegen totalitäre Regimes, übten sich Gruppen aktiv im Widerstand. Und heute? «Wir wollten wissen, wie ost- und westeuropäische Künstler der Gegenwart mit dem Thema Gewalt und Widerstand umgehen», sagt Helen Hirsch, Direktorin des Thuner Kunstmuseums. Das Projektil im Auge Entstanden ist «Pièces de résistance», eine Weiterentwicklung der kleineren Ausstellung «Why do you resist?» von Andrea Domesle und Michal Kolecek, die in Graz (A) und Usti nad Labem (CZ) gezeigt worden war. Zu dritt haben Hirsch, Domesle und Kolecek in den Räumen des Thuner Kunstmuseums eine Ausstellung geschaffen, die sich gezielt mit den Themen Gewalt, Totalitarismus und Widerstand auseinandersetzt. Hinrichtungen, Verbrecherfotos mit genauen Massangaben für die Akten und auch der Krieg selber finden sich zusammengefasst in einer winzigen Installation des Deutschen Thomas Galler: Sein Selbstporträt heisst «Der Abstand zwischen meinen Pupillen misst 62 mm». Doch statt eines Fotos sieht der Besucher zwei Projektile auf Augenhöhe, die auf ihn gerichtet sind. Es gibt sie noch, jene Frauen und Männer, junge und alte, die sich weigern wegzuschauen. Ihnen setzt der Russe Alexey Kallima, der 1969 in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny zur Welt kam und aufwuchs, mit seinen comicartigen Zeichnungen in Schwarz-Weiss ein Denkmal. Und auch die Französin Rebecca Bournigault lenkt den Blick in ihren Porträts auf vermummte Demonstranten, die sich weltweit zum Widerstand vereinen. Zelte als Symbol für Schutz, aber auch Flucht und Entwurzelung spielen in der Reihe «Revolucion Patriotismo» des in der Schweiz aufgewachsenen Künstlers Costa Vece die Hauptrolle. Für Thun hat er in hiesigen Brockenstuben gebrauchte Kleidungsstücke gekauft, diese als Nationalflaggen arrangiert und mit Sicherheitsnadeln zur Zeltplane zusammengefügt. Mit Ausnahme der EU, der USA und Kanada sind jene Länder vertreten, die in der Schweiz die grössten Migrationsanteile stellen. Hirschhorns Ur-Collagen Nicht auf Gebäude als Symbole für verwundete Menschen, sondern auf verstümmelte Opfer selber fokussiert der oftmals umstrittene Berner Künstler Thomas Hirschhorn. Er tut das so direkt wie eh und je. Es gehe ihm darum, die Welt zu bejahen, sagt Hirschhorn: «Einverstanden zu sein heisst hinschauen. Einverstanden zu sein heisst Widerstand zu leisten und den Tatsachen zu widerstehen.» HeinerikaEggermann Dummermuth«Pièces de résistance – Formen von Widerstand in der zeitgenössischen Kunst»: Die Ausstellung dauert bis 22.November. •www.kunstmuseumthun.ch >

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