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Edward Hopper neu gesehenDas ultimative Bild des Sommers

Die Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper bekommen in Corona-Zeiten eine ganz neue Brisanz.

Kann sie, darf sie nicht auf die Strasse hinaus? «Morning Sun» aus dem Jahr 1952 von Edward Hopper.
Kann sie, darf sie nicht auf die Strasse hinaus? «Morning Sun» aus dem Jahr 1952 von Edward Hopper.
Bild: © Pro Litteris/Keystone

Dass die Fondation Beyeler in Riehen mit ihrer grosszügig bestückten Edward-Hopper-Ausstellung wieder einmal einen Publikumshit landen würde, war eigentlich schon bei der Eröffnung Ende Januar klar. Dann passierte das Unerwartete. Gerade als der Besucherzähler im März auf der 100000-Marke stand, setzte sich das Virus durch. Die Museen machten dicht, die Einsamkeit der hopperschen Figuren griff auf die vom Publikum verwaisten Säle über.

Inzwischen ist der Renzo-Piano-Bau wieder offen, und die (durch Hygienevorschriften gewollt gebremsten) Publikumszahlen in der Hopper-Schau gehen auf 200000 zu. Alles wie gehabt also? Nein. Während der durch den Lockdown bedingten Schliessung scheinen die Hopper-Bilder nämlich eine ganz neue Bedeutung erhalten zu haben. Isolierte Figuren, die verloren auf den Tankstellen lümmeln oder im harten Scheinwerferlicht die Nachtluft atmen, wirken in der Zeit der allgegenwärtigen Quarantäne nicht mehr wie ewige und manchmal abgegriffene Allegorien der modernen Vereinzelung, sondern wie unheimlich reale Momentaufnahmen des gegenwärtigen Lebens. Die Bedrohungsstimmung, die sie umgibt, vibriert mit einer neuen Brisanz.

Kein Wunder, dass ein Bild Hoppers, das die Stimmung der pandemischen Ausgesetztheit besonders gut wiedergibt, gerade von der US-Presse zum «ultimativen Bild des Sommers» ausgerufen worden ist. Es handelt sich um das Gemälde «Morning Sun» von 1952, auf dem eine Frau auf dem Bett sitzt, die Knie bis zur Brust hochgezogen, die Haare zum Dutt zurückgekämmt. Ihre nackten Arme ruhen auf ihren nackten Beinen, sie schaut nachdenklich aus dem Fenster. Kann sie, darf sie nicht auf die Strasse raus?

«Morning Sun», eines von Hoppers bekannten Bildern, ist zwar in der Beyeler-Präsentation nicht enthalten, die auf Landschaftsdarstellungen fokussiert. Das etwas traurige Frauenbild, sonst im Columbus Museum of Art zu Hause, befindet sich dennoch gerade in Europa, als Teil einer umfassenden Hopper-Retrospektive im Museo Thyssen in Madrid. Es ist Hopper in Bestform. Es erzählt eine Geschichte, deren Inhalt einem unendlich vertraut scheint, ohne dass man wirklich wüsste, worum es geht.

Morgensonne als Lebensstrahl

Offensichtlich handelt es sich um eine Darstellung von Hoppers Frau Josephine, genannt Jo – sie war von 1923 bis zu Hoppers Tod 1967 sein einziges weibliches Modell. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes war Jo schon 69 Jahre alt, doch auf dem Bild wirkt sie jung und auf eine zurückhaltende Art lebenslustig. In Hoppers Skizzen für das Gemälde kann man sehen, wie er das Spezifische von ihr weg abstrahiert, um der Szene mehr Symbolik zu verleihen.

Zur gängigen Interpretation des Bildes gehört die Reflexion über die unsymmetrische Beziehung der Hoppers, in der die Frau, auch Künstlerin, den Mann bedingungslos unterstützte, der Mann aber Jos Gemälde lächerlich machte und sie mit einem Ausstellungsverbot belegte. So hässlich dieser Umstand auch erscheinen mag, es wäre bestimmt falsch, die Magie der Szene auf solche biografischen Verstrickungen zu reduzieren. Diese Morgensonne, die wie ein Lebensstrahl in das kalte Stadtzimmer eindringt, erscheint im Sommer 2020 vielmehr wie ein Statement jener conditio humana, die wir gerade so existenziell erleben: Wir leiden, fluchen, verzweifeln – und geben nie auf.

Die Ausstellung «Edward Hopper» in der Fondation Beyeler wurde bis zum 20. September verlängert. Online-Zeittickets unter fondationbeyeler.ch