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Interview zur #MeToo-Debatte«Das System hat sich kaum verändert»

Die Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor deckten auf, dass Filmproduzent Harvey Weinstein während Jahren Frauen gegenüber sexuell übergriffig geworden war. Im Gespräch erklären sie, warum viele missbrauchte Frauen so lange schwiegen.

«Wir fürchteten, Weinstein könnte den Frauen etwas antun»: Jodi Kantor (l.) und Megan TwoheyFoto: Evan Agostini.
«Wir fürchteten, Weinstein könnte den Frauen etwas antun»: Jodi Kantor (l.) und Megan TwoheyFoto: Evan Agostini.
Foto: Evan Agostini (Keystone)

Megan Twohey und Jodi Kantor schalten sich aus New York zu und entschuldigen sich gleich: Sie haben nur 20 Minuten Zeit. Vor drei Jahren recherchierten die beiden für die «New York Times» den Fall Harvey Weinstein, ihre Arbeit wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, in den sozialen Netzwerken teilten Frauen Geschichten über Missbrauch und Belästigung, Hashtag «MeToo» (Ich auch).

Es ist jetzt drei Jahre her, dass Ihre Recherchen über Harvey Weinstein in der «New York Times» erschienen sind. Was hat sich seither verändert?

Megan Twohey: Es fühlt sich an, als habe sich alles verändert – und gleichzeitig nichts. Nachdem der Text erschienen war, liefen unsere E-Mail-Eingänge über, und unsere Telefone klingelten ständig, weil uns so viele Frauen von ihren eigenen Missbrauchserfahrungen erzählen wollten. Quer durch alle sozialen Schichten und Berufsgruppen. Der Hashtag «MeToo», den Tarana Burke schon vor mehr als zehn Jahren genutzt hatte, ging in den sozialen Netzwerken wieder viral. Plötzlich teilten auch unsere Kolleginnen und Freundinnen ihre Geschichte.

Hatten Sie damit gerechnet, dass dieses Feld so gross ist?

Twohey: Während der Weinstein-Recherche war uns klar geworden, wie viele Frauen aus Angst schweigen, weil sie fürchten, dass ihr Ruf beschädigt werden könnte. Dann veränderte sich etwas in der Gesellschaft, was wir nie hätten vorhersehen können: Die Stille wurde durchbrochen. Wenn es um sexuelle Belästigung und Missbrauch geht, sind das Problem ja nicht nur einzelne Männer, sondern das System, das es diesen Männern ermöglicht, ihre Spuren zu verwischen und immer weiterzumachen. Dieses System wurde sichtbar, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt.

Sie haben eben gesagt, es habe sich alles verändert, aber gleichzeitig auch nichts.

Twohey: Ein paar Männer mussten ihre Machtpositionen räumen, aber es werden jeden Tag noch immer irgendwelche Vereinbarungen unterschrieben, um Missbrauch und sexuelle Übergriffe zu vertuschen. Das System hat sich kaum verändert – und die Gesetze, die die Opfer schützen, auch nicht. Deshalb berichten wir weiter.

Wenn man sich jede Geschichte für sich genommen angehört hätte, hätte man zumindest bei manchen denken können: «Oh, da hat sie was falsch verstanden.»

Jodi Kantor

Wann war Ihnen klar, dass die Frauen im Fall Weinstein alle ähnliche Geschichten erzählen, dass also ein System dahintersteht?

Jodi Kantor: In den ersten Monaten der Recherche haben viele berühmte Schauspielerinnen mit uns gesprochen, die sich untereinander nicht kannten und bei denen klar war, dass sie vorher nicht miteinander gesprochen hatten. Zu dem Zeitpunkt wollte keine von ihnen, dass wir aus den Gesprächen zitieren. Die meisten sagten so was wie: Ich will nur, dass ihr die Wahrheit wisst und weitermachen könnt. Wenn man sich jede Geschichte für sich genommen angehört hätte, hätte man zumindest bei manchen denken können, oh, da hat sie was falsch verstanden oder da hat sie etwas überinterpretiert. Aber wenn man eine Geschichte nach der anderen hört, sieht die Sache anders aus. Die waren sich so ähnlich, die spielten teilweise an denselben Orten, in denselben Hotels, und sie beschrieben immer wieder dieselben Taktiken von Weinstein.

Viele Journalisten vor Ihnen haben im Umfeld von Weinstein recherchiert, erfolglos. Glauben Sie, dass es eine Rolle gespielt hat, dass Sie Frauen sind – und auch deshalb viele Frauen zum Sprechen bewegen konnten?

Twohey: Letztlich war die Recherche ja eine Teamleistung mehrerer Redakteurinnen und Redakteure der «New York Times». Deshalb empfanden wir es selbst nicht als so ausschlaggebend, dass wir Frauen sind – zumindest nicht so stark, wie man von aussen meinen könnte. Jodi und ich haben sehr eng mit der Redaktorin Rebecca Corbett zusammengearbeitet, aber auch mit Dean Baquet, dem Chefredaktor der «Times», übrigens der erste schwarze Chefredaktor einer US-amerikanischen Zeitung, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Sie selbst kennen Frauen, die sexuell belästigt wurden.

Twohey: Natürlich ist klar, dass Jodi und ich für diese Geschichte brannten. Noch dazu sind wir beide Mütter von Töchtern. Ich weiss noch, dass ich mit der Recherche am ersten Tag angefangen habe, als ich aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkam, und dass es gerade in den ersten Wochen nicht leicht für mich war, mein Kind zurückzulassen und zur Arbeit zu gehen. Meine Tochter war damals gerade vier Monate alt, sie hat natürlich nichts verstanden – aber ich habe ihr trotzdem immer gesagt: Hör zu, deine Mama arbeitet gerade an einer wichtigen Geschichte, und wenn die klappt, macht sie die Welt vielleicht etwas sicherer für Mädchen deiner Generation.

Fast alle Frauen, die Ihnen vom Missbrauch durch Weinstein erzählt haben, hatten Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnet. Sie hatten also gute Gründe, zu schweigen. Warum aber haben die vielen Mitarbeiterinnen und auch Mitarbeiter, die keine solchen Knebelverträge unterschrieben hatten, dichtgehalten?

Twohey: Harvey Weinstein konnte Karrieren fördern, aber sie auch zerstören, noch ehe sie begonnen hatten. Und sein Einfluss beschränkte sich ja nicht nur auf Hollywood, sondern er reichte bis in die Politik. Weinstein hatte zum Beispiel Hunderttausende Dollar für den Wahlkampf der Demokraten gespendet. Um ihn herum gab es eine Kultur der Angst, und irgendwann sind die alle auf seine Seite gekippt, statt den Frauen zu helfen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Harvey Weinstein immer wieder auch versucht hat, Ihre Berichterstattung zu verhindern.

Twohey: Die Leute in seinem Umfeld hatten wirklich Grund, Angst vor ihm zu haben. Nicht nur wegen seiner Macht, sondern auch wegen seiner Methoden, die nicht immer legal waren. Er hatte zum Beispiel eine Firma beauftragt, der er 300’000 Dollar in Aussicht gestellt hat, wenn ihre Mitarbeiter es schaffen, unsere Berichterstattung zu unterbinden. Da wurden teilweise Privatagenten mit gefälschten Identitäten angeheuert.

Privatagenten haben echt sehr gruselige Sachen gemacht. Die sind zum Beispiel vor meinem Haus rumgestanden oder haben Bilder von mir in der U-Bahn gemacht.

Jodi Kantor

Gab es einen Punkt, an dem Sie Angst hatten, um sich und um Ihre Quellen?

Kantor: Wir hatten auf jeden Fall mehr Sorgen um unsere Quellen, weil wir fürchteten, Weinstein könnte den Frauen etwas antun. Und auch wenn Weinsteins Taktiken sehr, sehr zweifelhaft waren, hatten wir selbst immer noch die «New York Times» im Rücken. Wir sind geschult, mit so etwas umzugehen, auch wenn diese Privatagenten echt sehr gruselige Sachen gemacht haben. Die sind zum Beispiel vor meinem Haus rumgestanden oder haben Bilder von mir in der U-Bahn gemacht. Am meisten Angst hatten wir davor, dass wir die Geschichte nie veröffentlichen können, dass sich doch plötzlich alle Frauen zurückziehen, gegenüber denen wir uns auch verantwortlich gefühlt haben, das Geschehene öffentlich zu machen.

Aber es hat geklappt.

Kantor: Es ist in der Rückschau immer leicht zu sagen, ist ja gut gegangen, hat ja alles funktioniert. Aber die Schauspielerin Ashley Judd zum Beispiel hat ihre Karriere riskiert, Laura Madden, eine ehemalige Angestellte bei der Weinstein-Firma Miramax, hat kurz vor einer Brustkrebsoperation mit uns gesprochen ... die wussten alle nicht, wie das ausgeht.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass sich viele Frauen erst im letzten Moment entschieden haben, im Artikel genannt zu werden.

Twohey: Die Tage vor dem Erscheinen waren intensiv, auch für die Frauen. Nachdem wir Harvey Weinstein mit unseren Vorwürfen konfrontiert hatten, drohten uns seine Anwälte mit Klagen, seine Privatagenten wollten uns und die Quellen aufhalten. Ich kann mich erinnern, dass Weinstein eine der Frauen angerufen hatte und sie mir eine SMS mit nur einer Zeile schrieb: «Ich habe Angst.» Kurz bevor die Geschichte erscheinen sollte, kam Weinstein auch noch persönlich vorbei, der stand einfach in der Lobby der «New York Times» und bestand auf ein Treffen. Haben wir dann auch gemacht. Er kam mit seinen Anwälten. Seine Taktik war eine Mischung aus Umgarnen und Druckmachen.

Haben Sie danach noch einmal mit Weinstein gesprochen?

Twohey: Offenbar war es so, dass ihm seine Assistentin Bescheid sagte, dass die Geschichte online ist, und dann sassen sie da und lasen, und er hatte wohl einen kompletten Zusammenbruch. Er rief an und schrie ins Telefon. Ich weiss nicht mehr genau, was er gesagt hat, aber er klang sowohl sehr wütend als auch sehr ängstlich. Die Firma hatte sofort eine Notfallsitzung, und drei Tage später war Weinstein gefeuert. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt betonte er noch, dass er sich nicht kleinmachen lasse. Er behauptete, es gebe ganz viele Frauenorganisationen und andere Feministinnen, die ihn unterstützen würden – dass es eine ganze Bewegung der Unterstützung geben werde. Nun, zumindest mit der Bewegung hat er recht gehabt.

Das Urteil gegen Harvey Weinstein wird Auswirkungen darauf haben, wie Opfer sexueller Übergriffe zukünftig behandelt werden.

Megan Twohey

Was halten Sie vom Urteil für Harvey Weinstein?

Twohey: Das war wohl eine bedeutende Anwendung des Strafrechts und wird Auswirkungen darauf haben, wie Opfer sexueller Übergriffe zukünftig behandelt werden. In den Tagen vor dem Beginn des Prozesses wurden die Vorwürfe gegen Weinstein sehr stark öffentlich diskutiert, alle hatten eine Meinung, und dann wurden die Vorwürfe plötzlich vor einem richtigen Gericht verhandelt, und die Opfer wurden gehört. Das war sehr einprägsam.

Sie haben in der «Times» Dutzende Artikel über Weinstein geschrieben – warum noch ein Buch?

Kantor: Wir wollen zeigen, wie man eine solche Geschichte recherchiert; statt dass wir den Leuten alles in ein, zwei Sätzen beantworten, wollten wir sie mitnehmen auf eine Reise. Ihnen zeigen, wie wir zum ersten Mal mit Schauspielerinnen gesprochen haben, wie wir unsere Quellen fanden, wie wir Weinstein konfrontiert haben. Twohey: Es ist auch eine Geschichte über die Macht von Journalismus in einer Zeit, in der die Medien mit Fake-News-Vorwürfen konfrontiert sind. Oft fühlen sich Menschen ohnmächtig im Angesicht der Macht. Und mit unserem Buch wollen wir zeigen, dass selbst die mächtigsten Männer und die mächtigsten Systeme nicht standhalten, wenn auf der anderen Seite guter Journalismus und mutige Leute stehen, die die Wahrheit sagen wollen.