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Zum Tod von Helmut HubacherDas Störgeräusch

Helmut Hubacher, legendärer Parteipräsident und einer der grossen Schweizer Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts, starb am Mittwoch nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 94 Jahren. Ein Nachruf.

Ein legendärer Sozialdemokrat. Helmut Hubacher war eine prägende Figur der Schweizer Politik im 20. Jahrhundert. Nun ist er im Alter von 94 Jahre in Basel verstorben.
Ein legendärer Sozialdemokrat. Helmut Hubacher war eine prägende Figur der Schweizer Politik im 20. Jahrhundert. Nun ist er im Alter von 94 Jahre in Basel verstorben.

Ein Händedruck im Osten. Ein voller Kursaal in Bern. Ein lebhaftes Gespräch in der Wandelhalle. Denkt man das politische Leben von Helmut Hubacher (1926-2020) zurück, sind es diese drei Bilder, die bleiben.

Denkt man an das Leben nach dem Bundeshaus, ist es der Schal (modisch zwar, aber immer der gleiche), Begegnungen in Basler Beizen (Hubacher konnte auch im hohen Alter einen Saal beherrschen), seine lauten und manchmal wütenden Hauptsätze in den Kolumnen der «Basler Zeitung», der «Schweizer Illustrierten» und im «Blick».

Nun ist er tot. Und mit ihm ein Stück Schweizer Politgeschichte. Hubacher, ein Arbeiter aus dem Berner Hinterland, hat die Politik der Schweiz im vergangenen Jahrhundert mitgeprägt. Als Mahner, als Bremser, als Provokateur, als Störgeräusch.

Zum Anfang: ein Scheitern

Seine Rolle spielte Hubacher schon früh. Der SBB-Stationsbeamte aus Krauchthal BE wurde in den 50er-Jahren nach Basel versetzt, wo er sich politisch zu engagieren begann. Zuerst als frecher Redaktor der linken Zeitung «AZ», als Gewerkschaftssekretär, ab 1956 für zwölf Jahre im Basler Grossen Rat, ab 1963 für sagenhafte 34 Jahre als SP-Nationalrat. 1976 stellte sich Hubacher als Kandidat für den Basler Regierungsrat auf. Und scheiterte grandios. Der besseren Basler Gesellschaft war er zu wild, zu rot, zu links, zu fremd (ein Zugezogener).

Hubacher brauchte lange, um diese Niederlage zu verkraften, das gab er später offen zu. Aber die Ablehnung in seiner neuen Heimat gab ihm auch Raum, sich national einen Namen zu machen. Statt Regierungsrat wurde Hubacher mitten im Kalten Krieg Parteipräsident der Sozialdemokraten. Die Bürgerlichen riefen ihm «Moskau einfach!» zu und meinten das auch. Es war eine andere Schweiz damals, mit anderen Politikern.

Der Händedruck mit Honecker

15 Jahre war Hubacher Präsident der SP, von 1975 bis 1990. Seine Präsidentschaft: legendär. Auch in der Verklärung. «Der Mechanismus ist simpel», erklärte er vor ein paar Jahren zwei Journalisten der NZZ, die ihn in Courtemaîche im Jura besuchten (er hatte mit seiner Frau Gret auch eine Stadtwohnung in Basel). «Der derzeitige SP-Präsident ist das Feindbild, der zurückgetretene war der Vernünftige und der verstorbene der beste.»

In seiner Zeit als Parteipräsident entstanden jene drei Bilder, die sein politisches Leben definierten. Zuerst: der Händedruck mit Erich Honecker. Auf einer Studienreise in den Osten traf Hubacher 1982 auf den Staatschef der DDR, und natürlich schüttelt man sich die Hände. Er hätte es besser nicht getan. Der Händedruck mit dem bösen Feind wurde Hubacher jahrelang vorgeworfen. Im Kontext des Kalten Kriegs war alleine schon der Dialog mit der anderen Seite ein Akt von landesverräterischer Dimension.

Ein verhängnisvoller Händedruck. 1982 traf Parteipräsident Helmut Hubacher Erich Honecker, den Staatschef der DDR. Das Treffen wurde Hubacher noch Jahre vorgeworfen.
Ein verhängnisvoller Händedruck. 1982 traf Parteipräsident Helmut Hubacher Erich Honecker, den Staatschef der DDR. Das Treffen wurde Hubacher noch Jahre vorgeworfen.
Foto: BEZ

Noch in einem seiner letzten grossen Bücher aus dem Jahr 2014 sah sich Hubacher genötigt, die Reise nach Ostberlin zu rechtfertigen. «Als ob wir eine Art Pilgerfahrt gemacht hätten!» Der Händedruck, er sei eine Frage des Anstands gewesen. Doch dass es ausgerechnet Hubacher sein musste, der Honecker die Hand reichte – ausgerechnet er, einer der versiertesten linken Militärpolitiker, ständig im Clinch mit dem «EMD», wie das Verteidigungsdepartement damals noch hiess. Ständig der Vorwurf, der Gegenseite zu dienen, ein Verräter der Schweiz zu sein, ein Unschweizer. Es waren Vorwürfe, an denen sich Hubacher noch in fortgeschrittenem Alter abarbeitete.

Dabei, das sahen seine bürgerlichen Gegner später auch ein, wollte Hubacher die Armee nie abschaffen. Er kritisierte Missstände im Beschaffungswesen, wies auf unbequeme Wahrheiten hin, das ja. Aber er bekannte sich immer zur Landesverteidigung.

Opposition!

Das zweite bleibende Bild entstand zwei Jahre nach den Treffen mit Honecker, im proppenvollen Kursaal von Bern. Die Stimmung war geladen, im Februar 1984, Parteipräsident Hubacher hatte die grösste Niederlage seines politischen Lebens zu verdauen. Die Zürcherin Liliane Uchtenhagen, Mitglied der in der SP gefürchteten Vierbande um Helmut Hubacher, Andreas Gerwig und Walter Renschler, hätte die erste Frau im Bundesrat werden sollen. Doch die bürgerlich dominierte Bundesversammlung spielte nicht mit, wählte Otto Stich aus Dornach SO in die Regierung (und sollte es später bitter bereuen).

«Schampar unbequem.» Im Februar 1984 wollte Helmut Hubacher seine Genossen vom Gang in die Opposition überzeugen. Er unterlag.
«Schampar unbequem.» Im Februar 1984 wollte Helmut Hubacher seine Genossen vom Gang in die Opposition überzeugen. Er unterlag.
Foto: Keystone

Hubacher tobte. Wollte, wie Jahre später seine Konterparts auf der anderen Seite des politischen Spektrums, sofort aus dem Bundesrat. In die Opposition! Aber wieder unterlag Hubacher. Sein Antrag, mit der SP in die Opposition zu gehen, drang nicht durch. «Schampar unbequem», werde man nun sein, sagte Hubacher, nahm die Niederlage aber sportlich. Ihn interessierte nicht bloss das Resultat eines politischen Prozesses, sondern auch der Weg dahin. Das Für und Wider der Argumente, der Wettstreit mit einem Gegner auf Augenhöhe.

Blocher und Hubacher

Und damit zum dritten Bild: Es zeigt einen nicht mehr ganz jungen Helmut Hubacher mit einem nicht mehr ganz jungen Christoph Blocher auf einem der Sofas in der Wandelhalle des Bundeshauses. Sie scheinen die Kameras nicht wahrzunehmen, sind mitten in einer hitzigen Diskussion, gestikulieren. Vor allem nach seiner aktiven Zeit als Politiker hat sich Hubacher immer wieder mit seinem grossen Gegenspieler und dessen Definition einer richtigen Schweiz auseinandergesetzt. «Hubachers Blocher» hiess sein Buch, das 2014 erschienen ist.

Lieblingsgegner. Christoph Blocher im Gespräch mit Helmut Hubacher, Aufnahme vom Juni 1987.
Lieblingsgegner. Christoph Blocher im Gespräch mit Helmut Hubacher, Aufnahme vom Juni 1987.
Foto: Keystone

Das Buch ist eine Abrechnung, ein Vermächtnis, ein Zeitzeugnis von seltener Güte. Hubacher schrieb das Buch zum ersten Mal im Winter 2013, hatte das Manuskript abgeschlossen - und warf es nach der Abstimmung über die Zuwanderungsinitiative der SVP vom 9. Februar 2014 in den Abfalleimer. Dabei hatte sich seine Frau Greti schon vorher beklagt: «Ein Buch über Blocher? Muss das wirklich sein?» Es musste. Er begann noch einmal neu, wollte diesen entscheidenden Moment für die Zukunft der Schweiz in Europa unbedingt in seinem Buch.

So einer war Helmut Hubacher auch im hohen Alter noch. Die Gegenseite verdankte es ihm zeitlebens mit Respekt. In einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» im Sommer 2014 sagte Blocher über den ebenfalls anwesenden Hubacher: «Der ist immer noch huere guet. Der kann noch wie früher über die grundlegenden Sachen diskutieren.» Da war Hubacher 88 Jahre alt und so aktiv wie wenige nur halb so alte Menschen. Gefragter Gesprächspartner, gefragter Schreiber.

Welterklärer, Weltverdammer

Das Engagement in der BaZ war die logische Fortführung des politischen Lebens von Helmut Hubacher. Der einzige Linke gegen eine bürgerliche Übermacht, angeführt vom ehemaligen Chefredaktor Markus Somm und dem ebenfalls ehemaligen Besitzer der BaZ, Christoph Blocher. Hubacher schonte beide nicht, war immer aktuell, immer prägnant.

Sieben Tageszeitungen und einige Wochenblätter las Hubacher regelmässig. Seine Texte verfasste er auf einer Schreibmaschine und faxte sie in die Redaktion – wo die Kolumnen danach gesetzt wurden. Good old times. Hubacher war in seinen Kolumnen Welterklärer und Weltverdammer. Nie überheblich, immer luzide, oft sehr lustig und bissig. Gesegnet, wer bis ins höchste Alter so schreiben kann. Wer sich die Energie bewahrt, eine gesunde Wut, und trotzdem nicht bitter wird.

Der derzeitige SP-Präsident ist das Feindbild, der zurückgetretene war der Vernünftige und der verstorbene der beste.

Helmut Hubacher

Noch vor wenigen Woche schrieb Hubacher im «Blick» über die Pandemie und – einmal mehr – über die Familie Blocher. Diese kassiere mehr Dividenden als die 3000 Ems-Beschäftigten Lohn beziehen. «Das ist einmalig in der Schweiz.» Etwas später, in der BaZ, dachte Hubacher über das Schicksal der Sans-Papiers in der Schweiz nach. «Diese Menschen leben faktisch im Untergrund», schrieb er. Unser Umgang mit diesen Menschen: «ein unwürdiges Kapitel der Schweiz.»

Als er dann sah, dass es nicht mehr gehen würde, schrieb er noch eine Kolumne, eine zum Schluss. «Das letzte Mal» war ihr Titel, Hubacher schrieb über seine Kindheit, seine Zeit in der Politik, seine Zeit als Kolumnist. Er schrieb über den Klimawandel und die versteckte Armut in der Schweiz. Es war ein versöhnlicher Text. «Diese Schweiz ist alles in allem genommen ein phantastisches Land.»

Damit hörte Hubacher auf. Angriffig und bissig bei jenen, die alles haben. Rührend und herzlich bei jenen, die nichts haben. Dreimal Helmut Hubacher. Zum allerletzten Mal.

Wie alles begann. Helmut Hubacher in seinem sechsten Jahr als Nationalrat im Jahr 1969.
Wie alles begann. Helmut Hubacher in seinem sechsten Jahr als Nationalrat im Jahr 1969.
Foto: Keystone
Ein harter Armeekritiker. Helmut Hubacher im März 1997 im Gespräch mit Bundesrat Adolf Ogi, dem ehemaligen Verteidigungsminister.
Ein harter Armeekritiker. Helmut Hubacher im März 1997 im Gespräch mit Bundesrat Adolf Ogi, dem ehemaligen Verteidigungsminister.
Foto: Keystone
Immer wieder Blocher. In Herrliberg 2014.
Immer wieder Blocher. In Herrliberg 2014.
Foto: Dukas
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