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Videoplattform unter DruckDas sind die Tiktok-Alternativen

Instagram lanciert seine neue Funktion Reels genau zum richtigen Zeitpunkt. Doch nicht nur der Facebook-Konzern positioniert sich im hart umkämpften Kurzvideomarkt.

Noch ist Tiktok das Mass aller Dinge auf dem Kurzvideomarkt. Doch die Konkurrenz steht in den Startlöchern.
Noch ist Tiktok das Mass aller Dinge auf dem Kurzvideomarkt. Doch die Konkurrenz steht in den Startlöchern.
Foto: Keystone

Die chinesische Videoplattform Tiktok steht politisch und wirtschaftlich unter Druck. US-Präsident Donald Trump will die App per Verfügung aus dem US-amerikanischen Markt drängen, sollte sie nicht innert 45 Tagen von einem amerikanischen Unternehmen gekauft werden. In Indien ist die App bereits verboten, vordergründig geht es natürlich um die Sicherheit der Bürger, im Hintergrund steht ein Grenzdisput und im Fall der USA der anhaltende Handelsstreit mit China.

Auch wenn das Schweizer Tiktok-Nutzerinnen erst einmal nicht direkt betrifft, könnte die App in absehbarer Zeit weniger attraktiv werden: Indien und die USA sind die beiden grössten Märkte von Tiktok, entsprechend sind dort auch zahlreiche Content Creator mit Reichweite anzutreffen. Und so stellt sich unweigerlich die Frage: Bleibt Tiktok, das seit seiner weltweiten Lancierung vor ziemlich genau zwei Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat, das Mass aller Dinge? Die Konkurrenz steht in den Startlöchern. Wir stellen die wichtigsten Mitbewerber vor.

Instagram Reels: Perfekt getimte Lancierung von Facebook

Zuallererst ist da natürlich Instagram: Die Foto- und Videoplattform des Facebook-Konzerns hat diese Woche mit Reels eine neue Funktion lanciert, die die zentralen Funktionen von Tiktok imitiert: Mit Reels können kurze Videos erstellt und mit Musik unterlegt werden. Die Funktion ist in die Instagram-App integriert und wird wie eine Story angelegt. In der Story-Funktion kann man neu zwischen Live, Story und Reels wählen. Entscheidet man sich für Reels, stehen dort Musik, Abspielgeschwindigkeit, Effekte und Filter sowie eine Timer-Funktion zur Auswahl.

Auch für Nutzerinnen, die diese Features von Tiktok nicht kennen, ist ein Reels schnell erstellt. Im jeweiligen Nutzerprofil gibt es neu eine zusätzliche Rubrik Reels. Die Clips anderer Instagrammerinnen wird man wohl im Stream finden, auch in der Suchfunktion ist die neue Funktionalität derzeit prominent platziert. Reels, die hier auftauchen, sind mit einem Hinweis «Featured» versehen. Wer sich Reels ansieht, springt wie bei Tiktok per Swipe nach unten oder oben von Beitrag zu Beitrag. Inhaltlich ähneln sich Reels und Tiktok-Videos, oft wirken die bis zu 15 Sekunden langen Filmchen etwas hyperaktiv. Ob sich auf Instagram Reels eine eigene Bildsprache entwickelt, bleibt abzuwarten.

Das Timing der Lancierung könnte nicht besser sein. Bereits bei der Einführung von Instagram Stories vor gut vier Jahren waren Ähnlichkeiten zur damals noch recht populären Kurzvideo-App Snapchat (die auch unter der Popularität von Tiktok leidet) augenscheinlich. Mittlerweile hat sich die Funktion durchgesetzt, viele Nutzer machen ausschliesslich oder überwiegend von Stories Gebrauch. Es ist abzusehen, dass sich Reels mindestens bei der jüngeren Nutzerinnen-Gruppe etablieren dürfte.

Byte: Die rechtmässige Erbin des Tiktok-Vorbilds

Tiktok noch ähnlicher ist die App Byte: Sie ähnelt dem Platzhirsch im Aussehen und gleicht ihm fast in der Funktionalität. Lanciert wurde die App von Dom Hofmann, einem der Gründer von Vine. Diese war damals Vorbild von Tiktok, Vine gehörte zum Twitter-Konzern und hatte zu seiner Hochzeit rund 200 Millionen Nutzer. Vine ging im vergangenen Jahr vom Netz, Byte kam erst im Januar auf den Markt. Die Videos dort wirken noch roher und improvisierter als die auf Tiktok, nicht umsonst gibt es hier eine «Alt-Tiktok»-Bewegung, die sich als Subkultur zur glitzernden Teeniewelt von Tiktok versteht. Während Byte seit seiner Lancierung im Schatten der grossen Konkurrenz aus China stand, könnte jetzt (zumindest auf dem US-amerikanischen Markt) ihre Stunde schlagen.

Triller: Mit der Kraft der Celebrities

Als der Autor dieses Artikels zum ersten Mal Triller öffnet, starrt ihm Mike Tyson entgegen. Das verwundert kaum, denn Triller setzt auf Stars aus der Entertainment-Branche. Entsprechend rühmt sie sich ihrer guten Verbindungen zur Musikindustrie; zu den Investoren gehören die Rapper Snoop Dogg und Eminem. Tatsächlich ist Ersterer auch gleich nach der Boxlegende zu sehen, dazwischen mischen sich die von Tiktok bekannten Tanzclips mehr oder minder bekannter Nutzerinnen.

Für Musikliebhaber könnte Triller tatsächlich interessant sein: Neben kurzen Promoclips zu neuen Alben von Popsängerinnen finden sich tatsächlich auch längere Videos mit Livedarbietungen. Welchen Stellenwert die Musik auf Triller hat, zeigt sich auch beim Erstellen eines Videos: Hier muss man sich für eine Kategorie entscheiden. Zur Auswahl stehen «Music» und «Social». Triller gibt es schon seit fünf Jahren, nach eigenen Angaben wurde die App bereits 120 Millionen Mal heruntergeladen.

Die anderen: Gerade lanciert, schon heiss gehandelt

Andere Tiktok-Konkurrenten sind in der Schweiz noch nicht erhältlich. In der US-amerikanischen Fachpresse werden zwei weitere Namen regelmässig genannt: Zynn und Clash. Zynn ist erst im vergangenen Mai lanciert worden, es ist wie Tiktok ein Produkt eines chinesischen Unternehmens. Anscheinend ist die App kontrovers: Angeblich seien dort Konten von berühmten Tiktok-Nutzerinnen plagiiert worden. Auch die Geschäftspraktiken werden kritisiert: ein US-Senator hat im Juni die US-amerikanische Handelsbehörde FTC aufgefordert, das Unternehmen unter die Lupe zu nehmen.

Clash ist der jüngste Mitbewerber auf dem Video-App-Markt; sie wurde erst vergangene Woche lanciert. Einer der Gründer, Brendon McNerney, war bei Vine eine kleine Berühmtheit. Optisch ähnelt Clash der grossen Konkurrenz, nach eigenen Angaben haben sich bereits über 200’000 Personen die App installiert.

Interessanterweise kein Thema in der Fachpresse ist Snapchat. Ob die «grande Dame» der Kurzvideo-Apps im zurzeit durcheinandergewirbelten Markt ein Comeback feiern kann, muss sich zeigen. Im Frühjahr vermeldete Snapchat immerhin noch rund 230 Millionen täglich aktive Nutzer. Im Gegensatz zu Tiktok und seinen Klonen steht bei Snapchat die Kommunikation per Direktnachricht noch mehr im Vordergrund. Ob das reicht, um dauerhaft zu bestehen? Das vor acht Jahren noch revolutionäre Konzept scheint überholt. Und die Konkurrenz orientiert sich längst an anderen.