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Heftige Vorwürfe an die BehördenBlausee-Besitzer: «Wir machen uns Sorgen um die Bevölkerung»

Beim Blausee im Berner Oberland verendeten zehntausende Fische, gleichzeitig entsorgten Baufirmen giftigen Aushub. Wir berichteten live von der Medienkonferenz.

«Krebserregende Giftstoffe versickerten ins Grundwasser»
Die Betreiber der Fischzucht am Blausee im Berner Oberland machen Firmen, welche den Lötschberg-Scheiteltunnel sanieren, und den damit befassten Behörden heftige Vorwürfe.
Video: Keystone-sda

LIVE TICKER BEENDET

Trinkwasser in Kandergrund ist einwandfrei

Von der allfälligen Grundwasserverschmutzung durch Schotter und Eisenbahnschwellen des Lötschberg-Scheiteltunnels ist das Trinkwasser in Kandergrund nicht betroffen. Dieses sei einwandfrei, schreibt die Gemeinde, zu welcher der Blausee und Mitholz gehören, auf ihrer Internetseite.

Kandergrunds Trinkwasser stamme ausschliesslich aus Quellen und nicht aus dem Grundwasser, heisst es im Vermerk weiter.

Der Berner Gelologe Hans Rudolf Keusen sagte an der Medienkonferenz der Blausee-Besitzer am Donnerstag in Bern, er gehe davon aus, dass auch das Trinkwasser weiter unten im Tal, in Frutigen, nicht gefährdet sei. Frutigen beziehe das Trinkwasser aus einem Grundwasserleiter mit guter Filterwirkung, welcher schwere Stoffe zurückhalte.

Die Blausee-Besitzer sagten, aus dem mit Grundwasser gespiesenen Becken, in dem Tausende von Fischen verendeten, seien keine Fische in den Verkauf gelangt. Der am Blausee tätige Tierarzt Ralph Knüsel sagte, die toten Forellen hätten typische Anzeichen einer Vergiftung aufgewiesen. Er nannte als Symptom abgespreizte Kiemen und Atemnot. (sda)

Zusammenfassung
Philipp Hildebrand, Ex-Nationalbankchef, Stefan Linder, Gründer Economic Forum, und André Lüthi, Chef des Reisebüros Globetrotter (von links), bei der Medienkonferenz am Donnerstag in Bern.
Philipp Hildebrand, Ex-Nationalbankchef, Stefan Linder, Gründer Economic Forum, und André Lüthi, Chef des Reisebüros Globetrotter (von links), bei der Medienkonferenz am Donnerstag in Bern.
Foto: Keystone/Peter Schneider

Die Betreiber der Fischzucht am Blausee im Berner Oberland machen Firmen, welche den Lötschberg-Scheiteltunnel sanieren, und den damit befassten Behörden heftige Vorwürfe. Wegen illegaler Aktivitäten seien krebserregende Giftstoffe im Grundwasser versickert.

Einer der Blausee-Besitzer, Stefan Linder, sagte am Donnerstag an einer Medienkonferenz in Bern, Grundwassermessungen auf dem Kieswerk beim Blausee hätten eine 424'000-fache Überschreitung des Grenzwerts bei den sogenanten PAK ergeben.

PAK sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Einige von ihnen sind krebserregend. Linder, Gründer des Swiss Economic Forums, zeigte den Medienschaffenden eine Liste mit weiteren Resultaten aus Wasserproben, welche auf dem Kieswerk entnommen wurden. Es gebe auch hohe Grenzwertüberschreitungen bei Schwermetallen wie Blei und Zink.

Der Verwaltungsratspräsident der Blausee AG sagte weiter, der Schaden durch den Tod von Zehntausenden Fischen belaufe sich auf zwei Millionen Franken. Es sei klar, dass eine Schadenersatzforderung vorbereitet werde. Doch zuerst müsse der Verursacher ermittelt werden.

Kanton Bern bestätigt Illegalität

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass seit 2018 in der Fischzucht des bekannten Berner Ausflugsziels Blausee massenhaft Forellen verendeten. Die Blausee AG geht davon aus, dass der Grund dafür Giftstoffe im Grundwasser sind, welches den Blausee speist und eines der Becken in der Fischzucht.

Nur in diesem Becken seien die Fische gestorben, sagte Linder, nicht aber in den anderen, von Quellen gespiesenen.

Gemäss der Hypothese der Blausee-Betreiber stammen die Gifte vom Schotter und von mit Teer behandelten Eisenbahnschwellen, welche sich im Lötschberg-Scheiteltunnel befanden. Dieser wird seit August 2018 saniert. Das heutige Trassee wird entfernt und durch ein Betonfundament ersetzt.

Der Altschotter und die Eisenbahnschwellen werden auf dem Gelände des Kieswerks von Mitholz beim Blausee abgeladen, getrennt und weitertransportiert. Bis Mitte Juni wurden aber rund 1000 Tonnen Feinmaterial auch dort deponiert – bis der Kanton Bern nach den Verdachtsmeldungen der Blausee-Betreiber intervenierte.

Diese Deponierung sei illegal erfolgt: Das sagte der Vorsteher des bernischen Amts für Wasser und Abfall (AWA), Jacques Ganguin, am Mittwochabend in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF. Das Konzept hätte vorgesehen, dass alles Material nach Wimmis in eine spezialisierte Anlage gebracht und dort gewaschen worden wäre.

Die Blausee-Betreiber werfen den Berner Behörden vor, ungenügend oder mit unangemessenem Verzug gegen die Firmen vorgegangen zu sein, welche dafür verantwortlich seien. Auch sei Ganguin einem vereinbarten Treffen unentschuldigt ferngeblieben.

Seit dem Verbot der Deponierung des Tunnelaushubs in Mitholz sei das Fischsterben am Blausee massiv zurückgegangen; der zeitliche, örtliche und sachliche Zusammenhang mit der Tunnelsanierung sei deshalb «evident».

Der an der Medienkonferenz anwesende Geologe Hans Rudolf Keusen sprach von einem «Skandal». Er habe grosse Zweifel, dass vor der Sanierung des Tunnels gemachte Voruntersuchungen korrekt durchgeführt und interpretiert worden seien.

Seit vielen Jahren sei bekannt, dass das Kieswerk in Mitholz direkt über einem Grundwasserstrom liege. Deshalb gelte dort ein Deponieverbot.

Strafverfahren soll Klarheit bringen

Die Bauherrin der Tunnelsanierung, das Berner Bahnunternehmen BLS, teilte bereits am Mittwoch mit, Proben aus dem Tunnel von 2013 und 2020 hätten nur kleine Mengen an stark verschmutztem Material zu Tage gebracht. Bisher sei auch nur unverschmutztes oder schwach verschmutztes Material aus dem Tunnel gebracht worden.

Das bernische AWA ordnete an, dass rund 1000 Tonnen Feinmaterial in der Kiesgrube Mitholz wieder ausgegraben werden musste und in dafür vorgesehene Deponien transportiert wurde. AWA-Vorsteher Ganguin zweifelt die Messresultate der Blausee-Verantwortlichen an: Wenn in einer Pfütze auf dem Kieswerk gemessen werde, sei das nicht repräsentativ.

Klarheit bringen soll nun ein Strafverfahren, das die Staatsanwaltschaft Berner Oberland eröffnet hat. Es wird wegen des Verdachts auf Verstösse gegen das Gewässerschutz-, Umweltschutz- und kantonale Abfallgesetz geführt. (sda)

Medienkonferenz ist beendet

Stefan Linder bedankt sich bei den Medienschaffenden und beendet die Medienkonferenz.

Frage: Hatten Sie Kontakt mit Regierungsrat Neuhaus?

Man habe Kontakt gehabt mit Regierungsrat Christoph Neuhaus. Er wisse seit dem 3. Juni Bescheid.

Frage: Wie ist eure Zusammenarbeit mit der Standortgemeinde?

Man sei in engem Austausch mit der Gemeinde Kandergrund, sagt Linder. Die Gemeinde verweise jeweils auf das AWA, ihnen seien ein Stück weit die Hände gebunden.

Frage: Gibt es die Idee von Schadenersatzforderungen?

Schadenersatzforderungen würden in einem Zivilverfahren geltend gemacht, sagt Linder. Alleine durch das Fischsterben sei ein Schaden von zwei Millionen Franken entstanden.

Fragerunde

Die offiziellen Ausführungen sind zu Ende, nun beginnt die Fragerunde.

Das sagt der Fürsprecher

Fürsprecher Rolf P. Steinegger beginnt mit einer Rückblende: Die Geschichte habe einen Vorlauf, sagt er. Er zeigt einen NZZ-Artikel von 2006. Schon damals sei Sondermüll aus dem Lötschbergtunnel illegalerweise in den Steinbruch gefahren worden.

Ihn interessiert den Zusammenhang zwischen den illegalen Aktivitäten im Steinbruch und dem Fischsterben. Er ist vom Zusammenhang überzeugt, aus folgenden Gründen:

  • zeitliche Gründe
  • örtliche Gründe
  • sachliche Gründe

Ausserdem gebe es keine alternativen Erklärungsmöglichkeiten für das Fischsterben.

Steinegger wirft den Behörden Vetterliwirtschaft vor. Es seien bei den Aufsichtsbehörden alle miteinander verbandelt. Man sei aufeinander angewiesen. Der Ball sei nun bei der Staatsanwaltschaft.

Razzia wurde abgesagt

Eine geplante Razzia im Steinbruch am 8. Juni wurde offenbar kurzfristig abgesagt. Die Beweislage sei noch zu dünn, es gebe übergeordnete Interessen. Welche dies genau seien, weiss Linder nicht.

Fakt sei: Bis heute werde praktisch jede Nacht Sondermüll in den Steinbruch gefahren.

Das sagt der Tierarzt

Nun spricht Dr. Ralph Knüsel, der die Anlage Blausee schon lange betreut. Man habe teilweise die Situation gehabt, dass man bei einer Inspektion lauter gesunde Fische gehabt habe. Nur zwei Tage später habe dann ein grosses Fischsterben stattgefunden.

Das sei sehr merkwürdig, denn: Im Blausee gibt es eigentlich praktisch keine Algen, es ist ein sehr sauberer See. Zudem werde den Fischen einwandfreies Futter gegeben, die Bedingungen für eine Fischzucht seien beim Blausee eigentlich ideal.

Verdacht gemeldet

Man habe den Behörden, der Polizei und dem AWA alle Verdächte gemeldet und Beweise vorgelegt, so Linder. Die Folge: Der deponierte Altschotter musste wieder ausgehoben werden.

Aktuell seien immer noch tausende belastete Eisenbahnschwellen beim Steinbruch gelagert.

In der Kiesgrube wurde nachts gearbeitet

Abklärungen hätten gezeigt, dass jeweils vor allem zwischen Mitternacht und 4 Uhr Morgens Aktivitäten im Steinbruch stattgefunden hätten. Linder spielt das Beweisvideo der versteckten Kamera ein.

Er zeigt ein Bild, auf dem zu sehen ist, dass der deponierte Altschotter jeweils direkt mit dem freiliegenden Grundwasser in Kontakt kam.

Das sagt der Geologe

Nun erklärt der Geologe Hansrudolf Keusen, was für eine Bedeutung die mehrfache Trübung im Blausee hat. Das sei für ihn ein eindeutiges Alarm-Zeichen.

Keussen hat im Jahr 1989 den Auftrag erhalten, den Steinbruch zu untersuchen. Es war schon damals klar: Der Blausee darf sich auf keinen Fall trüben.

Damals ausgearbeitete Auflagen gelten bis heute: Nicht ins Grundwasser gehen, keine Abfälle im Steinbruch. Trübungen sind all die Jahre nie aufgetreten. Deshalb sei das nun Alarmstufe rot gewesen für Keussen. Das sei ein Indiz dafür, dass Schadstoffe via Grundwasser in den See gelangt seien.

Was geschah

Linder wiederholt, was sich am Blausee in den vergangenen Wochen und Monaten zugetragen hat. Sie können die Ereignisse hier nachlesen.

Es geht los

Stefan Linder eröffnet die Medienkonferenz. Er begrüsst die Medienschaffenden und verliert einige Worte zum Corona-Schutzkonzept.

Das ist die Blausee-Leitung

Die drei Leiter der Blausee AG treten am Donnerstagvormittag vor die Medien:

  • Stefan Linder, Gründer Economic Forum
  • André Lüthi, Chef des Reisebüros Globetrotter
  • Philipp Hildebrand, Ex-Nationalbankchef
Ausgangslage

In den Fischzuchtanlagen beim Blausee im Kandertal kam es in den letzten zwei Jahren immer wieder zu grossen Fischsterben. Die Besitzer vermuten als Ursache verschmutzten Aushub aus dem Lötschberg-Scheiteltunnel und haben Strafanzeige eingereicht.

Wie Recherchen der «Berner Zeitung», des Recherchedesks von Tamedia und der «Rundschau» von SRF zeigen, besteht der dringende Verdacht, dass das Wasser in den Fischzuchtanlagen wegen illegaler Aktivitäten im Zusammenhang mit der Sanierung des Lötschberg-Scheiteltunnels verschmutzt worden sei.

Insbesondere gehe es um verschmutzten Gleisaushub aus dem Tunnel. Diesen Aushub habe die verantwortliche Firma in einen Steinbruch in der Nähe des Blausees gebracht. Dort wurde der verschmutzte Gleisaushub in Verletzung gesetzlicher Vorschriften behandelt und deponiert. (chh)

Beginn des Live Tickers

chh/sda

4 Kommentare
    laura

    Eine Untersuchung plus Sonderbohrungen um zu finden wie es ist. Auch um den Raum Blausee. Wenn Nichts ist alles Klar, Verklagen der Reklamierer, mit dem gleichen Betrag...!!!