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Mein Alltag und CoronaDas Rezept gegen Langeweile: Schrauben und singen

Wie verändert die Corona-Pandemie unseren Alltag? Leserinnen und Leser erzählen.

Im «Budeli» vergeht die Zeit wie im Fluge.
Im «Budeli» vergeht die Zeit wie im Fluge.
Foto: Getty Images

«Ich bin 77 Jahre alt und seit acht Jahren verwitwet. Nun sitze ich mit meinem Kater allein in der Stube und überlege, was ich in dieser Corona-Zeit anstellen könnte. Schon lange wünschte ich mir ein neues Präsentiermöbel für die Stube. Also setzte ich mich an mein Tablet und durchsuchte viele Seiten nach einem geeigneten Möbel. Ich konnte es kaum erwarten, das ersehnte Stück zu erhalten. Und es wurde geliefert – natürlich alles in Einzelteilen. Davon liess ich mich nicht stressen. Gleich am nächsten Tag machte ich mich mit grossem Eifer und Vertrauen in mich daran, zusammenzufügen, was zusammenpasste. Ich kam gut voran. Wenn mich zuweilen der Mut verliess, weil ich etwas falsch gemach hatte, liess ich alles liegen und machte mich erst am nächsten Tag wieder an die Arbeit. So verging eine ganze Woche, und das Möbel stand. Als ich aber die Schubladen und Türen einsetzen wollte, merkte ich, dass dies für mich zu schwierig war. Also bestellte ich den Schreiner. Nun bin ich riesig stolz auf mein Werk. Immer, wenn ich nun auf mein Möbel blicke, kommt eine grosse Ruhe und Freude in mir auf.» Ursula Gasser-Küng, Rüschegg Heubach

Selber zusammengebaut: Das Möbel von Leserin Ursula Gasser-Küng.
Selber zusammengebaut: Das Möbel von Leserin Ursula Gasser-Küng.
Foto: zvg

«Freie Zeit totzuschlagen, ist für viele Leute, besonders alte, die mit Apps und Skype nicht besonders geschickt umzugehen wissen, ein Problem. Mir ist kürzlich das alte Schulbuch der «Gedichtsammlung» wieder mal in die Hände geraten – und nun versuche ich, ob es mir nach über sechzig Jahren gelingt, einige Gedichte wieder auf Vordermann zu bringen. Zum Beispiel «Des Sängers Fluch» von Ludwig Uhland, «Es stand in alten Zeiten» oder «John Maynard war unser Steuermann». Aber auch Franz Hohlers «Totemügerli» habe ich wieder intus gebracht. Ja, warum nicht einen Text, ein Gedicht oder einen Spruch aus früheren Zeiten auswendig lernen? Unser Gesangsensemble «PlusMinusAcht», ein Chor von circa acht Mann, plante für Herbst wieder ein Benefizkonzert zugunsten einer gemeinnützigen Institution. Nun, da die Vereinheitlichung von Noten und Melodien im Moment Corona-bedingt nicht möglich ist, versuche ich wenigstens die Liedtexte auswendig zu lernen. Zum Beispiel «Der kecke junge Mäuserich» oder auch das «Tschurking Tschanping» aus dem «Chinesen-Marsch». Die textliche Ironie der aktuellen Situation ist, bezogen auf die Viren, in einem der Lieder enthalten: «... was me no cha hoffe, isch alei, dass si Hemmige hei.» Kurt Mosimann, Wasen

«Meine Frau und ich sind seit einer Weile pensioniert. Für uns sieht die jetzige Zeit nicht so schlimm aus: Morgenritual Duschen, Morgenessen, Zeitung lesen, Büro-Mails abarbeiten, im Internet Heizölpreise beobachten (ich mache den Einkauf für unser Quartier – so tief war der Preis seit langem nicht). Dann gehe ich eine halbe Stunde laufen. Ich verbringe viel Zeit in meiner Werkstatt, genannt «Budeli». Ein Kunstofffass zum Sammeln von Dachregenwasser muss ich revidieren und neu anstreichen. Meine Tochter bringt eine Steckdosenleiste, um eine Wandbefestigung zu montieren. Eine Bekannte bringt ein Bügeleisen, das ich reparieren werde. Eine Verwandte ruft wegen der Waschmaschine an, weil der Türgriff defekt ist. Vom Kochklub bringt ein Kollege den Luftbefeuchter zur Reparatur, wird gemacht, dann holt er ihn vor der Türe wieder ab. Dann hab ich noch eine antike Lampe, die ich wieder poliere und neu verkable, dann eventuell auf Tutti anbiete. Am späten Nachmittag gehen meine Frau und ich noch an die Sense spazieren und verbringen den Abend dort. Für mich: keine Langeweile oder Decke, die auf den Kopf fällt. Ich bin glücklich. Fredi Bühler, Neuenegg

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