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Schweizer LiteraturDas Nazikind und die grosse alte Dame der welschen Literatur

Das letzte Buch der Genfer Autorin Yvette Z’Graggen ist jetzt auf Deutsch erschienen. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit ihren Frauenfiguren.

Späte Rückkehr zum autobiografischen Stoff: Yvette Z’Graggen, hier an ihrem Schreibtisch im Jahr 2001.
Späte Rückkehr zum autobiografischen Stoff: Yvette Z’Graggen, hier an ihrem Schreibtisch im Jahr 2001.
Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Im Strandbad verliebt sich eine 18-jährige Genferin in einen jungen deutschen Touristen. Als er ihr seine Zunge in den Mund schieben will, findet sie das «widerlich» und flieht. Es ist der Sommer 1938. Der Deutsche fährt nach Hause und zieht in den Krieg. Die beiden sehen sich nie wieder.

Diese autobiografische Episode tauchte im Werk von Yvette Z’Graggen (1920 bis 2012), das den Zweiten Weltkrieg öfter thematisiert, schon früher auf. Mit neunzig Jahren besann sich die Genfer Autorin wieder auf sie zurück und malte sich aus, was hätte geschehen können, wenn. Yvie, wie sie ihr Alter Ego in ihrem letzten Buch «Kurz nach dem Regen» nennt, gibt sich dem Deutschen hin und wird schwanger. Der Briefkontakt mit ihm, der von nichts weiss, bricht ab; nach dem Krieg gilt er als verschollen.

Gegen den Widerstand ihrer Eltern, doch unterstützt von ihrer wackeren Grossmutter, zieht Yvie ihren Sohn Thomas allein auf. Als «Nazi»-Kind wird Thomas von Genfer Nachbarn geschnitten. Doch er findet schliesslich sein Liebesglück, und so kann die Autorin ihn und Yvie sich selbst überlassen.

Die «papierenen Schwestern»

Diese Geschichte durchzuspielen, habe sie «ein Jahr lang den so nahen Tod vergessen lassen», hält Z’Graggen am Schluss des 2011 erschienenen Buches fest, das nun auch auf Deutsch vorliegt. Es ist gewissermassen ein Vermächtnis, denn die grosse alte Dame der welschen Literatur lässt dieser Autofiktion noch fünfzig Seiten folgen, auf denen sie ihr Verhältnis zu ihren Romanheldinnen reflektiert: von der unbedarften Marilou aus ihrem Erstling von 1939, für den sie sich «später geschämt hätte», wäre er nicht unter einem Pseudonym publiziert worden, bis zur achtzigjährigen Agnès aus «Weiher unter Eis» von 2003 (deutsch: 2006).

Mit der luziden einfachen Sprache, die auch immer schon ihren Erzählstil prägte, legt die Schriftstellerin dar, wie sie ihre eigenen Erfahrungen in ihren «papierenen Schwestern» spiegelt. Z’Graggen selbst scherte unter erschwerten Umständen aus einem bürgerlichen Milieu aus (es war Krieg, die Eltern führten eine beklemmende Ehe) und ermöglichte sich ihr Schreiben mit ihrer Arbeit als Sekretärin, bis sie später zum Westschweizer Radio stiess.

Ihre Frauenfiguren versuchen, «die Unwissenheit, die Verlogenheit, die Vorurteile zu bekämpfen, die in ihrer Kindheit noch herrschten», sind aber «keine eingefleischten Feministinnen». Manchmal tragen ihre Bemühungen auch erst in fortgeschrittenem Alter Früchte wie bei Florence im Roman «La Punta», die sich im spanischen Alterswohnsitz von ihrem Mann, einem «friedlichen Spiessbürger», emanzipiert – und zu schreiben beginnt. Mit ihren Büchern regte Z’Graggen wohl viele Leserinnen an, ihre eigene «innere Freiheit» zu finden. Und ihr letztes rundet ihr Werk, ohne jede Spur von Selbstgefälligkeit, so konsequent wie überzeugend ab.

Yvette Z’Graggen: Kurz vor dem Regen. Aus dem Französischen von Yla M. von Dach. Lenos, Basel 2020. 175 S., ca. 27 Fr.