Das Misstrauen gegenüber Facebook wächst

Immer drängender werden Fragen zum Datenschutz gestellt, und in Europa greift die Politik langsam ein. Anderswo wächst das Netzwerk allerdings ungehindert weiter.

Das Image von Facebook hat Schaden genommen. Foto: Ralph Peters (Imago)

Das Image von Facebook hat Schaden genommen. Foto: Ralph Peters (Imago)

Wenn Alex Stamos ein Unternehmen verlässt, bedeutet das zweierlei: Die Firma verliert einen angesehenen Experten für IT-Sicherheit – und sie hat ein ernstes Problem.

2015 kündigte Stamos bei Yahoo, weil der Konzern US-Geheimdiensten Zugriff auf Hunderte Millionen E-Mail-Konten gewährte. Seitdem erlebte Yahoo einen beispiellosen Niedergang und ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Stamos heuerte bei Facebook an und war seitdem einer der wenigen Spitzenmanager, die öffentlich Fehler eingestanden. Nach drei Jahren muss sich Mark Zuckerberg nun wohl einen neuen Sicherheitschef suchen. Einem Bericht der «New York Times» zufolge wird Stamos Facebook im Sommer verlassen. Genau wie bei Yahoo deutet der Abgang auf grundlegende Differenzen hin, und erneut steckt sein Arbeitgeber in einer tiefen Krise.

«Nicht dem Marketing aufsitzen»

Facebook hatte schon immer lautstarke Kritiker: Datenschützer, die vor einer Erosion der Privatsphäre warnten, Medien, die um ihre Rolle als Nachrichtenfilter fürchteten, deutsche Politiker, die menschenverachtende Beiträge schneller gelöscht sehen wollten. Doch im letzten Jahr haben die Vorwürfe ein neues Ausmass angenommen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte muss Facebook mit Sorge in die Zukunft blicken.

Am Wochenende berichteten der «Guardian» und die «New York Times», dass Cambridge Analytica (CA), eine britische Datenanalyse-Firma, 50 Millionen Nutzerprofile ausgewertet und für personalisierte Anzeigen zur Unterstützung von Donald Trump im US-Wahlkampf genutzt haben soll, was CA bestreitet. Ob Trump tatsächlich davon profitierte, ist aber unklar. «Man sollte aufpassen, nicht dem Marketing von Cambridge Analytica aufzusitzen», sagt Mario Voigt, Professor für Digitale Transformation an der Quadriga-Hochschule in Berlin. «Wer behauptet, man könne mit dem Wissen von nur zehn Likes demokratische Wahlen gewinnen, macht nur eines: Er wirbt für das Geschäftsmodell von Facebook und dessen laxen Umgang mit Daten.»

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Voigt hält es für wichtig, die fragwürdigen Praktiken von Cambridge Analytica zu enthüllen, die zudem offenbar weit über Datenanalyse hinausgehen. Für ihn liegt der grössere Skandal aber woanders: «Der Fall zeigt, wie wenig Facebook sich um Datensicherheit kümmert und wie intransparent man dort mit Datenlecks umgeht», sagt Voigt.

Facebook war seit 2015 im Bild

Facebook wusste seit 2015, dass Cambridge Analytica massenhaft Nutzerdaten abgegriffen hatte. Per E-Mail forderte man die Firma auf, die Daten zu löschen, informierte die Öffentlichkeit aber nicht. Einem Whistleblower zufolge besitzt CA bis heute mehrere Gigabyte privater Nutzerdaten.

Die Aufregung über Cambridge Analytica ist nur der jüngste in einer Reihe von Skandalen, die Facebooks Ruf beschädigt haben. Während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 wurde das Netzwerk von einer Welle von Falschmeldungen überschwemmt. Millionen Menschen sahen erfundene Nachrichten und bösartige Anschuldigungen, die sich meist gegen Trumps Konkurrentin Hillary Clinton richteten.

Niemand weiss, welchen Einfluss diese Falschmeldungen auf die Wahlentscheidung der Nutzer hatten, doch sie offenbarten das gewaltige Desinformationspotenzial, das eine Plattform wie Facebook bietet.

Später kam ans Licht, dass russische Akteure versuchten, genau dieses Potenzial auszunutzen, um die Wahl in den USA zu beeinflussen. Eine digitale Schmutzkampagne sollte Zwietracht säen und innenpolitische Konflikte in den USA schüren. Mehr als 120 Millionen Facebook-Nutzer bekamen russische Anzeigen zu Gesicht – aber auch in diesem Fall informierte das Unternehmen die Öffentlichkeit nur zögerlich. Der «New York Times» zufolge war das einer der wichtigsten Gründe für Stamos’ Entscheidung, Facebook zu verlassen.

Weitere Recherchen brachten Facebook zusätzlich unter Druck. Die Website Propublica zeigte, wie Facebooks Anzeigensystem missbraucht werden kann. Makler konnten Immobilienanzeigen schalten und dabei Afroamerikaner ausschliessen. Facebook ermöglichte es Sitebetreibern, gezielt Antisemiten oder Rassisten anzusprechen. Im Anzeigenmanager liessen sich Interessen wie «Ku-Klux-Klan» oder «Wie verbrennt man Juden» auswählen.

Facebook steht aber nicht nur in den USA unter Beschuss. Auch in Europa ist der Ton schärfer geworden. Seit Anfang des Jahres verpflichtet das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz grosse Plattformen wie Facebook, strafbare Inhalte konsequenter zu löschen.

Meinungsfreiheit und Zensur

Das Gesetz ist die Reaktion auf eine öffentliche Debatte, die bereits seit Jahren anhält: Was soll Facebook löschen? Wo endet die Meinungsfreiheit, und wann beginnt willkürliche Zensur? Als im Spätsommer 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa kamen, nahm auch die Zahl rassistischer und hasserfüllter Beiträge rasant zu. Facebook war offensichtlich überfordert. Mordaufrufe blieben stehen, während harmlose Postings entfernt und die Nutzer gesperrt wurden.

Politik, Verbände und Facebook versuchten, in gemeinsamen Arbeitsgruppen neue Standards zu entwickeln, doch die Fortschritte stellten die Behörden nicht zufrieden. In Deutschland wurde daraufhin in bemerkenswert kurzer Zeit das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen alle Widerstände durchs Parlament gepeitscht.

So umstritten das deutsche Gesetz sein mag, international könnte es Schule machen. Mehrere Länder, darunter Frankreich, haben bereits angekündigt, Internetplattformen ähnliche Auflagen machen zu wollen. Das zeigt, dass Politiker beginnen, Facebook ernsthaft zu regulieren.

Jahrelang wurde viel geredet, aber wenig getan. Jetzt prüft die Datenschutzbehörde in Grossbritannien, ob Facebook zu spät darüber informiert hat, dass Daten zu Cambridge Analytica abgeflossen sind. Politiker in den USA und Grossbritannien wollen Facebook-Chef Zuckerberg in den Parlamenten vorladen, und auch EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani kündigte eine Untersuchung an.

Infografik: Facebook-Nutzer in der Schweiz

Allen negativen Schlagzeilen zum Trotz wächst Facebook aber weiter. Zwar kommen in den USA und Europa kaum noch neue Nutzer hinzu – und in der Schweiz ging die Zahl der Nutzer im vergangenen Jahr sogar geringfügig zurück (siehe Grafik). Dafür wird Facebook in Indien und Afrika immer wichtiger – und wenn die Menschen dort nicht auf Facebook sind, dann nutzen sie eben Instagram und Whatsapp, die zum selben Konzern gehören.

Sorge um Werbekunden

In vielen Teilen der Welt ist Facebook gleichbedeutend mit dem Internet, russische Bots und britische Datenfirmen sind den meisten Menschen in Entwicklungsländern schlicht egal.

Echte Gefahr droht Facebook also nur an zwei Fronten: Skandale könnten den Ruf so weit beschädigen, dass Unternehmen nicht mehr in einem derart belasteten Umfeld werben wollen. Oder Politiker könnten die Geduld verlieren und Steuern einführen oder Gesetze erlassen, die Facebook empfindlich treffen. Zumindest das zweite Szenario ist mittlerweile deutlich realistischer als noch vor einem Jahr.

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