Zum Hauptinhalt springen

Run auf ZiegenmilchDas Leiden der Gitzi

Ziegenmilchprodukte sind beliebter denn je. Das Fleisch der Ziege jedoch verkauft sich kaum. Das führe zu unhaltbaren Zuständen bei der Aufzucht und der Verarbeitung, kritisiert der Tierschutz.

Schon in den ersten Lebenstagen werden Gitzi verkauft und landen in Mastbetrieben.
 
Schon in den ersten Lebenstagen werden Gitzi verkauft und landen in Mastbetrieben.
Foto: Marc Dahinden

Noch nie wurden in der Schweiz so viele Ziegenmilchprodukte konsumiert wie heute. Früher eine Delikatesse, die man aus den Ferien in Frankreich mitbrachte, bietet inzwischen jede Region ihren typischen «Geisschäs» an. Und die Milch ist nicht zuletzt bei Kuhmilch-Allergikern gefragt heute wird hierzulande etwa doppelt so viel Ziegenmilch hergestellt wie noch vor zwanzig Jahren.

Das Problem ist, dass Ziegen jedes Jahr gebären müssen, damit überhaupt Milch fliesst. Und je mehr Milch, desto mehr Gitzi, also junge Ziegen, müssen sterben erst recht, wenn sie männlichen Geschlechts und damit unbrauchbar für die Milchproduktion sind. Denn das Fleisch der Ziegen ist weit weniger beliebt als deren Milch.

Für manch einen Landwirt seien die Zicklein ein «lästiges Nebenprodukt», sagt Cesare Sciarra vom Schweizer Tierschutz (STS). Dementsprechend werden die jungen Tiere behandelt: Schon in den ersten Lebenstagen, so Sciarra, würden die Gitzi an Händler verkauft, die sie dann in Mastbetrieben unterbringen. Dort würde man sich bis zum Schlachttermin kaum mehr um sie kümmern.

Ausgehungerte Gitzi im Schlachthof

Der Leiter des STS-Kompetenzzentrums Nutztiere und sein Team führen regelmässig Kontrollen der Tiertransporte durch, überprüfen bei der Rampe von Schlachthöfen den Zustand der angelieferten Tiere. Immer wieder sei ihnen der «jämmerliche Zustand» vieler Gitzi aufgefallen. Die sechs bis acht Wochen alten Tiere seien «ausgehungert und gesundheitlich angeschlagen» gewesen. Selbst ein Metzger des Zentralschlachthofes Hinwil ZH habe den Anblick der kleinen Geschöpfe kaum ausgehalten.

Es herrsche «null Transparenz», sagt Sciarra: «Die kurze Lebenszeit dieser Gitzi ist eine Blackbox.» Was ihm zusätzlich Sorgen macht: Nur ein Teil der ganz jungen Tiere lande auf den grossen Schlachthöfen. Der STS geht davon aus, dass vermehrt Metzgereien, die seltener von Amtstierärzten kontrolliert werden, berücksichtigt würden. Sciarra spricht auch von «Hinterhofschlachtungen», wo das Gitzi-Fleisch «halblegal bis illegal» an Kunden verkauft werde, die billiges Fleisch verlangen.

Erst seit diesem Jahr müssen Ziegen und Schafe in der Tierverkehrsdatenbank des Bundes registriert werden. Man erhoffe sich nun Klarheit darüber, wo die Tiere überall eingestellt und wo sie geschlachtet werden. Idealerweise, so der STS, sollte der Züchter seine Gitzi auf dem Hof aufziehen, bevor sie gemetzget werden. Doch diese sechs Wochen kosten Zeit und Geld, deshalb, so Sciarra, werde sehr oft darauf verzichtet.

Auch der Osterbraten verschwindet vom Tisch

Konfrontiert mit den Vorwürfen, reagiert Stefan Geissmann, Präsident des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes, ungehalten: «Diese Anschuldigungen sind falsch.» Die rund 2700 Züchter würden ihre Verantwortung sehr wohl wahrnehmen und die Geisslein selber aufziehen obwohl sie nicht rentabel seien. Es existierten zwar ein paar wenige Betriebe, die Ostergitzi mästen, aber auch diese Tiere seien «zehn, zwölf Tage alt, gwehrig und stark, an den Nuggi gewöhnt», wenn sie auf den Mastbetrieb kommen.

Den Ziegenzüchtern ist bewusst, dass mit der Zunahme des Bedarfs an Ziegenmilch ein Absatzproblem bei den Gitzis entsteht. Verbandspräsident Geissmann wünscht sich, dass der Konsument dem Fleisch der Ziege eine Chance gibt. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch liegt bei 50 Kilogramm, bloss 70 Gramm davon ist Ziegenfleisch (mehr als ein Drittel davon aus dem Ausland). Selbst an Ostern verschwindet der Gitzibraten vom Tisch. Migros und Coop stellen fest, dass Gitzi immer seltener verlangt wird, obwohl der Preis seit Jahren sinkt.