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Wissenschaftler rätselnTote Fische, so weit das Auge reicht

An der Nordsee verendeten Unmengen von Fischen. Ist die Katastrophe vom Mensch verursacht – oder schlicht eine Laune der Natur? Eine komplizierte Spurensuche.

Ende Juni wurden unzählige tote Fische an die deutsche Nordseeküste geschwemmt.
Ende Juni wurden unzählige tote Fische an die deutsche Nordseeküste geschwemmt.
Foto: Rainer Schulz (Picture Alliance, DPA)

Für die Touristen, die auf ihren Küstenwanderungen normalerweise vor Glück jauchzen, wenn sie das Häufchen eines Wattwurms finden oder eine Krabbe sie bei Ebbe in den Zeh zwickt, war der Anblick ein Schock: tote Fische, so weit das Auge reicht. Ob auf Sylt, vor Cuxhaven oder Büsum, am traumhaften Strand von St. Peter-Ording oder in Husum: All diese Orte meldeten ein grosses Fischsterben. «Einen solch dramatischen Eindruck am Strand», sagt Katja Heubel, «den gab es bisher in dieser Form meines Wissens noch nicht.» Sie ist Biologin am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum, einer Einrichtung der Kieler Christian-Albrechts-Universität, die sich mit Küstenforschung beschäftigt. Derzeit gehört Heubel einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an, die sich auf beinahe kriminalistische Weise dem mysteriösen Fischsterben nähert, das am 19. und 20. Juni seinen Höhepunkt hatte.

Es war kein Unfall

Aber auch jetzt noch werden andernorts tote Fische angespült, zuletzt in der dänischen Nordjammerbucht. Fast ausschliesslich handelt es sich um Heringe. «Was wir schon wissen: Es war kein Unfall», sagt Katharina Weinberg, Leiterin des Bereichs Naturschutz in der Schutzstation Wattenmeer in Husum. Heringe seien sehr gute Schwimmer, so etwas wie ein massenhaftes versehentliches Verirren in gefährliche flache Gewässer passiere «nicht einfach so».

Nun machen sich Forscher der Universitäten in Kiel, Hamburg und Oldenburg, Biologen in Husum und Büsum und das Landeslabor Schleswig-Holstein an die Ursachenforschung. Heringe sind ein wichtiges Glied der Nahrungskette im Ökosystem Nordsee, sie dienen als Futter für Seeschwalben, alle grösseren Raubfische, für Robben – und für Menschen, die sie fischen.

Woran sind die Heringe also gestorben? Katja Heubel musste einen ersten Eindruck, wonach die sechs bis acht Monate alten Jungtiere kleiner und leichter gewesen seien als in anderen Heringsjahrgängen, korrigieren: «Sie waren zwar in einem schlechten Zustand, aber der Konditionsindex unterscheidet sich nicht von dem in anderen Jahren», sagt sie. Der Konditionsindex ist eine Art Bodymass für Fische. Die Uni Hamburg hat die aktuellen Funde mit asservierten Exemplaren früherer Schwärme verglichen; es gab keine Auffälligkeit.

Auch die Wassertemperatur, Algenbildung oder Sauerstoffmangel konnten die Forscher als Ursache bereits ausschliessen. Nun müssen die Wissenschaftler anderen Spuren nachgehen. Der Mageninhalt der Tiere soll analysiert werden, ebenso Planktonproben aus den Gewässern. Die Uni Oldenburg sucht nach Umweltgiften.

«Massensterben ist eine Methode der Natur.»

Katharina Weinberg, Schutzzentrum Wattenmeer

Möglich ist laut Heubel auch eine Veränderung des Nordseeplanktons durch Umwelteinflüsse. So könnte sich die Zusammensetzung des Grundnahrungsmittels der Schwärme verändert haben. «Das wäre ein typischer Effekt des Klimawandels», sagt Heubel. Ebenso sei eine zeitliche Verschiebung des Planktonaufkommens denkbar, dass also das grosse Nahrungsaufkommen zu früh oder zu spät für die Jungfische vorliegt – oder, nicht weniger folgenschwer, dass sich die Planktonreserven geografisch verschoben haben.

Im schleswig-holsteinischen Landeslabor in Neumünster wiederum untersuchen Wissenschaftler die Fischkadaver auf Parasiten oder Bakterien, die den Tieren den Tod gebracht haben könnten. Katharina Weinberg vom Schutzzentrum Wattenmeer schliesst aber auch noch nicht aus, dass es sich um eine Kalamität der Natur handelt: «Massensterben ist eine Methode der Natur», sagt sie. Auch der Borkenkäfer zum Beispiel vermehre sich bisweilen exzessiv, nur damit die Population dann wieder zusammenbricht.

Starker Heringsjahrgang

Nach ihren Erkenntnissen handelt es sich in diesem Jahr um einen starken Heringsjahrgang, die Schwärme seien gross, was im Extremfall bedeuten könnte: «Viele Fische, viele tote Fische.» Allerdings ist das Monitoring von Fischen eine aufwendige und teure Sache und noch längst nicht wirklich gut ausgebaut.

Es ist aber alles in allem doch nicht unwahrscheinlich, dass der Mensch das Fischsterben zu verantworten hat. Es kann auch sein, dass die Schwärme von Jungtieren durch die Schifffahrt oder exzessive Fischerei zu früh aus ihren Kinderstuben vertrieben wurden und noch nicht gelernt haben, sich in flachen Gewässern sicher zu bewegen. «Die Fische müssen das tatsächlich lernen», sagt Katharina Weinberg. Auch Veränderungen des Salzgehalts, von Strömungen und Wasserdichte wären mögliche Ursachen; sie würden wiederum den Schwebezustand des Planktons im Wasser verändern. «Vielleicht gibt es am Ende nicht die eine Ursache, sondern eine Kombination verschiedener Phänomene», sagt Katja Heubel.