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Mein JobDas Gestein erzählt ihr Geschichten

In den Tiefen des Ozeans sucht sie nach Antworten zur Vergangenheit der Erde: Helen Eri Amsler ist Doktorandin am Institut für Geologie der Universität Bern.

Helen Eri Amsler untersucht im Labor der Uni Bern die chemische Zusammensetzung von Ablagerungen im Meer.
Helen Eri Amsler untersucht im Labor der Uni Bern die chemische Zusammensetzung von Ablagerungen im Meer.
Foto: Christian Pfander

Das Gebäude, in dem Helen Eri Amsler arbeitet, sieht auf den ersten Blick aus wie aus einer anderen Zeit: Ein grosser Betonbau umgeben von viel Grün, darin hallender Plättchenboden, altmodische Wandschränke, vergilbte Landkarten und funkelnde Kristalle in Schaukästen. Die eigentümliche Dekoration verrät die Nutzer des Gebäudes: Das geologische Institut der Universität Bern ist hier angesiedelt.

Mit Mantel und Schutzbrille ausgerüstet steht Helen Eri Amsler in einem der Labors und erklärt die Funktion ihrer verschiedenen Arbeitsgeräte. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Paläozeanografie: ein Zweig der Geologie, der versucht, mithilfe von Sedimentablagerungen die Entwicklung der Weltmeere zu erklären.

Ein Archiv der Erdgeschichte

Im Labor analysiert Amsler Sedimentschichten aus dem Ozean. Denn Sediment ist nicht nur Schlacke auf dem Meeresgrund: Klimatische und ökologische Faktoren beeinflussen die chemische Zusammensetzung des Meerwassers und somit auch die der entstehenden Ablagerungen. In 10 Jahren bildet sich auf dem Boden des Ozeans etwa 1 Millimeter neues Sediment – bei idealen Bedingungen. Oft kann dieser Prozess auch 100 oder 1000 Jahre dauern.

Paläozeanografen wie Helen Eri Amsler können aus den so entstandenen Schichten viel erfahren: «Sedimentablagerungen sind wie ein Archiv der Erdgeschichte», erklärt sie. Daraus liessen sich Schlüsse über die Lebensbedingungen in vergangenen Eis- und Warmzeiten ziehen. Dieses Wissen sei auch für das Verständnis der aktuellen klimatischen Entwicklung wichtig, erklärt sie: «Die Erkenntnisse über die Vergangenheit könnten in Kombination mit Modelldaten Prognosen für die künftigen Bedingungen in den Weltmeeren und das Klima der Erde ermöglichen.»

Widerspenstige Sedimente

Doch wie kommt man überhaupt dazu, in Geologie ein Doktorat anzustreben? «Für mich war das kein Kindheitstraum, sondern eher eine schrittweise Entwicklung», sagt Amsler. Das Fachgebiet der Paläozeanografie lernte sie während ihres Studiums in Erdwissenschaften an der ETH Zürich kennen: «Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, dass man mit einem Klumpen Sediment Teile der Erdgeschichte rückverfolgen kann.»

Nach ihrem Masterabschluss arbeitete Amsler einige Jahre in Japan. Die Gelegenheit, für das Doktorat ein eigenes Forschungsprojekt zu starten, bot sich dann 2016. In den vergangenen vier Jahren sei sie auf einige Hürden gestossen, etwa das Beschaffen der Proben: «An einer unserer Expeditionen im Südlichen Ozean wollten wir zehn Meter lange Sedimentkerne entnehmen, doch die Wetterbedingungen und Strömungen haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht», erinnert sie sich. Umsonst sei die Reise aber nicht gewesen: Das Team sammelte stattdessen seismische Daten, einige kürzere Sedimentkerne sowie Wasser- und Eisproben.

Erst auf dem wilden Meer, dann im ruhigen Labor: Helen Eri Amslers Alltag ist vielseitig.
Erst auf dem wilden Meer, dann im ruhigen Labor: Helen Eri Amslers Alltag ist vielseitig.
Foto: Christian Pfander

Vom Südlichen Ozean an die Aare

Die etwa zehn Meter langen Sedimentsäulen, die sie für ihre Forschung braucht, wurden dann bei anderen Exkursionen aus dem Meeresboden geholt. Zur Untersuchung kamen sie mit nach Bern: «Der Aufenthalt auf dem stürmischen Meer war ein Abenteuer, mir hat es gefallen», sagt Amsler. Für die Untersuchung der Proben hätte man im Labor aber mehr Zeit und Platz – und es schaukle weniger.

Heute ist Amsler kurz vor dem Abschluss ihrer Arbeit. Nachdem sie anfangs viel im Labor stand, hat sich ihr Arbeitsalltag inzwischen etwas geändert: «Es gibt jetzt vor allem viel zu schreiben», sagt sie. Insgesamt seien die letzten vier Jahre eine positive Erfahrung gewesen. Und auch dank der vielseitigen Freizeitangebote und der zentralen Lage in Bern konnte sie diese Zeit geniessen. «Besonders gerne bin ich bei schönem Wetter mit dem Velo an der Aare unterwegs», erzählt Amsler.

«Es gefällt mir in Bern, ich habe mittlerweile Wurzeln geschlagen.»

Helen Eri Amsler

Obwohl sich ihre Zeit an der Uni Bern dem Ende zuneigt, hat Helen Eri Amsler keine Absicht, die Stadt zu verlassen. «Es gefällt mir hier, ich habe mittlerweile Wurzeln geschlagen.» Statt ihre nächste Herausforderung international zu suchen, wird sie deswegen in einem Geologie- und Umweltbüro in der Region arbeiten. So kann sie auch in Zukunft viele sonnige Momente an der Aare verbringen.

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