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«Neues» Album von Neil YoungDas fehlende Puzzleteil

Mit 46 Jahren Verspätung veröffentlicht Neil Young, der Grossarchivar des eigenen Schaffens, sein Album «Homegrown». Es zeigt einen manischen, zerrissenen Künstler im Rohzustand.

Der Musiker und Sänger Neil Young trat am 19. August 1995 am Open Air Gampel auf.
Der Musiker und Sänger Neil Young trat am 19. August 1995 am Open Air Gampel auf.
Foto: Keystone

Verschollen ist nicht das richtige Wort. Aber es führt einen in die richtige Richtung. Verschollen war Neil Youngs Album «Homegrown», das er 1974 aufgenommen und dann für 46 Jahre ins Regal gestellt hat, nämlich nie. Aber das Wort «verschollen» beschreibt ziemlich genau das Gefühl, das sich einschleicht, wenn man sich mit dem musikalischen Lebenswerk des kanadischen Sängers und Songwriters beschäftigt.

Kaum ein Musiker hat seine eigene Vergangenheit schliesslich so akribisch kartografiert, sein künstlerisches Schaffen so penibel selbst musealisiert wie Neil Young. Alles ist in den online frei zugänglichen Neil Young Archives zu finden – auf einem Zeitstrahl datiert und archiviert. Alles: Studioalben, Livemitschnitte, Outtakes, Songtexte, Flyer. Zerfledderte Notizzettel stehen gleichberechtigt neben epochemachenden Pop-Klassikern. Es ist eine Sammlung, in der selbst Hardcore-Fans bisweilen verloren gehen. Wann immer man glaubt, endlich alles gesichtet und gehört zu haben, taucht plötzlich wieder etwas Neues in einer Lücke auf dem Zeitstrahl auf – oft sogar ein unveröffentlichtes Album. 2017 hatte Young etwa «Hitchhiker» von 1976 entstaubt. Und nun also «Homegrown».

Das Album ist unter den berüchtigten unveröffentlichten Neil-Young-Alben das vielleicht berüchtigste. Aufgenommen hatte Young es 1974 – mitten in der kreativsten und künstlerisch ergiebigsten Phase seiner Karriere. Die Platte war fertig, selbst das Cover stand schon. Dann entschied Young sich um. Statt «Homegrown» erschien «Tonight's the Night», ein Album, das er wiederum schon 1973 aufgenommen, damals aber zugunsten von «On the Beach» zurückgehalten hatte. Zwei spärlich arrangierte, düstere, nachdenkliche Platten, die in krassem Gegensatz zum kommerziellen Übererfolg von 1972, dem orchesterbefeuerten Country-Bombast von «Harvest», standen.

Der Lückenfüller, der millimetergenau passt

Wer sich «Homegrown» nun als eine Fortsetzung zu ebenjenem «Harvest» vorgestellt hat, wird enttäuscht. Gleich zu Beginn des Eröffnungsstücks «Separate Ways» schmeichelt sich zwar eine herzzerreissende Pedal-Steel-Gitarrenmelodie ins Ohr, doch schon nach wenigen Takten muss sie sich der mürrischen, drückenden Stimmung von Youngs schleppend vorgetragenen Strophen ergeben. «Separate Ways» ist ein Song, der exakt in der Mitte zwischen dem naiven Hippie-Kitsch von «Harvest» und den geplatzten Gegenkulturträumen von «Tonight's the Night» steht.

Auch ansonsten ist «Homegrown» das fehlende Puzzleteil, das millimetergenau in die Lücke zwischen den Alben passt. Das Gelenk, das die unterschiedlichen Stile und Atmosphären von Youngs Alben aus jener Zeit miteinander verbindet. «Kansas» weist mit seinem perkussiven Akustikgitarrenspiel und der zähen Mundharmonikabegleitung in Richtung des schwermütigen Depressions-Folk von «On the Beach». «We Don't Smoke It» ist ein kleiner, fieser Blues, der genauso auch auf «Tonight's the Night» gepasst hätte. Und «Vacancy» entfesselt ein Gitarrenspektakel, wie es Young ein Jahr später zusammen mit seiner Begleitband Crazy Horse auf dem Album «Zuma» zelebrieren würde.

28 unveröffentlichte Werke hat Young angeblich noch im Archiv

Das Ergebnis ist ein eklektisches Album, das von Song zu Song durch unterschiedliche Stimmungen springt und emblematisch für Youngs überbordende Produktivität und seine kreativen Hakenschläge steht.

Es ist damit auch ein Album, das sich nach 46 Jahren die Frage nach der Relevanz im Heute gefallen lassen muss. Denn natürlich steht «Homegrown» im Jahr 2020 merkwürdig da. Und natürlich fällt es im Vergleich mit anderen Neil-Young-Alben jener Zeit zurück, schliesslich hatten die ja auch beinahe ein halbes Jahrhundert, um zu den popkulturellen Ikonen heranzureifen, die sie heute sind.

Einige Songs aus den Aufnahme-Sessions wie «Little Wing» oder «Star of Bethlehem» haben es im Laufe der Jahre ausserdem auf andere Alben geschafft, oft in neuer Instrumentierung und in veränderten Versionen. Sie hatten Zeit zu wachsen. «Homegrown» zeigt Neil Young dafür aber noch einmal im Rohzustand, in all seiner launigen Wechselhaftigkeit, seiner manischen Zerrissenheit.

28 bislang unveröffentlichte Werke habe er noch in seinem Archiv, schrieb Neil Young kürzlich. Darunter noch zwei weitere Studioalben aus der Zeit unmittelbar nach «Homegrown». Es ist noch lange nicht alles kartografiert.

Neil Young: Homegrown. Warner Music, erscheint am 19. Juni 2020
Neil Young: Homegrown. Warner Music, erscheint am 19. Juni 2020
Foto: Keystone