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Kinder in der Corona-Krise«Das Familienschiff kann arg ins Wanken geraten»

Der Anspannungspegel ist durch die Corona-Krise bei gesunden wie labilen Kindern gestiegen, sagt Psychiaterin Dagmar Pauli. Sie gibt Tipps für die sichere Reise durch die Lockdown-Zeit.

Auch die Kinderseelen leiden unter dem Lockdown – und für instabile Heranwachsende wie dieses depressive Mädchen ist die Lage noch prekärer.
Auch die Kinderseelen leiden unter dem Lockdown – und für instabile Heranwachsende wie dieses depressive Mädchen ist die Lage noch prekärer.
Foto: Getty Images/Tetra images RF

Die Telefone laufen schon am frühen Morgen heiss in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Zürcher Universitätsklinik. Lockdown? Hier nicht. Trotzdem wirkt sich die Corona-Krise auch auf den Betrieb der Klinik aus – und auf die jungen Patienten.

Den Lockdown gibts seit rund zwei Wochen, die Pandemie war davor schon ein Thema. Sehen Sie einen Leidensdruck bei der hiesigen Jugend?

Die Situation ist durchaus auch für gesunde Kinder eine Belastung: Sie spüren die Ängste der Eltern, die Ungewissheit und unklare Zukunft macht auch ihnen zu schaffen. Unsichtbar lauernde und unberechenbare Gefahren sind für den Menschen – besonders für den stets kalkulierenden Homo faber des 21. Jahrhunderts – schwer erträglich. Sie haben einerseits etwas Irreales, andererseits gibt es täglich furchtbar anschauliche neue Horrormeldungen. Auch das veränderte Familienleben verlangt von allen Beteiligten einiges ab. Man kann bei gesunden Kindern – und Erwachsenen – daher zurzeit einen erhöhten Anspannungspegel ausmachen. Aber ich stelle fest, dass viele erstaunlich gute Bewältigungsstrategien entwickeln.

Und die psychisch vorbelasteten Kinder?

Bei unseren Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen haben sich die Probleme teils deutlich verschärft. Eine Jugendliche zum Beispiel hat auf die Bedrohung durch das neue Virus mit einer Verschlimmerung ihres Waschzwangs reagiert. Unrealistische Schreckensszenarien dominieren ihre Fantasien. Für solche Kinder wird es lange Verarbeitungsphasen brauchen.

Und nun fallen jene Sicherheitsnetze und Strukturen weg, die instabile Heranwachsende gerade besonders benötigen.

Richtig ist, dass generell in der Arbeit mit Jugendlichen einige niederschwellige Anlaufstellen, Treffpunkte und Aktivitäten derzeit ausfallen – und dass bei uns extrem viel los ist. Hier im Haus selbst betrifft die Arbeitsumstellung vor allem den ambulanten Bereich. Da fokussieren wir auf die dringendsten Fälle: Diese Kinder kommen immer noch zu uns für ihre Sitzungen. Bei allen aber, deren Zustand es erlaubt, nutzen wir telemedizinische Möglichkeiten wie Telefon und Video-Chat. Allerdings hat sich in manchen Fällen gezeigt, dass dies zu anspruchsvoll ist. Zudem kann das Familienschiff arg ins Wanken geraten, wenn plötzlich alle daheim sind und ohne Pause aufeinanderhocken.

Was dann?

Man greift entweder doch auf ambulante Termine zurück oder überlegt stationäre Lösungen. Auch unsere Tageskliniken sind grossteils offen, mit reduziertem Betrieb und in sehr kleinen Gruppen. Der dortige Unterricht läuft teilweise als Homeschooling weiter. Auch der Notfall ist 24-stündig besetzt. In der Klinik wiederum sind fast alle der sechzig Betten belegt: Denn einfach heimschicken und allein lassen ist keine Option.

«Man kann einen schwer essgestörten Teenager nicht in die Familie geben und erwarten, dass das ausgerechnet jetzt von allein heilt.»

Wie gehen Sie mit der Infektionsgefahr um bei so viel «Kundenverkehr»?

Das ist eine Risikoabwägung. Man kann einen schwer essgestörten Teenager nicht in die Familie geben und erwarten, dass ausgerechnet jetzt von allein heilt, was vorher bedrohliche Ausmasse annahm. Für physisch gesunde Kinder und Jugendliche birgt das Virus ja keine Lebensgefahr; allerdings potenziell für manche Mitarbeiter; wer zur Risikogruppe gehört, arbeitet meist im Homeoffice. Wir tragen Schutzmasken und machen bei der Patientenaufnahme einen Gesundheitscheck samt Befragung und Temperaturmessen. Auch Besucher werden kontrolliert. Das Spital-Besuchsverbot gilt bei uns in modifizierter Form, Kinder müssen ihre Familien sehen können.

Was raten Sie, damit Familien halbwegs unbeschadet aus der Corona-Krise herauskommen?

Essenziell für Kinder wie Erwachsene ist ein strukturierter Tagesablauf. Rechtzeitig aufstehen, duschen, sich anziehen und fixe, abgetrennte Lern- beziehungsweise Arbeitszeiten und Spielzeiten festlegen – und einhalten. Es sollte nicht alles ineinander verschwimmen. Wer dauernd Mails checkt, kann sich weder richtig auf die Kinder noch auf die eigene Erholung einlassen. Regelmässige gemeinsame Mahlzeiten und Familienspiele sollten auf dem Plan stehen. Filmabende. Turnen, körperliche Aktivität, wenn möglich draussen, trägt zum physischen wie psychischen Wohlbefinden bei. Nicht zuletzt, und das ist besonders für die kindliche Psyche ein Faktor: Schaffen Sie Corona-freie Zeiten in der Familie! Man darf und soll mit den Kids ehrlich und sachlich darüber sprechen, aber nicht ständig jede neuste Meldung durchdiskutieren. Wenn es Ihnen irgend möglich ist, verströmen Sie Zuversicht!

«Wenn Sie zu den letzten beiden Packungen Klopapier im Laden greifen wollen, lassen Sie doch eine davon liegen.»

Angesichts der allgegenwärtigen Angst – auch jener ums wirtschaftliche Überleben – ist das schwer.

Leicht ist es nicht. Ich versuche mal, aus der Krise ein paar tröstliche Punkte herauszupicken: Social Distancing etwa bedeutet keine emotionale Distanzierung. Manche sind sich sogar nähergerückt, es gab spontane Nachbarschaftshilfe und Solidarität. Vielleicht haben wir hier die Chance, unseren ausgeprägten Individualismus mal infrage zu stellen. Wir müssen jetzt Kollektivmassnahmen durchziehen, Verantwortungsgefühl üben. Also: Wenn Sie zu den letzten beiden Packungen Klopapier im Laden greifen wollen, lassen Sie doch eine davon liegen für den nächsten, der sie braucht. Das tut nicht nur ihm gut, sondern noch viel mehr Ihnen – Ihrem Lebensgefühl und Selbstbild. Und davon profitiert die ganze Familie.

Wenn ambulante Psychotherapiesitzungen ausfallen müssen und auch die Schule wegen der Schliessung keinen Halt mehr gibt, kann es schwierig werden für vorbelastete Kinder. Hier lesen Sie, wie die Psychiatrie baut ihr Hilfsangebot ausbaut.
Wenn ambulante Psychotherapiesitzungen ausfallen müssen und auch die Schule wegen der Schliessung keinen Halt mehr gibt, kann es schwierig werden für vorbelastete Kinder. Hier lesen Sie, wie die Psychiatrie baut ihr Hilfsangebot ausbaut.
Foto: Keystone