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InterlakenDas Ende einer Hausarzt-Ära

Aldo Martinelli gab nach 47 Jahren seine Praxis ohne Nachfolger auf. Er hinterlässt eine grosse Lücke im hausärztlichen Versorgungsnetz.

Ein aufmerksamer Blick und rote Hosenträger: Aldo Martinelli in seinem Sprechzimmer in Interlaken.
Ein aufmerksamer Blick und rote Hosenträger: Aldo Martinelli in seinem Sprechzimmer in Interlaken.
Foto: Anne-Marie Günter

Kein steril designtes Sprechzimmer, sondern eine Art Arbeitszimmer mit Bildern, Büchern, Heften und Ordnern, in Gebrauch, nicht stramm in Reih und Glied aufgestellt. An den Wänden Erinnerungen auf Papier, manchmal in Klarsichtmäppchen, darunter schwarz auf weiss Goethes Gedicht von der Seele des Menschen, die dem Wasser gleicht.

Aldo Martinelli lehnt sich im Sesssel leicht zurück, der Blick aufmerksam und direkt. Ein Blick, mit dem er Diagnosen stellen kann. 47 Jahre lang war dieser Raum der Ort, wo er Patientinnen und Patienten sah, zum ersten Mal, zum wiederholten Mal, zum letzten Mal. Mit 84 Jahren gab er Ende Juni seine Praxis auf; den rund 250 gegenwärtigen Patientinnen und Patienten blieb nichts anderes übrig, als ihre Krankengeschichte abzuholen.

Aldo Martinelli bedauert es sehr, dass viele von ihnen keinen neuen Hausarzt, keine neue Hausärztin gefunden haben. Er hat schon längere Zeit Nachfolger gesucht, welche die Praxis in seinem Sinne hätten weiterführen können, fand aber niemanden, der sich geeignet hätte. «Ich bin erstaunt, dass es mir relativ leichtgefallen ist, die Praxis aufzugeben, denn ich habe meine Arbeit sehr gern gemacht», sagt er.

Es begann im Spital

Nach einer umfassenden medizinischen Ausbildung war der gebürtige Bieler 1970 Oberarzt Innere Medizin am Bezirksspital Interlaken und baute zusammen mit Chefarzt Professor Paul Cottier die medizinische Intensivstation auf. 1973 eröffnete er seine Praxis für Innere Medizin in einem denkmalgeschützten Haus an der Alpenstrasse, gleichzeitig blieb er bis 1987 Leiter der medizinischen Intensivstation am Spital. Er betreute Patientinnen und Patienten in der Praxis, machte Hausbesuche, leistete Notfalldienst.

Sein Arbeitsfeld war breit aufgestellt, er besuchte Weiterbildungen, blieb fachlich immer à jour. Seine Gattin unterstützte ihn über all diese Jahre stets tatkräftig. «Ohne Elisabeth wäre es niemals gegangen», sagt er. Er gründete auch eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin, welche bis heute – jetzt unter anderer Leitung – fortbesteht.

Für die Öffentlichkeit

Aldo Martinelli war Kompaniekommandant, Kommandant des Spitalregiments 9 und Dienstchef einer Division. Er hat sich zudem politisch in der Gemeinde Interlaken engagiert: als Mitglied und Präsident der Gymnasiumkommission, als Gemeindeparlamentarier und für den Bau zuständiger Gemeinderat, als Präsident der Regionalplanung Oberland Ost. In Interlaken hat er eine gut sichtbare Spur hinterlassen, denn er war als Präsident der entsprechenden Kommission zuständig für den Entwicklungsschwerpunkt Interlaken-Ost und setzte sich für die einzigartige Platzgestaltung ein. Die Zeit wird ihm nicht lang: Er hat eine grosse Familie mit acht Enkeln, interessiert sich für alte Sprachen, geniesst den grossen Garten und bewohnt mit der Villa Berthoud ein Haus, das gepflegt werden will. «Ich bin dankbar dafür, dass alles gekommen ist, wie es kam», sagt er.