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Sommerserie: Darf man das? (9)Darf man wild campen?

Heute wagt sich die Sittenpolizei in die freie Wildbahn und nimmt das Problempaar Mensch und Natur unter die Lupe.

Wild campen – ist das das legitime Vergnügen der Naturverbundenen oder Schändung der Natur? Unsere Sittenpolizei ist sich wie immer uneinig.
Wild campen – ist das das legitime Vergnügen der Naturverbundenen oder Schändung der Natur? Unsere Sittenpolizei ist sich wie immer uneinig.
Getty Images/iStockphoto

Darf man wild campen?

mjc: Meine Meinung ist ein entschiedenes Es-kommt-darauf-an. Wo genau wird gezeltet? In einem Naturschutzgebiet? Dann lieber nicht. Oder an einem schönen, abgelegenen Flecken, wo man niemanden – hoffentlich auch nur wenige Tiere – stört? Das dünkt mich okay. Eine Rolle spielt auch, wie man mit seinem Abfall umgeht. Wer seinen Müll wieder einpackt und später in der Zivilisation fachgerecht entsorgt, dem kann man kaum Vorwürfe machen.

mfe: Sie sind mir ein Graus. Menschen, die von sich das Gefühl haben, sie stünden der Natur besonders nahe – und die daraus ein Recht ableiten, nach Lust und Laune und immer in deren hinterste Winkel vorzustossen. Klar ist es toll, gerade dort, wo man will, das Zelt aufzustellen, und nicht mitten im Pulk. Aber die Natur hat nichts davon, wenn wir jederzeit überall sind. Nenne es das Skitouren-Paradox: Die Skitüreler meiden den entfremdeten Massentourismus – und quälen sich in Heerscharen die abgelegeneren Gipfel hoch. Damit hat noch kein Steinbock eine Minute Ruhe hinzugewonnen. Ach ja, die Antwort ist: Nein.

akn: Ja – aber Wild-Campende müssen eine Lösung für ihre Ausscheidungen finden. Waldstreifen voller Exkremente und Klopapier sind … beschissen.

Darf man bei der Brätelstelle seinen Abfall neben dem vollen Abfalleimer deponieren?

mjc: Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher Bünzli, aber als Kind wurde mir eingeimpft, dass Abfall in einen Eimer gehört. Ist dieser voll, muss man eben einen anderen suchen. Das bedeutet unter Umständen, dass man seinen Müll ein Stückchen weit mitträgt, bevor man ihn loswird. Ist das wirklich zu viel verlangt?

mfe: Besser ist es, den Abfall kunstvoll aufzutürmen. Im Ernst: Sich über Menschen aufregen, die einen Abfalleimer benutzen, verstehe ich nicht. Und wenn er überquillt, dann überquillt er halt. Wenns nicht gerade stark windet, ist das auch nicht ein Weltuntergang. Wenn eine Gemeinde irgendwo einen Abfalleimer hinstellt, soll sie dafür sorgen, dass die Kapazität reicht. Oder sie lässt es sein, dann ist allen klar: Der Abfall wird wieder mitgenommen.

akn: Es ergibt einfach keinen Sinn. Warum ist es für so viele Ausflügler kein Problem, ein komplettes Picknick irgendwohin zu tragen, aber offenbar unmöglich, das bisschen Abfall wieder mitzunehmen?

Darf man seinen Garten nur mit Rasen und Verbundsteinen gestalten, während die Bienen sterben?

mjc: Ich bezweifle, dass man das Bienensterben aufhalten könnte, wenn jeder einen Naturgarten rund um sein Haus hätte. Beim Bienensterben spielen andere Faktoren – wie etwa Pestizide – eine grössere Rolle. Jedenfalls ist mir das so aus Markus Imhofs Film «More than Honey» in Erinnerung geblieben. Deshalb handelt es sich bei der Gartengestaltung meiner Meinung nach um eine reine Geschmacksfrage.

mfe: Für meinen Geschmack ist ein blosser Rasen weder schön noch nützlich, andererseits ist es die radikalste Form des Garten-Konzepts. Denn im Garten nimmt der Mensch der Natur den Entscheid ab, was wo wachsen soll und was in die Kategorie Unkraut fällt und weg muss – das gilt auch für naturnahe Gärten. Die zur Schau gestellte Naturverbundenheit ist also geheuchelt.

akn: Man darf natürlich schon. Aber diese Rubrik lotst die Grenzen des guten Geschmacks aus, und «Gärten», die nur aus Rasen, Pflastersteine und vielleicht noch einer Thujahecke bestehen, befinden sich eindeutig jenseits dieser Grenze. Ein Garten sollte eine Naturoase sein und nicht Ausdruck der spiessbürgerlichen Einfamilienhaus-Tristesse.

Darf man die Natur überbewertet finden?

mjc: Ja, sicher. Daheim vor dem TV ist es auch sehr schön. Allerdings zeigt uns die Natur regelmässig, wie sehr wir uns selber überbewerten. Und sie sitzt wohl am längeren Hebel.

mfe: Die Erbaulichkeit des Naturerlebnisses ist für mich unerreicht, also kann ich nicht nachvollziehen, wie man die Natur so rein gar nicht gut finden kann. Andererseits: Wer die Natur nicht sucht, stört sie auch nicht aktiv. Deshalb: Ja, gerne!

akn: Solange man die Natur nicht schädigt, darf man das natürlich.