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Debatte um haarige FrauenbeineDarf man diese Frage überhaupt stellen?

Unser Artikel über Fragen, die sich bezüglich dem Körperkult stellen, hat eine Debatte ausgelöst. Gut so.

Ist es bereits selbstverständlich, dass Frauen sich die Beine nicht rasieren?
Ist es bereits selbstverständlich, dass Frauen sich die Beine nicht rasieren?
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«Habt ihr nichts Besseres zu tun?» war noch eine der netteren Reaktionen. Andere unterstellten dieser Zeitung, von patriarchalen Strukturen geprägt zu sein. So empörte sich auch die Berner SP-Stadtratskandidatin Valentina Achermann.

Der Auslöser für die Debatte: Im Rahmen unserer Sommerserie «Hart an der Grenze» diskutiert die Kulturredaktion Fragen rund um die Grenzen des guten Geschmacks. Im ersten Teil ging es um Körperkult, namentlich um zur Schau gestellte Muskelberge, Bauchnabelpiercing und nicht rasierte Frauenbeine. Während die ersten beiden Themen für keine grosse Kontroverse sorgten, löste die Frage über haarige Frauenbeine einen Aufschrei aus.

Der Tenor: Diese Frage darf im Jahr 2020 nicht mehr gestellt werden. Dabei schwang mit, dass es doch selbstverständlich sei, dass Frauen heutzutage ohne gesellschaftlichen Druck entscheiden können, ob sie ihre Beine rasieren oder nicht. Dass nur Männer diese Frage stellen. Dass mit dieser Frage lediglich alte Strukturen zementiert werden. Und dass wir längst an einem anderen Punkt sind.

Aber stimmt das wirklich? Für eine junge, urban geprägte Gesellschaft mag das so sein. Doch wie sieht es mit älteren Frauen aus? Oder mit solchen, die eher konservativ geprägt aufgewachsen sind? Noch vor 20 Jahren gab es für die meisten Mädchen keine anderen Alternativen, als die Beine zu rasieren, um den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen und sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. So wurden sie sozialisiert. Sich dagegen zu stemmen, brauchte schon sehr viel Eigenständigkeit.

Diese damaligen Mädchen sind jetzt 40 Jahre alt. Trotzdem braucht es immer noch sehr viel Mut und Selbstbewusstsein, sich einfach über jahrelang eingeprägte Strukturen hinwegzusetzen. Im Deuxpièces stolz die natürlich belassenen Beine zu präsentieren.

Vielleicht stellt sich diese Frage in 20 Jahren nicht mehr. Hoffentlich stellt sie sich nicht mehr. Dafür lohnt es sich auch zu kämpfen.

Aber solange in der Werbung kaum behaarte Frauenbeine zu sehen sind, solange erwachsene Frauen sich in der Badi unwohl fühlen, wenn sie ihre Beine nicht enthaart haben, solange das Bild eines unrasierten Beines ein politisches Statement ist und nicht bloss eine Laune – so lange stellt sich die Frage. Man muss sie nur richtig beantworten: Ja, selbstverständlich, Frauen dürfen mit unrasierten Beinen herumlaufen.

Was übrigens auch fast die Hälfte unserer Leserinnen und Leser findet.

In diesem Sinne: Auf einen schönen Sommer – mit oder ohne Haare.