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Sommerserie: Darf man das? (3)Darf man den Aare-Kult infrage stellen?

Wenn das Gute liegt so nah: Soll man anderen einen Vorwurf machen, wenn sie trotz Corona in die Ferne schweifen? Die Sittenpolizei ermittelt in Ferienfragen.

Jeden Sommer lädt die Aare zum Abkühlen ein – für viele Berner ist es wie das Amen in der Kirche.
Jeden Sommer lädt die Aare zum Abkühlen ein – für viele Berner ist es wie das Amen in der Kirche.
Foto: Adrian Moser

Darf man anderen ihre Reisen vorwerfen?

mjc: Natürlich nicht. Erstens, weil man sich selbst höchstwahrscheinlich ebenfalls nicht in allen Lebensbereichen vorbildlich verhält. Zweitens, weil sich kaum jemand durch Vorwürfe eines Besseren belehren lässt. Viel souveräner ist es, von den eigenen umweltfreundlichen Ferien und Ausflügen vorzuschwärmen.

mfe: An die Stelle der ökologisch motivierten Flugscham ist die pandemiebedingte Reisefurcht getreten. Es gibt also immer einen guten Grund, jemandem die bevorstehenden Ferien madigzumachen. Nun, aus rein rationaler Sicht spricht nichts dagegen, sein Gegenüber über die Folgen seines Handelns aufzuklären. Ebenso rational sind aber die Gründe, es zu lassen: Belehrungen fliegen einem gerne um die Ohren, wenn man selbst nicht ohne Tadel ist, wie das bereits im Abschnitt oben angedeutet wurde. Und zweitens: Niemand mag Moralapostel. Niemand.

fvg: Was kümmert es mich, wohin andere reisen? Ich glaube nicht, dass Menschen ihr Verhalten ändern, weil andere sie mit Vorwürfen eindecken. Bedauerlich finde ich, wenn liebe Menschen an einem anderen Ort auf der Welt sitzen, während ich gerne Zeit mit ihnen verbringen möchte. Doch Tadel wäre hier fehl am Platz. Die Sehnsucht würde nicht gelindert durch den Ärger über ihre allenfalls unethischen Reisen.

Darf man den Aare-Kult infrage stellen?

mjc: Man muss sogar. Weil die Berner Selbstbeweihräucherung zuweilen schwer auszuhalten ist. Diese verdutzten Gesichter, wenn man erklärt: «Der Bodensee ist doch viel schöner. Und vor allem so herrlich warm!» Unbezahlbar! Aber Sympathiepunkte bekommt man dafür kaum.

mfe: Ich kann mit meiner Vorrednerin mitfühlen, auch ich bin zugezogen, auch mich irritierte zunächst die Vergötterung der Aare. Allerdings macht der Aareschwumm schon sehr Spass. Gerade auch, weil es ein generationenübergreifendes Ritual ist, das Zusammenhalt stiftet. Auch wenn es die Berner Ureinwohnerinnen und Ureinwohner klar übertreiben: Wer die Aarebaderei verachtet, fährt tendenziell mit angezogener Spasshandbremse durchs Leben.

fvg: Unbedingt! Am besten mit starken Argumenten, hier sind meine: Aufgewachsen mit dem Thunersee in Spazierdistanz, fühlt sich die Aare stressig an für mich. Das Seeprogramm: abkühlen im Wasser, liegen auf dem Tüechli, nach Bedarf wieder schwimmen und zurück an den Platz. In der Aare hingegen bestimme nicht allein ich, wann ich das Wasser verlasse (es könnte gefährlich werden!), und bevor ich zur nächsten Baderunde reinsteigen kann, muss ich zurückspazieren. Wo bleibt die Entspannung bei dieser Fremdbestimmung?

Darf man Ferien in der Schweiz hassen?

mjc: Warum nicht? Nur weil man etwas aus Vernunftgründen tut, muss man es noch lange nicht lieben. Oder ist das so gemeint, dass man eben keine Ferien in der Schweiz macht, weil man dies hasst? Da gibt es umweltfreundliche und Corona-verträgliche Alternativen: Man kann ja im Zug in die Nachbarländer reisen – mit Atemmaske.

mfe: Und ich frage mich: Warum denn nur? Abgesehen vom Meer gibt es in der Schweiz ja fast alles. Kühle Berge, heisse Täler und Seen in jeder Grösse. Die Vielzahl der Möglichkeiten ist beachtlich, also ergibt es wenig Sinn, Ferien in der Schweiz ganz grundsätzlich zu hassen. Ausser man hat ein verknorztes Verhältnis zur Heimat. In ausländischen Feriendestinationen lässt sichs immer wieder beobachten: Menschen, die sich im Urlaub plötzlich so unendlich leger geben, weil ihnen angeblich die Mentalität des Ziellands so wahnsinnig zusagt. Kaum in Zürich gelandet, regen sie sich wegen der zwei Minuten Verspätung des Zuges auf, der sie vom Flughafen nach Hause fährt. Schlecht getarnte Spiesser, die sich in den Ferien weltgewandt zu geben versuchen, haben Fremdschampotenzial von einem anderen Stern. Was wiederum für Ferien in der Schweiz spricht.

fvg: Tüchtige Menschen sind das, die in der Schweiz arbeiten. Essen ihr Sandwich vor dem Bildschirm und horten Überstunden, als wären sie Glücklose. Ferien würden bedeuten, sich für einige Tage von diesem Alltagsgerüst zu lösen und sich in das Vakuum unverplanter Zeit saugen zu lassen. Ein grosses Wagnis für manche Menschen. So gross, dass sie den Zustand der Ferien hassen. Das dürfen sie. Tauschen mit ihnen möchte ich nicht. Oder habe ich etwa die Frage falsch verstanden?