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Sommerserie: Darf man das? (7)Darf man Aromat verwenden?

Die Sittenpolizei nimmt heute Speis und Trank ins Visier. Aromat, das Gold der Schweizer Küche, sorgt für Kontroversen.

Güldener Geschmacksgenerator oder Ausgeburt des Bösen? An Aromat scheiden sich die Geister.
Güldener Geschmacksgenerator oder Ausgeburt des Bösen? An Aromat scheiden sich die Geister.
Foto: Keystone

Darf man nachwürzen, bevor man probiert hat?

fvg: Wer Essen serviert bekommt, kann meistens davon ausgehen, dass sich die Köchin oder der Koch Mühe gegeben hat, ein schmackhaftes Gericht zuzubereiten. Dass sie oder er sich was überlegt hat dabei. Wenn jemand diesen Freundschaftsdienst nicht würdigt und nachwürzt, erscheint mir das als Ausdruck mangelnder Wertschätzung. Wo bleibt die Neugierde auf den Tellerinhalt? Ein allenfalls unterwürzter Bissen hat noch nie jemandem geschadet.

mbu: Ich liebe, liebe, liebe Pfeffer. Er hebt nicht nur die Stimmung, sondern fördert auch die Durchblutung. Deshalb kann es mir nicht genug in den Gerichten haben, auch in jenen, die eigentlich ohne Pfeffer auskommen. Und ich bin auch ein Salz-Moudi. Deshalb könnte ich eigentlich immer zuerst zu Mühle und Streuer und erst danach zum Löffel greifen. Könnte. Eine versalzene Suppe nachsalzen wäre ja irgendwie Wasser in die Aare getragen, nicht?

akn: Das ist einfach irrational. Warum sollten Sie nachwürzen wollen, wenn Sie gar nicht wissen, wie etwas schmeckt?

Darf man in der Küche Aromat verwenden?

fvg: Aromat ist nicht gleich Aromat! Eine kurze Internetrecherche zeigt: Es gibt drei Sorten. Das klassische, eines für Fleischgerichte (in roter Dose) und, ganz überraschend, eines ohne Glutamat. Eine Erleichterung für jene, die fürchten, dass sie für ihre vom Geschmacksverstärker abhängigen Würzkünste belächelt werden könnten. Sogar der Milchzucker ist in dieser Version nicht mehr vertreten unter den Zutaten. Fazit: Kein Grund spricht gegen die Verwendung von Aromat. Sofern man die richtige Dose erwischt.

mbu: Eierbrötli, Hörnlisalat, Hüttenkäse und füdleblutti Teigwaren. Erst Aromat macht diese Speisen zur perfekten Sünde.

akn: Das kommt auf den Kontext an. Wenn Sie in den Bergen in den Ferien sind und in einer Küche mit Teppichboden Älplermagronen zubereiten, ist Aromat so etwas wie die authentische Spezialzutat eines exotischen Gerichts. Im Alltag ist es einfach Ausdruck davon, dass Sie nur mit Glutamat Geschmack erzeugen können. Das will niemand.

Darf man Pizza von Hand essen?

fvg: Ja. Mit einer Ausnahme: im Restaurant. Wenn das Gegenüber Spaghetti auf die Gabel dreht oder den Risotto mit dem Löffel isst und ich meine Pizza mit den Fingern in den Mund befördere, ist mir das unangenehm. Ausserdem ist es mühsam, jedes Mal die tomatenbekleckerten Finger und den mehlverschmierten Mund an der Serviette abzuwischen, bevor man das Trinkglas ergreifen kann. Wem das zu umständlich ist, bestellt seine Pizza beim Lieferservice oder kauft sie in einem Take-away. Eine Serviette schadet auch in diesen Konstellationen nicht.

mbu: Eine Pizza wird geviertelt, dann faltet man die Stücke von Hand nochmals zusammen und verschlingt sie mit wenigen Bissen. Noch Fragen?

akn: Wie soll man Pizza denn sonst essen?

Darf man vier Stunden im Café sitzen, ohne eine zweite Runde zu bestellen?

fvg: Es ist bekannt, dass Studierende oft arm und Bibliotheken überfüllt sind. Den Lernplatz in ein Café zu verschieben und dort nur knapp den Durst zu stillen, ist eine naheliegende Konsequenz. Doch selbst unter diesen Umständen gilt es etwas nie zu verlieren: das Gewissen. Und aus diesem habe ich eine Faustregel abgeleitet. Je kleiner (im wirtschaftlichen Sinne) das Café, desto mehr sollte ich bestellen pro Zeiteinheit. Ob ich zwei oder vier Kaffees kaufe, spielt für Starbucks keine Rolle. Für das Quartierbeizli schon.

mbu: Nein. Entschieden nein, sogar. Ein Café ist ein Ort der Zerstreuung und der Anregung, eine Zuflucht, wo man sich selbst vergessen und unbehelligt dem täglichen Treiben zusehen kann, wo man allein sein darf, ohne einsam sein zu müssen, wo man sich austauschen oder auch einfach mal den Mund halten kann. Ja, in einem Café begibt man sich in die Obhut eines Gastgebers, der einem das Leben kurz leichter macht. Er bestreitet damit jedoch auch seinen Lebensunterhalt. Nicht nur die Kellnerinnen und Kellner, gerade auch der Besitzer oder die Besitzerin verdienen oftmals mehr schlecht als recht. Wer es sich nur ein bisschen leisten kann, bestellt nach spätestens einer Stunde eine weitere Runde. Dann sind nämlich auch Ausnahmen möglich; für jene, die wirklich kein Geld haben und ihre langen Tage irgendwie durchbringen müssen.

akn: Das ist eine mühsame Frage. Konsumzwang ist ein sich epidemisch ausbreitendes Übel. Aber auch Kellner, Köchinnen und Barmenschen müssen Geld verdienen, um irgendwie zu überleben. Solange der Kapitalismus nicht abgeschafft ist, gibt es keine befriedigende Antwort auf diese Frage.