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YB ringt Luzern niederDank viel Geduld mal wieder ganz oben

YB ist zum ersten Mal in dieser Saison Leader. Und beim 2:1 gegen Luzern lockert sich der Knoten, den die Young Boys zuletzt in der Offensivabteilung hatten.

Grosse Freude nach der Entscheidung: Jean-Pierre Nsame dreht nach seinem Kopfball zum 2:1 gegen Luzern jubelnd ab.
Grosse Freude nach der Entscheidung: Jean-Pierre Nsame dreht nach seinem Kopfball zum 2:1 gegen Luzern jubelnd ab.
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

«What a difference a day makes», sagt der Brite. Bei den Young Boys ist es zwar gerade mal eine Woche her, seit sie sich in Genf vor dem Tor von Servette abmühten. 27 Schüsse waren es am Ende für YB, es war ein Spiel auf ein Tor, oder eben: in die Richtung eines Tores. Denn ins Tor selber trafen die Berner beim 0:0 kein einziges Mal.

Jetzt, eine Woche später, durfte man eine Zeit lang gar den Ketchup-Effekt erwarten: Plötzlich könnte alles auf einmal kommen. Zwei Tore schossen die Berner schliesslich beim 2:1 gegen Luzern, sie hatten Chancen für viel mehr Treffer. Der Knoten in der YB-Offensive, er hat sich gelockert, geplatzt ist er noch nicht ganz.

YB-Trainer Gerardo Seoane hatte seine Mannschaft gegenüber dem Spiel in der Europa League vom Donnerstag gegen die AS Roma auf diversen Positionen verändert, Miralem Sulejmani etwa war zum ersten Mal seit langem wieder in der Startformation anzutreffen. Er sorgte zunächst für viel frischen Wind, und überhaupt schien es zu Beginn, als wollten die Young Boys dem Kreativstau im Angriff mit der Brechstange begegnen. Nach einer Viertelstunde war man bereits versucht, sich Sorgen zu machen um den Gast aus der Innerschweiz. Jean-Pierre Nsame scheiterte mit einem Kopfball an FCL-Goalie Marius Müller, dann zielte Miralem Sulejmani knapp vorbei.

Nur kurz aus dem Tritt geraten

Bis sich Luzern etwas aus der Berner Belagerung befreien konnte, war eine Viertelstunde gespielt. Durch zwei Corner, getreten vom auffälligen Kölner Leihspieler Louis Schaub, entstand schon eine gewisse Gefahr. Und in der 18. Minute entschied Schiedsrichter Sandro Schärer auf Penalty, als YB-Verteidiger Jordan Lefort klären wollte, aber Stefan Knezevics Fuss noch Sekundenbruchteile zuvor am Ball war. Eine Berührung war da, eine Absicht keineswegs. Nun denn, Marvin Schulz traf zur überraschenden Führung für die Gäste.

Die bewirkte bei YB eine vorübergehende Verunsicherung. Das Selbstverständnis mit fast 65 Prozent Ballbesitz aus der Startphase ebbte ab.

Dass es manchmal wenig braucht, um die Young Boys aus ihrem spielerischen Gleichgewicht zu bringen, hat sich in den letzten Wochen immer wieder gezeigt. Zum Beispiel so ein Gegentor zur Unzeit, an einem Nachmittag ohne die Sondermotivation Publikum, weil zumindest im Kanton Bern Corona-bedingt wieder vor ganz leeren Rängen gespielt wird.

Ein bisschen geschockt schienen die Young Boys vom Penaltytor schon. Und als Michel Aebischer nach einer halben Stunde einmal durchbrach, wurde er vom spanischen FCL-Talent Alex Carbonell knapp ausserhalb des Strafraums gestoppt. Schiedsrichter Schärer entschied auf Foul, zeigte Gelb und nicht Rot, eine korrekte Entscheidung.

Die Young Boys blieben das leichtfüssigere Team in einer Partie, die nach der Pause noch einmal deutlich an Fahrt aufnahm. Die kompakt agierenden, von ihrem Trainer Fabio Celestini gut auf die Aufgabe in Bern vorbereiteten Luzerner wehrten sich geschickt und fuhren den einen oder anderen Konter. Aber YB hatte die besseren Chancen.

Seoane gefiel die Geduld

Nach einer knappen Stunde nahm Seoane einen Doppelwechsel vor, der sich umgehend bezahlt machte. Christian Fassnacht belebte das Spiel sofort, und Quentin Maceiras flankte kurz nach seiner Einwechslung auf Nsame, der legte ab für Elia, und der Kongolese erzielte mit einer wuchtigen Direktabnahme sein erstes Saisontor für YB. Nur wenig später kam der Ball wieder über Maceiras zum auffälligen Ngamaleu, dessen Flanke nickte Nsame ein, 2:1.

Mit zehn Minuten Zielstrebigkeit hatten die Young Boys die aufkommenden Zweifel an ihrem Offensivkönnen fürs Erste beseitigt. In der Schlussphase scheiterten Fassnacht und der eingewechselte Jordan Siebatcheu mit Kopfbällen zwar noch am herausragenden FCL-Goalie Müller. Aber ein fast verzweifeltes Anrennen wie noch in Genf war es diesmal nicht.

Ein besonderes Kompliment sprach Seoane nach der Partie seiner Mannschaft denn auch für ihre Geduld aus. «Es ist nie einfach, auch bei einem Rückstand spielbestimmend und dennoch ruhig aufzutreten.» Im anspruchsvollen Programm mit sieben Spielen in drei Wochen bis zur nächsten Länderspielpause sind die Young Boys jetzt fast auf halber Strecke, die erste von drei englischen Wochen am Stück ist vorbei. Durch den Sieg gegen Luzern und St. Gallens Ausrutscher in Lugano (0:1) ist YB erstmals in dieser Saison Leaderauch wenn die Tabelle mit jeder Corona-bedingten Spielverschiebung an Aussagekraft verliert.

Gestern Abend musste nach drei positiv getesteten Spielern auch der FC Vaduz in Quarantäne, er wird sein Spiel nächsten Sonntag in Luzern verpassen. Profifussball in der zweiten Corona-Welle ist ein eigentümlicher Balanceakt. Der nächste Schritt für YB ist am Donnerstag das Spiel in der Europa League bei Cluj.