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Schulen als Treiber der PandemieCorona-Lektionen aus Israel

Als erstes Land der Welt hat Israel einen zweiten nationalen Lockdown. Aus seinen Fehlern lassen sich Lehren auch für andere Länder ableiten.

Maskenpflicht gilt in Israel auch im Freien: Ein riesiges Banner im Zentrum von Tel Aviv soll zum Maskentragen animieren.
Maskenpflicht gilt in Israel auch im Freien: Ein riesiges Banner im Zentrum von Tel Aviv soll zum Maskentragen animieren.
Foto: Keystone

Israels Regierung hat vor drei Wochen als erstes Land weltweit einen zweiten landesweiten Lockdown verhängt. Zunächst nahm die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen trotzdem zu, Anfang Oktober verzeichnete Israel mit über 9000 Fällen einen neuen Rekordwert. Inzwischen gibt es einen rückläufigen Trend. Wie das Gesundheitsministerium heute Freitag mitteilte, wurden am Donnerstag 3692 neue Fälle verzeichnet.

Nach Ansicht verschiedener Wissenschaftler im In- und Ausland spielen die Schulen eine zentrale Rolle bei der zweiten Pandemie-Welle in Israel. Die Schulöffnungen seien der Treiber der hohen Corona-Fallzahlen gewesen, sagt Eran Segal in einem Bericht der Zeitung «Times of Israel». Segal ist Forscher am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot, und er gilt als einer der führenden Covid-19-Statistiker Israels.

Seine Erkenntnisse und Einschätzungen veröffentlicht Segal auch auf Twitter. Die Fehler, die Israel gemacht habe, könnten Lektionen für andere Länder bei der Bekämpfung der Pandemie sein. Wichtig sind vier Punkte:

Keine offenen Schulen bei stark steigenden Fallzahlen

Eine von Segal veröffentlichte Grafik zeigt, wie die Corona-Neuansteckungen nach der Öffnung der Schulen nach den Sommerferien in der zweiten Augusthälfte rasch steil anstiegen. Bereits Anfang Juli hatten die Corona-Fälle die 1000er-Marke überschritten. Der Entscheid der Regierung, Obergrenzen für Versammlungen von Personen festzulegen, führte zu einer Stabilisierung der Neuinfektionen. Die Öffnung der Schulen ging allerdings rasch einher mit einem Aufwärtstrend der Corona-Fälle.

Segal empfiehlt, auf Schulöffnungen zu verzichten, wenn die Fallzahlen stark ansteigen und die Infektionsrate hoch ist. Dabei nennt er einen R-Wert von 1 (die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt). Schulöffnungen würden die Pandemie nur noch mehr verstärken. Der Schulbetrieb sei ohnehin ineffektiv, wenn viele Kinder und Lehrer in Quarantäne müssten.

In Israel waren die Schulen nach dem ersten Lockdown bereits Mitte Mai wieder geöffnet worden. Zunächst galten strenge Regeln. Die Schüler wurden in Kleingruppen unterrichtet. Für die Älteren galt Maskenpflicht auch im Unterricht, während dessen die Fenster geöffnet bleiben mussten. Und Tische sollten mit zwei Meter Abstand voneinander stehen. Offenbar allzu rasch wurden die Schulen zurück in den Regelbetrieb geführt. Bald waren die Klassenzimmer wieder so voll wie vor dem Ausbruch der Pandemie, wie es in Medienberichten heisst. Ronit Calderon-Margalit, Forscherin für öffentliche Gesundheit an der Universität in Jerusalem, bezeichnete den Unterricht in israelischen Schulen als «ideale Voraussetzung für einen Corona-Ausbruch».

In anderen Ländern sind Schulen bislang nicht als Treiber der Pandemie bekannt. Dieser Aspekt ist allerdings auch noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht worden. Die kürzlich veröffentlichte «Ciao Corona»-Studie der Universität Zürich fand keine Hinweise, dass Kinder das Coronavirus stark weiterverbreiten. Wie ansteckend Kinder sein können, wird in einer laufenden Folgestudie untersucht. Im Laufe dieses Herbstes wird man auch besser beurteilen können, welchen Einfluss Schulen auf die Corona-Fallzahlen haben.

Gesundheitssystem erreicht Grenzen schneller als gedacht

Aufgrund seiner Analysen empfiehlt Eran Segal ein frühzeitiges Handeln im Kampf gegen die Pandemie. Ein unkontrollierbarer Anstieg von Neuinfektionen müsse unbedingt verhindert werden. Die Kapazitäten eines Gesundheitssystems seien viel schneller erreicht, als man gemeinhin annehme. Tiefe Todeszahlen oder leere Intensivstationen seien oft trügerische Momentaufnahmen. Das Gesundheitssystem des Landes ist längst unter Druck geraten. Experten hatten immer wieder 800 Fälle von schwer erkrankten Covid-19-Patienten als kritische Marke für eine Überlastung des Gesundheitssystems genannt. Laut dem Gesundheits­mi­nisterium ist die Zahl kritischer Fälle bereits zu hoch. Wie rasch das Gesundheitssystem eines Landes an seine Grenzen kommen kann, ist derzeit auch im Corona-Hotspot Spanien zu sehen, wo Spitäler in Madrid überlastet sind.

Virus bei Jüngeren erreicht unvermeidlicherweise auch Ältere

Im Weiteren macht Eran Segal auf eine Gesetzmässigkeit aufmerksam. Der Ausbruch von Corona bei jüngeren Bevölkerungsgruppen werde unvermeidlicherweise innert weniger Wochen auch ältere Bevölkerungsgruppen erreichen, schreibt er auf Twitter. Ältere Menschen sowie Personen mit Vorerkrankungen haben ein höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Auch schwere Krankheitsverläufe nehmen zu. Damit erhöht sich die Beanspruchung der Gesundheitssysteme. Das Überspringen des Coronavirus von jüngeren auf ältere Menschen belegt Segal anhand der Ausbreitung der Infektionen in der ultraorthodoxen Bevölkerung Israels, die überdurchschnittlich von Corona betroffen ist.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen ignorieren Regeln

Eran Segal hält fest, dass bei einer heterogenen Bevölkerung ein Lockdown unterschiedliche Folgen haben kann – je nach Verhaltensweisen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Zwei Wochen nach der Verhängung des Lockdown in Israel habe der Ausbruch von Corona in der allgemeinen Bevölkerung gebremst werden können. Dagegen hätten die Neuinfektionen unter den Strengreligiösen weiter zugenommen.

Social Distancing und Maskenschutz: Ein ultraorthodoxer Mann beim Beten und ein Soldat in Jerusalem.
Social Distancing und Maskenschutz: Ein ultraorthodoxer Mann beim Beten und ein Soldat in Jerusalem.
Foto: Keystone

In Israel leben etwa 1,1 Millionen ultraorthodoxe Juden. Das entspricht etwa 12 Prozent der Bevölkerung. Trotzdem werden rund 40 Prozent aller neuen Infektionen in diesem Teil der Bevölkerung nachgewiesen. Ultraorthodoxe Jugendliche und Männer beten oder feiern dicht gedrängt. Tendenziell halten sie wenig Abstand, tragen keine Masken. Viele ihrer Gemeinden ignorieren die Corona-Vorgaben des Staates. Es sind aber nicht nur die Regelbrüche aufgrund ihrer Lebensweise, die zur Zunahme der Corona-Fallzahlen führen. Ein beträchtlicher Teil der ultraorthodoxen Bevölkerung lebt in sehr beengten, ärmlichen Verhältnissen.

Das verbindet die Ultraorthodoxen mit der zweiten Bevölkerungsgruppe, bei der die Fallzahlen in den letzten Wochen gestiegen waren: die arabischen Israelis. Die Behörden machten vor allem Grosshochzeiten für die phasenweise fast ungebremste Ausbreitung des Coronavirus unter ihnen verantwortlich.

107 Kommentare
    Cristian Koepfli

    Der Tweet unter Punkt 3 zeigt das Gegenteil von dem, was Segal behauptet: Die Positivitätsrate ist in Erwachsenen ZUERST höher (ca. ab Mitte Juli), und steigt erst danach in Kindern. Wie schon verschiedene Kommentatoren unter dem Tweet angemerkt haben, zeigen diese Daten in keiner Weise, dass die Kinder die Erwachsenen angesteckt haben.