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YB vor der TitelchanceCorona hin oder her

Die Young Boys können heute in Sion den dritten Titel in Folge gewinnen. Die Woche mit dem heissesten Meisterschaftsanwärter.

Distanz- und Hygienemassnahmen eingehalten: Trainer Gerardo Seoane (vorne) und Mittelfeldspieler Michel Aebischer beim Medientermin am Donnerstag.
Distanz- und Hygienemassnahmen eingehalten: Trainer Gerardo Seoane (vorne) und Mittelfeldspieler Michel Aebischer beim Medientermin am Donnerstag.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Das Bild aus der Meisternacht 2018 hat sich eingeprägt, für immer abrufbar. Die Kabine voller YB-Spieler, überall Bier und Champagner. Und mittendrin Michel Aebischer, der bäuchlings, die Arme ausgestreckt, über den nassen Boden rutscht.

Das Bild geht einem durch den Kopf, als Aebischer am Donnerstag im Wankdorf zu den Medien spricht, das Mikrofon vor ihm mit Tröpfchenschutz. Es ist der Tag vor dem möglichen Titelgewinn in Sion und der Tag, an dem die Stadt Bern ein Communiqué verschickt mit der Überschrift «Feiern, aber sicher». Menschenansammlungen auf engem Raum gilt es zu vermeiden, Distanz- und Hygienemassnahmen einzuhalten. Ein Flieger bäuchlings über den Boden à la Aebischer entspricht nicht dem Zeitgeist.

Wölflis geplatzte Ferien

Es ist eine spezielle Zeit, in der die Young Boys vor dem Gewinn des dritten Titels in Folge stehen. Das akzentuiert sich in der Woche vor dem Spiel in Sion. Sie beginnt am Sonntag. Der Gegner heisst Luzern, im YB-Tor steht Marco Wölfli, das lädt die Partie mit nostalgischen Gefühlen auf. Aber es sind keine Rahmenbedingungen für ausschweifende Emotionen. Dafür hätte es einen Punktverlust St. Gallens am Vortrag gebraucht – dann wäre der Triumph in der Meisterschaft schon möglich gewesen. Und vor allem: 30120 Zuschauer mehr.

Nach dem Spiel sagt Wölfli, eigentlich wäre er jetzt in den Ferien, auf Reisen. Erstmals nach einer zwei Jahrzehnte umspannenden Karriere mit nun 461 Einsätzen für die Young Boys hätte der Sommer nicht von Trainingsplänen und Spieldaten getaktet werden sollen. Bald darauf wäre für Wölfli ein Abschiedsspiel vorgesehen gewesen, natürlich in einem ausverkauften Stade de Suisse, das seit Juli Wankdorf heisst. Wie das abgenutzte Stadion, in dem der Goalie 1999 17-jährig in der Nationalliga B gegen Stade Nyonnais für YB debütiert hatte. Vor nur 2050 Nasen, aber ohne Zuschauer-Auflagen.

Jetzt ist Corona da und ungewiss, ob und wann ein Abschiedsspiel für den Goalie stattfinden kann. Diese Ausgangslage, sagt Christian Fassnacht, seit 2017 Flügel in Bern, tue ihm leid für Wölfli.

Greuels markige Worte

Die Geschichte der Clublegende rückt während der Woche rasch in den Hintergrund. Es geht auch nicht darum, ob Miralem Sulejmani nach seiner Prellung am Fuss gegen Luzern in Sion spielen kann (sein Einsatz ist fraglich). Sport und Politik sind gerade aneinandergekettet wie der Erreger Sars-Cov-2 und die menschlichen Zellen. Und nicht selten bestimmt die Politik die Schlagzeilen im Sport.

Am Dienstag werden die Clubs aufgeschreckt, weil der Bundesrat mit dem Gedanken spielt, die 1000-Personen-Limite über Ende August hinaus zu verlängern. Etliche Führungsfiguren der Clubs möchten schon länger deutlich mehr Zuschauer zu ihren Partien empfangen. Weil die Fallzahlen wieder ansteigen, hielten sie sich mit Forderungen zurück. Doch jetzt sehen sie ihre Zukunft in Gefahr. YB-Geschäftsführer Wanja Greuel ist aufgebracht, er sagt, werde die Limite bis März ausgeweitet, dann befinde sich der Schweizer Sport Ende 2020 im Sarg. «Oder zumindest auf dem Sterbebett.»

Es sind markige Worte, mit Bedacht gewählt. Sogar die Young Boys, denen es im Vergleich zur Konkurrenz blendend geht, sehen keine andere Wahl mehr, als die Öffentlichkeit mit solchen Voten aufzuschrecken.

YBs Appell

In dieser Gemengelage geht es für die Young Boys auf die Zielgerade. Noch 2 Partien bei 5 Punkten Vorsprung und dem um 17 Treffer besseren Torverhältnis als St. Gallen, dem Gegner am Montag.

2018 fragte man sich nach 32 Jahren ohne Meistertitel, was passiert in den Köpfen und mit Körpern, in denen sich Emotionen aus drei Jahrzehnten entladen? Wohin mit all der Sehnsucht? Diesmal stehen andere Fragen im Raum, praktischere, pragmatischere. Etwa: Was für eine Feier liegt überhaupt drin?

Eine spontane Meisterfeier der Spieler käme einem Minenfeld gleich, Fehltritt verboten, (Ansteckungs-)Gefahr hoch.

Am Donnerstagabend verschickt der Club einen Appell an die Fans, sich doch bitte an die Vorgaben der Behörden zu halten. Klar ist: Es gäbe keine Präsentation des Teams. Die Profis haben eine Vorbildfunktion, diese zu erfüllen, ist jetzt noch wichtiger, weil die Clubs um Lockerungen der Massnahmen lob­by­ie­ren. Eine spontane Meisterfeier der Spieler käme einem Minenfeld gleich, Fehltritt verboten, (Ansteckungs-)Gefahr hoch.

Zumal die Saison nicht am Freitag endet, auch nicht am Montag: Es geht Schlag auf Schlag. Nächsten Donnerstag findet der Cupviertelfinal in Luzern statt, ein Krankheitsfall im Team würde den Versuch, das zweite Double nach 1958 zu gewinnen, stark gefährden. Greuel sagt: «Unter diesen Voraussetzungen, in fast leeren Stadien, erfahren die Spieler leider nicht die Anerkennung, die sie verdient hätten.»

Lustenbergers Vorfreude

Der YB-Geschäftsführer war kürzlich bei einem Treffen der European Club Association, er sitzt im Vorstand der Interessenvertretung gemeinsam mit Big Playern wie Andrea Agnelli (Juventus) und Nasser Al-Khelaifi (Paris Saint-Germain).

Sollten die Young Boys Meister werden, bestreiten sie am 25./26. August die zweite Qualifikationsrunde zur Champions League, mit einer einzigen Partie, das Heimrecht wird ausgelost. Eigentlich unhaltbare Voraussetzungen für ein Duell, in dem es um so viel Geld und Prestige geht. Aber es sei die einzige Möglichkeit, sagt Greuel, derart eng ist der Spielplan für 2020/2021. Zwei Wochen vor dem Qualifikationsspiel findet – Stand jetzt – der Schweizer Cupfinal statt. Der Übergang zwischen alter und neuer Saison ist fliessend. Das kann diesen Titel wie eine Pendenz erscheinen lassen, die erledigt werden muss.

Oder?

Nachfrage bei Fabian Lustenberger. Der YB-Captain ist einer jener Spieler, die letzten Sommer zum Team gestossen sind. Er hat während seiner langen Karriere nie einen Pokal gewonnen (nur 2 ver­nach­läs­sig­bare Meisterschalen in der 2. Bundesliga). «Etwas in den Händen halten zu können», sagt er am Donnerstag im Wankdorf, «war einer der Gründe, warum ich nach Bern gekommen bin.»

Lustenberger kennt dieses Gefühl nur vom Hörensagen. Und natürlich kennt er die Bilder und Erzählungen von den Kollegen, die bei den Titelgewinnen 2018 und 2019 dabei waren. Für diejenigen, sagt er, werde es diesmal sicherlich anders.

Aber das wäre es so oder so, Corona hin oder her. Vergangene Gefühle lassen sich nicht reproduzieren. Lustenberger sagt zu Recht, er freue sich trotz den speziellen Bedingungen enorm auf diese Chance. Sollten die Young Boys heute in Sion den Titel gewinnen, dann werden sich Bilder von dieser Nacht in seinem Kopf einprägen, für immer abrufbar.