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Häftling Nummer 1161655 ist kein Gefangener mehr

Jens Söring wurde vor 33 Jahren verhaftet und in den USA für einen Doppelmord verurteilt, den er immer bestritten hat. Jetzt hat er erfahren, dass er bald ein freier Mann sein wird.

Als unschuldig bezeichnete er sich schon immer, frei kommt er erst jetzt: Jens Söring auf einem Bild vom Juli 2003. Foto: Carlos Santos (AP)
Als unschuldig bezeichnete er sich schon immer, frei kommt er erst jetzt: Jens Söring auf einem Bild vom Juli 2003. Foto: Carlos Santos (AP)

Natürlich hat er überlegt, wie sich dieser Tag anfühlen wird. Letztlich wartet er seit dreiunddreissigeinhalb Jahren darauf. Es gab auch Zeiten, in denen er sich den Gedanken an die Freiheit verboten hat. Weil er ihn nicht ertragen konnte. Manchmal kann er es selbst nicht glauben. So viele Jahre.

Seit 33 Jahren, 29 Wochen und 6 Tagen sitzt der Deutsche Jens Söring im Gefängnis, erst in England, seit 1990 in den USA, als ihm am Montag mitgeteilt wird, dass das Parole Board seiner und der Entlassung seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom auf Bewährung zugestimmt hat. Gefangener 1161655 ist somit kein Gefangener mehr.

Die Entscheidung auf frühzeitige Entlassung begründete der Bewährungsausschuss laut «Washington Post» damit, dass beide in all den Jahren vorbildliche Gefangene waren. Nach Ansicht der Parole-Board-Mitglieder stellen weder Söring noch Haysom eine Gefahr für die Gesellschaft dar, und sie seien damals sehr jung gewesen. Ausserdem sässen sie ja schon lange. Und: Die Steuerzahler sparen enorm viel Geld. Bis jetzt ist bekannt, dass beide an die Einwanderungsbehörde übergeben werden. Dann wird Söring nach Deutschland übergeführt und mit einem Wiedereinreiseverbot in die USA belegt werden. Wann genau, ist aber noch nicht klar. Haysom, die einen kanadischen Pass hat, wird nach Kanada gebracht.

Das ganze Haus voll Blut

Was einem durch den Kopf gehen mag an so einem Tag? Vielleicht der Abend im August 1984, als sie das erste Mal vor ihm stand, die schöne, verwegene Elizabeth Haysom, in ihrem dreckigen T-Shirt. Er war sofort gefangen von ihrer Arroganz und ihren wilden Geschichten. Oder die Tatortbilder von Elizabeths Eltern, wie sie im März 1985 in ihrem Blut lagen in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia, die Kehlen durchtrennt. Die Mutter im Nachtgewand in der Küche, der Vater neben dem Kamin. Das ganze Haus voller Blut.

Oder denkt man in so einem Moment an die Verhaftung am 30. April 1986 in London, als die monatelange, wilde Flucht von ihm und Elizabeth zu Ende ging? Die beiden wurden in London wegen Checkbetrugs verhaftet.

Als Jens Söring aus dieser Welt verschwand, hatten Mitterrand und Thatcher gerade beschlossen, einen Tunnel durch den Ärmelkanal zu bauen. In Tschernobyl war vier Tage davor die Simulation eines Stromausfalls in Reaktor 4 ausser Kontrolle geraten. Die Telefone hatten Wählscheiben. Jens Söring war damals 19 Jahre alt. Jetzt ist er 53.

Jens Söring sagte über die Jahre, die Jahrzehnte immer dasselbe: Ich war es nicht.

Er hatte eigentlich gehofft, dass der Gouverneur von Virginia, Ralph Northam, ihm die Unschuldserklärung gewährt. Das hat er nicht getan, er respektiere aber die Entscheidung des Parole Board wie in allen anderen Fällen auch, sagte der Gouverneur. Nicht schuldig, das wäre Söring wichtig gewesen, er spricht von Justizirrtum, wenn er von seinem Fall redet. Aber offiziell als nicht schuldig gilt er nicht.

Jens Söring, geboren am 1. August 1966 als ältestes Kind eines deutschen Diplomaten in Bangkok, aufgewachsen in Deutschland und den USA, Hochbegabtenstipendiat der University of Virginia. Es hätte eigentlich alles reibungslos gehen sollen in seinem Leben. Dann aber hat er sich, so kann man das sagen, in das falsche Mädchen verliebt: Elizabeth Haysom.

Sie waren ein paar Monate zusammen, da wurden ihre Eltern ermordet. Für die Polizei gab es erst mal nichts, woran sie sich hätte orientieren können: kein Motiv, keine Verdächtigen, keine Anhaltspunkte. Aber dann kamen die Ermittler der Tochter und ihrem Freund immer näher. Elizabeth Haysom und Jens Söring beschlossen, aus Amerika zu fliehen. Thailand, Europa, falsche Checks. Es war ein Abenteuer, fast ein Spiel, der naive Diplomatensohn und die weltgewandte Tochter eines Stahlbarons. Söring sagt, er habe ihr noch in der Mordnacht versprochen, der Polizei zu sagen, dass er es war. Sein Leben für das ihre.

Hinrichtungsart sei inhuman

Am 30. April 1986 wurden die beiden in London verhaftet. Spätestens da hörte der Spass auf. Und schnell auch die Liebe. Elizabeth Haysom gestand erst, dann widerrief sie ihr Geständnis. Auch Jens Söring gestand, wie versprochen. Und Elizabeth Haysom beschuldigte nun ihn, ihre Eltern ermordet zu haben.

Er erinnert sich bis heute an das nach Kohl stinkende Gefängnis im Londoner Stadtteil Brixton, dreieinhalb Jahre lang kämpfte er dort gegen seine Auslieferung in die USA, gegen die drohende Todesstrafe. Immer wieder erzählte er von den Akten, die er damals durchgelesen hat, von den Bildern, die er gesehen hat, von den verbrannten Haaren auf den Unterarmen Hingerichteter, von den Augäpfeln, die aus Augenhöhlen platzen. Er hatte, sagte er einmal, damals immer ein Seil unter der Matratze.

Dann entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Hinrichtungsart inhuman sei. Die Amerikaner waren empört, verzichteten aber auf die Beantragung der Todesstrafe. Das, so schrieb Jens Söring vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis, war die erste Schlacht, die er gewonnen habe.

Zweimal lebenslänglich

Am 12. Januar 1990 wurde er an die USA ausgeliefert. Der Haysom-Mord war ein Fall ohne Augenzeugen, die Tatwaffe wurde nie gefunden, es gab Ungereimtheiten, Verfahrensfehler, einen befangenen Richter und eine Stadt, die nach Rache schrie. Hobbyexperten, die Söring belasteten, durften vor Gericht aussagen, echte Experten, die ihn entlasteten, hingegen nicht. Am 4. September 1990 wurde er in Virginia zu zweimal lebenslänglich verurteilt, wegen des Mordes an Derek und Nancy Haysom.

Jens Söring hat alles durchgemacht, was man im Gefängnis durchmachen kann: den Schock, den Selbsthass, die Wut, die zersetzende Hoffnungslosigkeit. Es gab Phasen, in denen er an Suizid dachte, und andere, in denen ihn die Hoffnung trug. 2009 zum Beispiel, als klar wurde, dass von den 42 Blutspuren am Tatort keine ihm zugeordnet werden kann. Damals sagte er: «Ich bin in der Verlängerung. Ich kämpfe weiter, ich spiele wie verrückt, aber ich bin schon lange über die Grenze hinaus.» Das war im Dezember 2010. Er sass da, gefasst und doch auf eine seltsame Art ausser sich. Weinen? «Ich habe damit aufgehört.»

2016 wurde bekannt, dass es ein FBI-Täterprofil gibt, das von einer Täterin ausgeht, die der Familie nahestand. Es ist bis heute nicht auffindbar, der Autor des Profils sagte noch, beim FBI gehe nichts verloren. Im selben Jahr bestätigte das Gerichtsmedizinische Institut in Virginia, dass das am Tatort gefundene Blut der Blutgruppe 0 nicht, wie immer vermutet worden war, von Jens Söring stammt. Und dass ausserdem das Blut der Blutgruppe AB am Tatort von einem Mann stammt, nicht von der ermordeten Nancy Haysom, wie man bislang annahm. Damit war klar, dass Blutspuren von zwei bis heute unbekannten Männern am Tatort identifiziert wurden.

Die Schlacht gegen die Mitgefangenen

14-mal hat das Parole Board in den vergangenen Jahren über Sörings Freilassung entschieden. Immer ablehnend. Aber jetzt gab es Hinweise, dass die Entscheidung des Bewährungsausschusses von Virginia diesmal anders ausfallen könnte. Im Gefängnis gab es Gerede, die Mitgefangenen stritten schon, wer Jens Sörings Bett bekommen soll, wenn er dann weg ist. Und Jens Söring fing an, Bilanz zu ziehen.

Schon die Tatsache, dass er noch lebe, sei ein Sieg, schrieb er. Ein bleicher, schlaumeiernder Deutscher in einem US-Knast. Aber in all den Jahren keine Regelbrüche, gar nichts: «Ich habe meine Ehre nicht verloren und anderen Menschen ihre Ehre nicht genommen.» Das, schreibt er, sei die zweite Schlacht, die er gewonnen habe, die Schlacht gegen die Mitgefangenen.

Und jetzt?

Er hat noch nie ein Handy benutzt, kennt das Internet nur vom Hörensagen. Es ist nicht so, dass er nichts mitbekommen hätte, er hat alles verfolgt, gelesen, angeschaut und vor allem: kommentiert. Natürlich, es gab Zeiten, in denen ertrug er es nicht fernzusehen, Werbung machte ihn fertig, das saftige Steak, das er da sah, echtes Fleisch. Er hatte seit Jahrzehnten kein Fleisch mehr gegessen. Wie es schmeckt? «Ich kann mich nicht erinnern», sagte er 2010.

Als Buchautor in die Freiheit

Wenn man Jens Söring fragt, wie es weitergehen wird, schreibt er noch vor Bekanntgabe der Parole-Board-Entscheidung aus dem Gefängnis: «Ich werde weiter als Autor arbeiten.» Sechs Bücher hat er als Häftling in den USA veröffentlicht. Er hat über Gott geschrieben und über sein Leben. Und immer wieder über das US-Strafvollzugssystem. Er schreibt, wie er ist, aufmüpfig und etwas besserwisserisch und bestens informiert.

Gerade hat er seinen ersten Roman veröffentlicht, er ist seit dem 18. November als E-Book zu haben: «Son of the Promise». Es geht um einen Mord.

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