Der Stoff für Konflikte

Frankreich diskutiert wieder über das Kopftuch, doch in Wahrheit geht es um Grundsätzlicheres. Die muslimischen Frauen kommen kaum zu Wort.

«Dich stört mein Kopftuch?»: Musliminnen protestieren in Toulouse gegen Islamophobie. Foto: NurPhoto (Getty Images)

«Dich stört mein Kopftuch?»: Musliminnen protestieren in Toulouse gegen Islamophobie. Foto: NurPhoto (Getty Images)

Eigentlich sind sie in diesem Café zusammengekommen, um sich darüber auszutauschen, was sie unter Schicksal verstehen. Acht Männer und sechs Frauen, die der Facebook-Einladung von Chahira Coach gefolgt sind, gepostet in der Gruppe «Muslim Meetup», Treffen für Muslime in Paris. Coach ist gläubig, sie will an diesem Nachmittag über Spiritualität diskutieren. Coach bedeckt ihr Haar mit einem Tuch, das sie zum Turban gebunden hat. «Weil ich so meinen Glauben lebe», sagt sie.

Doch in diesem Herbst in Frankreich ist das Kopftuch wieder zum politischen Symbol geworden. Und so gibt es niemanden, der in dieser Runde, bei Milchshakes und Schokolade, nicht darüber sprechen möchte, wie es sich anfühlt, zu einem Land zu gehören, das in Dauerschleife darüber diskutiert, wie – und in letzter Konsequenz auch ob – man mit gläubigen Muslimen zusammenleben möchte.

Publizist Eric Zemmour hielt auf einer rechtsextremen Veranstaltung eine Rede, die man durchaus als Aufruf zum Bürgerkrieg verstehen konnte .

«Kaum schalte ich den Fernseher an, erklärt mir jemand, wie gefährlich ich bin», sagt Sarra. Sie arbeitet als Sekretärin und will ihren Nachnamen nicht nennen. Auf das Kopftuch verzichtet sie. «Eigentlich würde ich es ­gerne tragen», sagt sie, «aber es würde vieles schwieriger machen.» Coach erzählt, wie sie früher das Kopftuch beim Arbeiten gegen eine Mütze tauschte, um keinen Ärger zu haben – «das fühlte sich schizophren an». Heute achtet sie darauf, nur bunte, helle Farben für ihr Kopftuch zu verwenden. «Wenn man Schwarz trägt, reagieren die Leute noch ablehnender.»

Je nach Blickwinkel hat Frankreichs aktuelle Debatte um den Platz des Islam in der Gesellschaft am 28. September oder am 3. Oktober begonnen. Am 28. September hielt der Publizist Eric Zemmour auf einer Ver­anstaltung der rechtsextremen ­Galionsfigur Marion Maréchal, Nichte der Politikerin Marine Le Pen, eine Rede, die man durchaus als Aufruf zum Bürgerkrieg verstehen konnte und die live im Fernsehen übertragen wurde. Zemmour sprach vom «Vernichtungskrieg gegen den weissen, heterosexuellen Mann», vom «Totalitarismus des Islam», der in Frankreich die Demokratie zerstört habe, vom «Bevölkerungsaustausch», von der ­«demografischen» Übernahme Frankreichs durch Muslime.

Hass verkauft sich

Die Radikalität der Rede war ­keine Überraschung, Zemmour wurde für seine regelmässigen rassistischen und islamophoben Auslassungen bereits zweimal verurteilt. Doch der Hass verkauft sich. Der Sender CNews hat seine Einschaltquoten im Oktober verdreifacht, seit Zemmour dort an vier Abenden die Woche das Weltgeschehen kommentiert. Als vergangene Woche ein 84-Jähriger versuchte, die Moschee von Bayonne niederzubrennen, und zwei Gläubige niederschoss, dauerte es nicht lange, bis die Ermittler verkündeten: Der Täter war Zemmour-Fan.

Die Debatte um das Kopftuch begann schon in den 1990er-Jahren. Doch die Serie von islamistischen Terrorangriffen, die in Frankreich seit 2015 mehr als 200 Menschen das Leben gekostet haben, hat sie verschärft. Auch nach dem 3. Oktober, als ein Mitarbeiter der Polizeipräfektur vier seiner Kollegen tötete. Die Ermittler gehen von einem terroristischen Hintergrund aus, Präsident Emmanuel Macron sprach an der Trauerfeier für die Opfer von der «islamistischen Hydra», die bekämpft werden müsse.

Offiziell geht es aktuell um die Frage, ob muslimische Mütter, die ein Kopftuch tragen, ihre Kinder auf Schulreisen begleiten dürfen. Die Republikaner haben im Senat für ein Gesetz gestimmt, das religiöse Symbole für Privatpersonen verbieten soll, sobald diese Schüler begleiten. Und die Regierung schafft es nicht, sich auf eine Position zu einigen. In der Debatte kommen die Reizthemen zusammen, die jeweils alleine schon politische Grabenkämpfe auslösen: Einwanderung, innere Sicherheit, Gleichstellung der Geschlechter, Trennung von Staat und Religion, koloniale Vergangenheit, der Bürgerkrieg in Algerien.

«Wenn das Gesetz verlangt, dass ich mein Kopftuch ablege, damit ich meine Kinder weiter begleiten kann, dann werde ich das tun. Aber ich kämpfe dafür, dass es nicht so weit kommt.»Fleurette, Psychologiestudentin

Es wird über alles gestritten – nur nicht mit allen. Die Stimme, die im grossen Debattenzirkus fehlt, ist die Stimme der Frau mit Kopftuch. Die Zeitung «Libéra­tion» hat ausgewertet, wie oft zwischen dem 11. und dem 17. Oktober auf den vier französischen Dauernachrichtensendern BFM, LCI, France Info und CNews über das Kopftuch diskutiert wurde. Sie kommt auf 85 Talkshows. Insgesamt haben auf den vier Sendern 286 Menschen ihre ­Meinung zum Thema Kopftuch kundgetan. Genau eine dieser 286 Personen war eine muslimische Frau mit Kopftuch.

Tatsächlich ist die Atmosphäre so angespannt, dass es schwierig ist, Frauen zu finden, die mit ihrem vollen Namen und mit Bild über ihre Situation sprechen wollen. Fleurette trägt Kopftuch und heisst anders, ihren echten Namen will sie nicht nennen, um ihre zwei Kinder zu schützen. Auch sie ist der Einladung von Coach gefolgt, sich mit anderen Muslimen auszutauschen. Will sie auch darüber sprechen, wie sie die ständigen Talkshows erlebt, das Ringen ums Kopftuch? Ja, unbedingt. Nur bitte anonym.

Fleurette ist 44 Jahre alt, Psychologiestudentin, ihr Sohn ist elf, die Tochter acht. «Wenn das Gesetz verlangt, dass ich mein Kopftuch ablege, damit ich meine Kinder weiter begleiten kann, dann werde ich das tun. Aber ich kämpfe dafür, dass es nicht so weit kommt.» Alle redeten darüber, dass man die Kinder vor ­religiöser Einflussnahme schützen müsse, sagt Fleurette, «aber ich glaube, die Leute trauen sich nur nicht, offen zu sagen, dass sie in Frankreich keine Muslime sehen wollen».

«Keine Revolte»

Fleurettes Eltern stammen aus Algerien, das Kopftuch ist für sie eine Entscheidung, ihre Identität zu zeigen: «Ich bin muslimische Französin und Algerierin, dazu stehe ich.» Über das Kopftuch werde gesprochen, als werde es «von Fremden nach Frankreich gebracht, dabei sind wir Teil des Landes». Das Kopftuch ist für sie «keine Revolte, keine Abkehr von dieser Republik, der ich für vieles dankbar bin. Es hat mir einfach geholfen, mich selbst zu finden.»

Aussagen wie die von Fleurette hört Nilüfer Göle häufig. Die Soziologieprofessorin forscht dazu, wie sich das Verhältnis der französischen Muslime zum Kopftuch verändert hat. Früher hätten Frauen das Kopftuch aus traditionellen Gründen getragen. Heute seien es häufig gut aus­gebildete Frauen, die einen intellektuellen Zugang zu ihrer ­Religion haben und nicht wegen familiären Drucks, sondern aus Überzeugung das Kopftuch umbinden. «Die Mehrheitsgesellschaft sieht darin eine Form der Aggressivität», sagt Göle in einem Interview mit «Le Monde». Junge Frauen mit Kopftuch dringen in Gesellschaftsbereiche vor, in denen sie vorher nicht zu sehen waren. Der Konflikt entstehe, so Göle, weil die Frauen integriert seien und sich gleichzeitig, durch ihr Kopftuch, nicht an alle Normen anpassten.

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