Altersmedizinerin mit ansteckendem Humor

Heike Bischoff-Ferrari erforscht am Universitätsspital Zürich, wie man gesund altert. Die Geriatrie-Professorin rät zu Bewegung und sagt, worauf man bei der Ernährung achten muss.

«Geriatrie ist das spannendste Medizinfach»: Heike Bischoff-Ferrari. Foto: Reto Oeschger.

«Geriatrie ist das spannendste Medizinfach»: Heike Bischoff-Ferrari. Foto: Reto Oeschger.

Nik Walter@sciencenik

Als Heike Bischoff-Ferrari kürzlich einen Vortrag über das gesunde Altern hielt, zeigte sie auf ihren Slides erst nur Menschen eines Geschlechts. «Sie wundern sich, warum ich nur Männer zeige?», fragte die Professorin für Altersmedizin schalkhaft das Publikum der Gesundheitstagung im Technopark Zürich. «Älter werden ist ein Problem der Männer, wir Frauen altern nicht.» Der Witz sass, das Publikum lachte. Am erfrischendsten und hellsten von allen lachte aber die Rednerin selber.

Lachen ist das Markenzeichen von Bischoff-Ferrari. Wenn es aus ihr herausbricht, und das tut es oft, dann wirkt es authentisch und unglaublich ansteckend. «Meine Kollegen sagen, sie wüssten immer, wenn ich da bin, weil sie mich lachen hören», erzählt sie am Tag nach dem Vortrag bei unserem Treffen in ihrem Büro am Universitätsspital Zürich (USZ), wo sie Direktorin der Klinik für Altersmedizin ist. Und lacht dabei wieder so herzhaft, dass man es auch in den umliegenden Büros bestimmt mitbekommt.

Ein Rezept für ein gesundes, langes Leben hat Bischoff-Ferrari damit verinnerlicht. Denn Lachen ist tatsächlich eine gute Medizin. So zeigte vor gut drei Jahren eine 15 Jahre dauernde norwegische Studie mit über 50'000 Teilnehmern, dass humorvolle Frauen – ja, Frauen profitieren anscheinend tatsächlich mehr – im Zeitrahmen der Studie viel seltener starben als miesepetrige Zeitgenossinnen.

Muskelmasse nimmt ab

In ihrer täglichen Arbeit mit Patienten ist das Lachen trotzdem höchstens ein angenehmer Nebeneffekt, und es steht auch nicht im Fokus der Forschungs­tätigkeit von Bischoff-Ferrari. Sie und ihr Team wollen herausfinden, welche Faktoren und Verhaltensweisen für ein gesundes und aktives Altern wichtig sind. Das Ziel dabei ist, die gesunde Lebenserwartung zu verlängern, also die Zeitspanne ohne grössere Gebresten. Heute liegt sie in der Schweiz im Durchschnitt bei 74 Jahren, in den USA dagegen nur bei 69 Jahren.

Wer gesund altern und der Gebrechlichkeit vorbeugen möchte, muss laut ­Bischoff-Ferrari vor allem auf zwei Dinge achten: auf Ernährung und Bewe­gung. Letzteres ist wichtig, weil die Muskelmasse zwischen dem 20. und 80. Lebensjahr um 40 Prozent abnimmt – wenn man nichts dagegen unternimmt. «Mit Krafttraining kann man zumindest teilweise dagegenhalten», sagt die Klinikdirektorin und zeigt auf dem Bildschirm drei Querschnitte durch die Oberschenkelmuskulatur: von einem 20-Jährigen, einem unsportlichen 66-Jährigen und einem Gleichaltrigen, der sich regelmässig bewegt. Beim 20-Jährigen ist fast nur Muskelmasse zu sehen, beim unsportlichen 66-Jährigen ist diese stark geschrumpft, dafür zieht Fettgewebe von allen Seiten in den Muskel rein. Das Bild beim sportlichen 66-Jährigen ähnelt wiederum viel mehr dem des 20-Jährigen. «Der Muskel ist ein tolles Organ, er ist trainierbar bis ins hohe Alter.»

Krafttraining heisse aber nicht unbedingt, ins Fitnessstudio zu rennen und Hanteln zu heben, sagt ­Bischoff-Ferrari. Es reiche auch, regelmässig Treppen zu steigen und jeden Tag ein paar Kräftigungsübungen zu machen, etwa sogenannte Planks zur Stärkung der Bauchmuskulatur. «Ab dem Alter 50 braucht der Muskel mehr Stimulation», sagt die 52-Jährige. Sie selber mache jeden Tag mindestens 8000 Schritte, tanze sehr gerne und mache auch jeden Morgen Yoga-inspirierte Übungen.

Eine gezielte ­Prävention kann vor Gebrechlichkeit schützen. Foto: Urs Jaudas

Damit die Muskeln im Schuss bleiben, benötigen sie auch entsprechende Nahrung: Eiweisse. Und davon würden ältere Menschen tendenziell zu wenig einnehmen, sagt Bischoff-Ferrari, auch weil bei ihnen das Sättigungsgefühl länger anhalte als bei jungen Menschen. Die Altersmedizinerin plädiert denn auch dafür, die gültigen Empfehlungen – 0,8 Gramm Eiweiss pro Kilo Körpergewicht und Tag – für über 65-Jährige auf 1 Gramm pro Kilo Körpergewicht zu erhöhen, für aktive Menschen sogar auf 1,5 Gramm. «Ich empfehle, zu jedem Essen eine Eiweissquelle dazuzunehmen», sagt Bischoff-Ferrari. Viel Proteine hätten zum Beispiel Hülsenfrüchte und vor allem Nüsse. «Das sind regelrechte Eiweissbomben.»

Eine weitere gute Eiweissquelle ist Molke, die man als gesüsste Drinks einnehmen oder als Pulver ins Essen geben kann. In einer klinischen Studie testet das Team von Bischoff-Ferrari daher, ob eine Supplementation mit Molkepulver das Sturzrisiko von ­älteren, besonders gefährdeten Menschen senken kann. Die Studie läuft noch. Weil Molke selber leicht bitter schmeckt, hat das Team extra ein Kochbuch entwickelt. Das Motto dabei sei «Wie verstecke ich meine Molke?», sagt Bischoff-Ferrari.

Die in der Nähe von Ulm aufgewachsene Heike Bischoff begann sich früh für die Altersmedizin zu interessieren. Im praktischen Jahr ihres Medizin­studiums verschlug es sie nach Basel, wo sie den ersten Geriatrie-Professor der Schweiz, Hannes Stähelin, kennen lernte. «Seine Wissenschaftlichkeit und Menschlichkeit» hätten sie sehr beeindruckt. «Ich erkannte damals, dass man in dem Fach noch ganz viel beitragen kann.» Noch in Basel, jetzt als Assistenzärztin Ende der 90er-Jahre, führte sie ihre erste Studie durch zur Frage, ob ­Vitamin D das Sturzrisiko senken kann. Diesem Forschungsthema ist sie bis heute treu geblieben.

Später zog es sie für fünf Jahre nach Boston, wo sie an der Harvard School of Public Health ein Stipendium für ein Doktorat in Ernährungsforschung und Biostatistik erhielt – und ihren Mann, den Herrn Ferrari, kennen lernte. 2005 kam sie wieder zurück in die Schweiz, ans USZ, zunächst als Oberärztin, später erhielt sie eine Förderprofessur des Schweizerischen Nationalfonds. In all den Jahren kümmerte sie sich vor allem um ältere Patienten.

Grösste europäische Altersstudie

2013 schuf die Universität Zürich einen Lehrstuhl für Geriatrie und Altersforschung. Bischoff-Ferrari bewarb sich und wurde gewählt – vermutlich auch, weil es kaum eine bessere Botschafterin gibt für das Fach. Wenn sie davon erzählt, kommt sie jedenfalls regelrecht ins Schwärmen: «Geriatrie ist das spannendste Fach in der Medizin, man muss umfassend denken und über alle Fachdisziplinen eng zusammenarbeiten.»

Noch bevor sie den Lehrstuhl erhielt, im Jahr 2012, lancierte sie die grösste europäische Altersstudie mit Namen «Do-Health». Dabei geht es um die Frage, wie wir gesund und aktiv älter werden. Über 2100 gesunde Frauen und Männer aus fünf Ländern nahmen an der drei Jahre dauernden Studie teil; die Forscher testeten dabei drei Interventionen, alleine oder in Kombination: einfaches Krafttraining, Vitamin-D-Supplementation und Omega-3-Supplementation. Die Studie ist abgeschlossen, die Publikation der Resultate hat sich aber verzögert. Dieses Jahr soll es nun so weit sein. Sie könne noch nichts verraten, sagt ­Bischoff-Ferrari, nur so viel: «Do-Health wird ein Meilenstein für die Prävention.» Diesmal lacht sie nicht, sie meint es ernst.

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