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Neuverfilmung des Disney-KlassikersChina-Kritiker rufen zu Boykott von «Mulan» auf

Disney hat seinen Blockbuster in einer Region gedreht, in der die chinesische Regierung Minderheiten verfolgt. Unterwerfen sich Hollywood-Studios der Politik, um Zugang zum grössten Kinomarkt der Welt zu bekommen?

Teile des Produktionsteams von «Mulan» hielten sich wohl monatelang in Xinjiang auf. Journalisten und der UN ist der Zugang weitgehend versperrt.
Teile des Produktionsteams von «Mulan» hielten sich wohl monatelang in Xinjiang auf. Journalisten und der UN ist der Zugang weitgehend versperrt.
Foto: Disney

Im Abspann, in der allerletzten Minute, stehen die Worte plötzlich da: Die Filmemacher von Disney bedanken sich bei den Sicherheitsbehörden der westchinesischen Region Xinjiang für ihre Unterstützung. Einem Dutzend chinesischen Behörden wird gedankt, der Grossteil davon in der Region, in der China laut den Vereinten Nationen eine Million Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Religion inhaftiert hat.

Gedreht wurde die Neuverfilmung des Disney-Klassikers offenbar in der Nähe von Dörfern und Städten, in denen die Polizei seit Jahren Mitglieder der muslimischen Minderheiten verschleppt, Frauen zwangssterilisiert und systematisch Kulturgüter zerstört.

Dass das Filmteam die massive Überwachung in der Region nicht mitbekommen haben soll, die Strassensperren, die dort alle paar Kilometer aufgebaut wurden, an denen Durchsuchungen üblich sind, auch die umfassende Videoüberwachung und Polizei- wie Militärpräsenz, erscheint fragwürdig.

Im Film selbst spielt die Kultur der Minderheiten in der Region keine Rolle

Menschenrechtsaktivisten, ausländischen Politikern und Vertretern der Vereinten Nationen ist es nicht erlaubt, in die Region zu reisen. Journalisten können sich selbst mit chinesischer Arbeitserlaubnis nur noch eingeschränkt dort bewegen, werden dabei von der Polizei begleitet und an ihrer Arbeit gehindert. Den Mitarbeitern von Disney soll hingegen eine Sondergenehmigung erteilt worden sein. Teile des Teams scheinen sich monatelang dort aufgehalten zu haben.

Im Film wird die Region auch nicht als Xinjiang bezeichnet, sondern als der «Nordwesten Chinas». Die Kommunistische Partei stellt die Region als seit Jahrtausenden unveränderlichen Teil Chinas da. Im Film selbst spielt die Kultur der Minderheiten in der Region keine Rolle, sie ist durch die traditionelle Lebensweise der Han-Chinesen ersetzt worden.

Die Empörung ist dementsprechend gross, seit Nutzer den Abspann des am Wochenende gestarteten Films in den sozialen Medien geteilt haben. Es sei «kapitalistische Ausbeutung», schreibt Adrian Zenz auf Twitter. Er ist einer der Forscher, die massgeblich zur Aufdeckung der Masseninternierungslager beigetragen haben. In den sozialen Netzwerken teilen Nutzer ihre Kritik unter dem Hashtag «BoycottMulan».

Die USA haben seit vergangenem Jahr aufgrund der Geschehnisse in Xinjiang Sanktionen gegen chinesische Regierungs- und Handelsorganisationen verhängt. Darunter auch eine Behörde, die im Abspann des Films aufgeführt wird. «Mulan» wurde zwar ein Jahr zuvor gedreht. In den USA werden aber bereits Stimmen laut, die Verantwortlichen vor den Kongress zu laden. Disney hat sich selbst noch nicht zu den Vorwürfen geäussert.

Für Disney kommt die Kritik zur Unzeit. Das Filmstudio dürfte grosse Hoffnungen auf den Film setzen. Er erzählt eine jahrhundertealte Legende aus China über das Leben einer jungen Frau namens Mulan, die anstelle ihres Vaters für den Kaiser in den Krieg zieht.

Das Timing hinter der Neuverfilmung dürfte kein Zufall sein. Denn während Hollywood unter den Rückgängen von Kinoticketverkäufen und der Konkurrenz durch Streamingdienste wie Netflix leidet, wächst der Kinomarkt in China. Im Umsatz hat er 2018 den der USA von Platz eins verdrängt. Seit Jahren engagieren amerikanische Filmemacher vermehrt chinesische Schauspieler, verlegen Drehorte nach China und lassen chinesische Geschichten in Filme einfliessen, um die Chance auf einen Erfolg in dem Land zu erhöhen. Gleichzeitig werden Drehbücher umgeschrieben, um rote Linien Pekings zu umgehen und den chinesischen Zensoren zu gefallen.

Hauptdarstellerin Liu Yifei hat Verständnis für die Polizeigewalt in Hongkong geäussert

Die Produktionsfirma Dreamworks zeigte in ihrem Kinderfilm «Abominable» eine Karte, auf der ein Grossteil des Südchinesischen Meers als Teil Chinas dargestellt wird – ein Anspruch, den der Internationale Schiedsgerichtshof als unrechtmässig zurückgewiesen hat. Im neuen, zweiten Teil des amerikanischen Kultfilms «Top Gun» trägt der Kampfpilot, gespielt von Tom Cruise, eine Bomberjacke, in der nicht mehr wie im ersten Teil von 1986 die Flaggen Japans und Taiwans zu sehen sind, sondern Fantasieaufnäher. Japan ist in China verhasst, auf Taiwan erhebt die Volksrepublik Anspruch. Die Autorin des Buchs «Hollywood Made in China», Aynne Kokas, schreibt von einer «Epidemie der Selbstzensur», der sich die amerikanischen Studios unterwerfen würden, um Peking zu gefallen.

Bereits seit vergangenem Jahr rufen Aktivisten weltweit zu einem Boykott des Films auf – damals hatte Hauptdarstellerin Liu Yifei Verständnis für die Polizeigewalt in Hongkong geäussert. Viele Menschen in der chinesischen Sonderverwaltungszone empfinden es als Hohn, im Kino die Kämpferin Mulan zu sehen, während die chinesischen Behörden die Demokratiebewegung in Hongkong niedertrampeln.

Widersprüchlich: Im Kino ist  Liu Yifei die Kämpferin Mulan, im echten Leben zeigt sie Verständnis für die Polizeigewalt in China.
Widersprüchlich: Im Kino ist Liu Yifei die Kämpferin Mulan, im echten Leben zeigt sie Verständnis für die Polizeigewalt in China.
Foto: Disney (Keystone)

Die bekannte Aktivistin Agnes Chow, die inzwischen verhaftet wurde, trägt in der Stadt den inoffiziellen Titel «die wahre Mulan». «Es wird immer schlimmer!», kommentierte der bekannte Hongkonger Demokratie-Aktivist Joshua Wong diese Woche, nachdem Disneys Kooperation mit den Behörden in Xinjiang bekannt wurde.

Das Ausland versuche, das Image Chinas zu schädigen, weil sie die Stärke des Landes fürchteten

Durch die vielen geschlossenen Kinos weltweit ist der «Mulan»-Start ohnehin schwieriger als gehofft. Das Studio musste Millionen in zusätzliches Marketing investieren. Aber für Disney steht in China nicht nur auf dem Kinomarkt viel auf dem Spiel. Das Unternehmen hat 5,5 Milliarden Dollar in ein Disneyland-Resort in Shanghai investiert und seinen älteren Park in Hongkong gerade erst ausgebaut.

Zumindest in China könnte die Kontroverse dem Film aber auch Auftrieb geben. Dort äusserten viele Internetnutzer ihr Unverständnis über die Kritik im Ausland. Westliche, antichinesische Kräfte seien am Werk, vermuten viele. Das Ausland versuche, das Image Chinas zu schädigen, weil sie die Stärke des Landes fürchteten. Dem müsse das chinesische Volk etwas entgegensetzen. Viele wollten den Film jetzt erst recht sehen.