«...dann schreibe ich ein paar Zeilen»

Leserbegegnung

60 Leserbriefe in einem Jahr: Öfter als Walter Krebs aus Bümpliz äussert sich niemand in dieser Zeitung. Hin und wieder schiesst er übers Ziel hinaus. «Das ist mir klar. Aber ich kann nicht anders», sagt er.

«Kommen Sie einmal mit, wenn ich einkaufe oder in eine Beiz gehe: Sie würden nicht glauben, wie oft ich angehauen werde»: Walter Krebs aus Bümpliz sagt, er schreibe die vielen Leserbriefe weniger für sich als vielmehr für Leute aus seinem Umfeld.

«Kommen Sie einmal mit, wenn ich einkaufe oder in eine Beiz gehe: Sie würden nicht glauben, wie oft ich angehauen werde»: Walter Krebs aus Bümpliz sagt, er schreibe die vielen Leserbriefe weniger für sich als vielmehr für Leute aus seinem Umfeld.

Johannes Hofstetter

Es kommt vor, dass uns Leserinnen und Leser bitten, «diesem Dauerschreiber aus Bümpliz» keine Plattform mehr zu bieten. Dieser Dauerschreiber sind Sie.

Walter Krebs:Ich weiss ja selber, dass ich es manchmal ein bisschen übertreibe.

«Ein bisschen» ist gut: Sie haben dieser Zeitung in den letzten zwölf Monaten 60 Leserbriefe gemailt.

Ich kann nicht anders.

Was treibt Sie an?

Die Frage ist nicht was, sondern wer. Acht von zehn Leserbriefen schreibe ich nicht, weil mich persönlich etwas beschäftigt. Sondern, weil Leute mir sagen: «Wale, das und das ist nicht in Ordnung. Das gehört in die Zeitung!» Dann setze ich mich hin und schreibe ein paar Zeilen.

Walter Krebs, das Sprachrohr von Bümpliz.

Das kann man so sagen, ja. Kommen Sie einmal mit, wenn ich einkaufe oder in eine Beiz gehe. Sie würden nicht glauben, wie oft ich angehauen werde.

In Ihren Beiträgen ist immer dasselbe «nicht in Ordnung»: die Stadtregierung, die Zustände in der Reitschule und die Art und Weise, wie die Politik mit Demos umgeht.

Es gäbe noch mehr Themen. Aber bei Fragen, die die öffentliche Sicherheit und die Polizei betreffen, kenne ich mich als ehemaliger Kripo-Beamter halt aus.

Die Reitschule-Besucher sind für Sie «Chaoten». Die Reithalle ist «ein Schandfleck». Wer links von der SVP politisiert, treibt das Abendland in den Untergang.

Das sind Zuspitzungen. Bei Leserbriefen liegt die Würze in der Kürze.

Trotzdem: Gehts nicht eine Spur diplomatischer?

Ich weiss, dass ich manchmal übers Ziel hinausschiesse. Aber wenn ich am Schreiben bin, tippe ich meine Meinung möglichst ungefiltert in den Computer. So bin ich als Bauernbub erzogen worden: Immer zu sagen, was ich denke.

Nur ist nicht jeder, der die Reitschule besucht, ein Chaot.

Ich weiss, dass die Reitschule einen wertvollen kulturellen Beitrag ans Stadtleben leistet. Aber Schlagzeilen machen immer – pardon! – Chaoten aus dem Umfeld dieser Institution. Sie bewerfen Polizisten mit Flaschen und schlagen unbeteiligten Leuten die Autoscheiben ein. Dass die Reitschule-Verantwortlichen diesem Pack einen Raum bieten, in dem es sich verstecken und neue Aktionen aushecken kann: Das verstehe ich einfach nicht. Das will ich auch nicht verstehen.

Falls Sie als Polizist so gearbeitet haben, wie Sie heute schreiben, war das für Ihre «Kundschaft» kaum sehr angenehm.

Das sehen Sie falsch. Bei der Kriminalpolizei gab es für mich nur ein Motto: «Wenn es dir möglich ist – hilf dem anderen. Wenn das nicht geht, füge ihm wenigstens keinen Schaden zu.»

Hilfe für Rechtsbrecher, Hilfe für halb Bümpliz . . .

. . . jemandem helfen zu können, ist das grösste Glück überhaupt. Für andere ist Geld wichtig oder ihr Auto oder ihr Haus. Das alles zählt für mich nicht.

Das klingt schon fast religiös.

Mag sein. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich nicht nur Christ bin, sondern auch Buddhist.

Zwei Götter nebeneinander: Das geht nicht, sagt die Bibel.

Doch, das geht. Für mich stimmt es jedenfalls. Ich bin mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. So lernte ich, was Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft bedeutet. Später entdeckte ich den Buddhismus. Die Friedfertigkeit, die er ausstrahlt, fasziniert mich.

Sie schreiben ununterbrochen gegen angebliche Missstände an – aber es ändert sich nichts. Ist das mit der Zeit nicht frustrierend?

Wie sagt das Sprichwort? «Steter Tropfen höhlt den Stein.» Das stimmt schon. Ich habe mich jahrzehntelang dafür eingesetzt, dass aus dem Bachmätteli ein schöner Park wird. Früher lungerten dort nur Alkis und andere Drögeler herum. Heute, zig Leserbriefe später, verbringen in dem Park ganze Familien ihre Freizeit.

Was sind Sie? Ein besorgter Bürger? Ein Aufpasser? Ein Querulant?

Vor allem will ich den Schwachen helfen. Den Menschen, denen niemand zuhören will oder kann.

Erhalten Sie auf Ihre Beiträge Reaktionen?

O ja. Und zwar durchs Band weg zustimmende. Negative Echos habe ich noch keine gehört. Im Gegenteil: Die Leute sind dankbar dafür, dass sich jemand für sie zu Wort meldet. Sie bringen mir Kuchen nach Hause. Für meinen Computer musste ich keinen Rappen bezahlen.

Kritik an Ihren Zuschriften ernten dafür wir mit einer gewissen Regelmässigkeit.

Das kann ich mir vorstellen.

Sie seien «homophob», urteilte ein Leser, als Sie Adoptionswünsche von Schwulen und Lesben als «unnatürlich und abnormal» abkanzelten.

Das war halt wieder so ein Fall, in dem ich ein wenig übertrieben habe. Ehrlich: Ich habe nicht das Geringste gegen Homosexuelle. Ich kenne viele Schwule und Lesben und komme bestens mit ihnen aus. Aber die Vorstellung, dass Männer mit Männern oder Frauen mit Frauen Kinder grossziehen . . . ich weiss nicht . . .

. . . diese Vorstellung passt einfach nicht in Ihr Weltbild.

Eine Familie: Das ist für mich der Vater und die Mutter und ihre Kinder. So bin ich aufgewachsen. So war ich glücklich.

Sie verstehen aber, dass Sie besonders mit jenem Leserbrief manche Leute auf die Palme gebracht haben.

Natürlich. Aber ich konnte nicht anders. Ich musste auch zu diesem Thema die Wahrheit sagen.

«Die Wahrheit»?

Meine Wahrheit.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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