«Ich will nicht bewundert werden»

Leserbegegnung

Sie lernte Buchhändlerin, arbeitete später viele Jahre auf der südafrikanischen Botschaft und ist jetzt Direktorin des Hotel-Restaurants Mont-Vully am Murtensee. Der Werdegang von Manuela Haupt aus Zollikofen fasziniert.

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«Neuanfang mit 53» und «Bald gehts los, Manuela Haupt wechselt ins Wirtefach und freut sich riesig» stand am 6.Dezember 2010 in der Rubrik «Startklar» in dieser Zeitung. Die Zollikoferin hatte ihre Stelle auf der südafrikanischen Botschaft gekündigt und auf dem Mont-Vully als Gastronomie-Greenhorn das familieneigene Hotel übernommen. Fünfzehn Monate später bereut Manuela Haupt ihren mutigen Schritt nicht.

Die Buchhändlerin

Der Grossvater Buchhändler und Verleger, der Vater Verleger, die ältere Schwester Buchhändlerin, einer der Brüder Buchhändler. Die berufliche Karriere von Manuela Haupt war vorgezeichnet. Doch bevor auch sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin in Angriff nahm, absolvierte die heute 54-Jährige einen einjährigen Sprachaufenthalt in Frankreich, in einem Kloster – ungewöhnlich für eine Protestantin. «Zu Beginn musste ich an sämtlichen Gebeten teilnehmen, also auch beim Morgengebet um 6.30 Uhr», erinnert sich Haupt. Nicht gerade das, was sich eine 16-Jährige unter einem Auslandjahr vorstellt. Heute sagt sie: «Ich bin stolz, dass ich diese zwölf Monate durchgezogen habe», denn man wachse an dem, was nicht so «gäbig geit». Zurück in der Schweiz, absolvierte sie im Betrieb ihres Vaters in Bern die Lehre, ehe es Manuela Haupt wieder ins Ausland zog. In Canterbury arbeite sie während eines Jahres als Buchhändlerin, gleichzeitig lernte sie perfekt Englisch. Wieder auf heimischem Boden, blieb sie noch knapp drei Jahre ihrem erlernten Beruf treu, auch wenn sie sagt: «Ich war nie mit Leib und Seele dabei.» In diese Zeitspanne fiel auch ihre Hochzeit 1980.

Ehefrau und Mutter

Noch vor der Geburt ihrer Zwillinge Kim und Tim verabschiedete sich Haupt für viele Jahre aus dem Berufsleben. Daran änderte auch die Trennung von ihrem Mann nichts. Vorerst. Als dieser jedoch 1997 seine Stelle verlor, zog das eine Neuberechnung der Alimente mit sich. «Das Gericht entschied, dass die Kinder in einem Alter sind, wo eine Arbeit für mich zumutbar ist», sagt Manuela Haupt. So begab sie sich wieder auf Jobsuche. Zurück in ihren alten Beruf, konnte sie nicht. «Buchhändlerin ist ein schnelllebiger Beruf, da war ich definitiv zu lange weg vom Fenster.» Haupt schrieb Bewerbungen und sagt heute: «Die Sprachen waren mein grosses Plus.» Und so landete sie als Direktionssekretärin auf der südafrikanischen Botschaft in Bern.

Die Hoteldirektorin

Ein Neuanfang für Manuela Haupt, aber nicht ihr letzter. Vor etwas mehr als einem Jahr erfüllte sie sich nämlich einen Traum – und stieg in die Gastronomiebranche ein, als Hoteldirektorin notabene. Wie es dazu kam? Seit den Fünfzigerjahren ist die Familie Haupt im Besitz des Hotel-Restaurants Mont-Vully im Berner Seeland, oberhalb des Murtensees. Pächter und Wirtepaare hatten den Betrieb geführt, nie aber ein Familienmitglied. «Die Zeit war nie reif», sagt Haupt, die 2004 ein zweites Mal geheiratet hat. Mitte 2010, als sich wieder ein Wechsel abzeichnete, sagte sich die damals 53-Jährige: «Jetzt oder nie!» Im November absolvierte sie erfolgreich die Wirteprüfung, kündigte per Ende Jahr ihre Stelle auf der südafrikanischen Botschaft und übernahm im Januar 2011 das familieneigene Hotel auf dem Mont-Vully. Dort, wo sie jetzt während fünf Tagen pro Woche wohnt. Zu Beginn musste das Gastronomie-Greenhorn gleich das Personal für ihre erste Saison anheuern. Bis zur Eröffnung blieben nur rund fünfzig Tage – und in der Hochsaison beschäftigt der Betrieb immerhin 15 Angestellte.

Das Umfeld

«Ich habe schlecht geschlafen», erinnert sich Manuela Haupt noch genau an die Nacht vor dem Saisonstart am 23.Februar 2011. «Ich hatte grossen Respekt und dachte: Was habe ich bloss getan?» Doch es habe kein Zurück mehr gegeben. «Es waren ähnliche Gefühle wie vor der Geburt», sagt Haupt. Doch wie bei den richtigen Kindern wichen die Ängste auch beim dritten «Kind», dem Hotel, schnell den Glücksgefühlen. Mittlerweile befindet sich Haupt in ihrer zweiten Saison und sagt: «Zu Beginn hatte ich keine Ahnung von diesem Business. Doch mittlerweile kann ich eigentlich alles.» Auch dank ihrem Umfeld, wie sie betont. Die Angestellten, die Familie, Ehemann René Leu und insbesondere ihre Schwägerin Doris Pellaton-Leu. «Mit ihnen hatte ich stets das Gefühl, dass nichts passieren kann.» Die Schwägerin sei im täglichen Geschäft eine grosse Hilfe, während der Mann sich jeweils am Wochenende um die administrativen Arbeiten kümmert und sonst als Facility-Manager arbeitet. In absehbarer Zukunft steht seine Pensionierung bevor. Und dann wird auch er voll im Betrieb einsteigen.

Die wahre Berufung

Manuela Haupt ist in den letzten fünfzehn Monaten um viele Erfahrungen reicher geworden. «Der Kunde ist König», das hat sie schnell gelernt. «Wenn eine grosse Gruppe am Ruhetag im Restaurant essen möchte, dann wird aus dem Ruhetag ein Arbeitstag», nennt sie ein Beispiel. Den Neuanfang habe sie nie bereut, auch wenn es die eine oder andere Krise gab. «Insbesondere körperlich musste ich mich einer grossen Bewährungsprobe unterziehen», erinnert sich Haupt. Kein Wunder: Nach dreizehn Jahren im Büro mit einem Achtstundentag hat Haupt während der Hochsaison nun eine Präsenzzeit von gegen sechzehn Stunden. «Und man muss immer gut gelaunt sein», sagt sie, um gleich zu ergänzen: «Das wiederum bereitet mir in der Regel keine Probleme.» Zudem überwögen die schönen Momente. Und apropos schön: Wunderschön ist die Aussicht von der Restaurantterrasse über den Murtensee, die Freiburger Alpen sowie Eiger, Mönch und Jungfrau. Und auch drinnen hat sich optisch einiges verändert. Hier konnte Haupt ihr grosses Flair zum Dekorieren ausleben. Nicht ohne Folgen: Oft erhält sie Komplimente – manchmal auch einfach wegen ihres mutigen Neuanfangs. «Diesen Mut hätte ich nicht», höre sie immer wieder. Aber Manuela Haupt sagt bestimmt: «Ich will nicht bewundert werden.» Übrigens: An einen weiteren Neuanfang – daran denkt Haupt im Moment nicht. Spät, aber nicht zu spät scheint sie ihre wahre Berufung gefunden zu haben.Raphael Hadorn

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