«Ich will das Publikum fühlen»

Leserporträt: Werner Bolliger

Seit 1983 steht er ein Mal pro Monat hinter dem DJ-Pult der Villa Stucki in Bern. Am heutigen Silvesterabend zum 350.Mal. Viel hat Werner Bolliger in diesen 26 Jahren erlebt – und vieles möchte er auch in Zukunft noch erleben.

Jubiläum: Heute Abend legt Werner Bolliger nicht in den eigenen vier Wänden (im Bild) auf, sondern in der Villa Stucki – zum 350.Mal.

Jubiläum: Heute Abend legt Werner Bolliger nicht in den eigenen vier Wänden (im Bild) auf, sondern in der Villa Stucki – zum 350.Mal.

(Bild: Andreas Marbot)

Raphael Hadorn

«Wenn ich auflege, erzähle ich Geschichten mit Musik. Ich stimme mich auf jeden Anlass ein, sehe und höre den Leuten zu, lasse meine Eindrücke ins Set einfliessen. Vielseitigkeit ist mir wichtig; jedes Gesicht soll strahlen», schreibt Werner Bolliger auf seiner Promo-DVD.

Jubiläum am Silvester

Angefangen hat alles vor 26 Jahren. Weil in der Villa Stucki kurzfristig ein DJ ausgefallen ist, fragt man den musikbegeisterten Werner Bolliger, ob er nicht Interesse hätte, es einmal mit Plattenauflegen zu probieren. Bolliger sagt zu, ist begeistert, kommt an und wird innert kürzester Zeit zum Stamm-DJ. Immer am letzten Freitag im Monat lädt DJ Werner Bolliger zur «Oldies-Night». Auch heute noch.

«Ich habe kürzlich wieder einmal nachgeschaut, wie oft ich bereits in der Villa Stucki aufgelegt habe, und der Zufall will es wohl, dass ich heute Abend zum 350.Mal hinter dem DJ-Pult stehe», sagt Bolliger. Doch auch in der Villa Bernau in Wabern (1985–1993) sowie in den Barfussdiscos Prisma Chalice in Bern und Phönix in Ostermundigen (1989–1999) und der Barfussdisco Schwofi in Thun (1990–1997) war Werner Bolliger während Jahren als Stamm-DJ tätig – und erweiterte dabei auch stets seinen Musikhorizont. Zu den Stones, Led Zeppelin und Tina Turner gesellte sich plötzlich auch afrikanische und australische Musik. «Das wahre Tanzgefühl wird erst durch verschiedene Musikstile geweckt», sagt er. Auch an Privatanlässen sorgt Bolliger gerne für Stimmung. Dafür reiste er auch schon nach Italien, Spanien oder Frankreich.

Zahlreiche Anekdoten

Der DJ-Job ist für Werner Bolliger ein Hobby, arbeitet er doch zu hundert Prozent als Sozialarbeiter auf der Gemeinde Madiswil. «Könnte ich mich nicht regelmässig beim Musikmachen ausleben, ich wäre nicht mehr Sozialarbeiter.» Bei seinem Beruf amtet er oft als Beobachter – aber auch hinter dem DJ-Pult. «Viele Leute leben beim Tanzen etwas aus, das sie sonst nicht können», ist ihm aufgefallen, und weiter: «Dies erklärt auch, weshalb viele Beziehungen, die auf der Tanzfläche entstehen, im Alltag auseinanderbrechen.

Sowieso hat Bolliger als DJ viel beobachtet und erlebt. Zwei Mal war er sogar Geburtshelfer. «Das war sehr speziell, ich wurde später dann sogar zur Taufe eingeladen», erinnert er sich. Auch veranstaltete er einmal eine Marathondisco. «Tagsüber ging ich arbeiten, nachts legte ich auf, hundert Stunden lang, danach habe ich zwei Tage nur geschlafen.» Auch an seine Auftritte im Anschluss an Konzerte von Patent Ochsner, Stiller Haas oder Züri West denkt er gerne zurück. «Damals waren die noch völlig unbekannt.» Sein jährliches Highlight aber ist die Solätte in Burgdorf. Dort kann er jeweils unter freiem Himmel, auf einem Balkon, einen ganzen Platz unterhalten. Das «fägt», sagt Bolliger, zumindest fast immer. 2006 wurde er mit Steinen beworfen, weil er Musik machte, als gleichzeitig der Fussball-WM-Achtelfinal Schweiz - Ukraine lief.

Endlich häuslich geworden

«Bei meinem Lebensstil werde ich vielleicht nicht alt», sagt Bolliger und zündet sich eine Zigarette an. Er hat deshalb vor sieben Jahren in Burgdorf ein 300 Quadratmeter grosses Haus gekauft. «Damit mein 27-jähriger Sohn etwas hat, wenn ich einmal sterbe.» In Burgdorf fühlt sich Bolliger, der sich 1993 scheiden liess, zum ersten Mal in seinem Leben zu Hause. «Ich bin in meiner Vergangenheit zuvor 17 oder 18 Mal umgezogen.»

Werner Bolliger ist Sozialarbeiter und DJ, in seiner übrigen Freizeit aber auch Kunstsammler, Bildhauer, Motorradfahrer, Fallschirmspringer und Billardspieler, zudem verbringt er gerne Zeit mit seiner Freundin. Langweilig ist es ihm eigentlich nie, aber Träume hat auch er noch. «Ich träume davon, einmal ein halbes Jahr in einem Skigebiet oder auf einem Luxusdampfer aufzulegen», sagt er und ergänzt: «Doch dafür bin ich auch nach der Pension noch nicht zu alt.» Zudem möchte er einmal ein Buch schreiben. «Keine Biografie, einfach Erlebnisberichte und Anekdoten aus vielen Jahren Musikbusiness.»

Ab 2011 in der Matte

Doch vorerst steht heute Abend die Jubiläumsdisco vor der Tür. Es wird die zweitletzte Silvesterdisco von DJ Werner Bolliger an der Seftigenstrasse 11 sein. Heute in einem Jahr wird er seinen Abschied feiern. Den Abschied von der Villa Stucki, aber nicht vom DJ-Leben. Im Mattequartier (5.Etage, Mühleplatz 11) will er eine neue Ü30-/Ü40-Szene aufbauen, «als Ergänzung zur Villa Stucki, nicht als Konkurrenz», wie er betont, «denn so etwas gibt es sonst nirgends».

Auch einen zweiten Werner Bolliger gibt es auf dem Platz Bern sonst nirgends. Nicht selten schwingt der 56-Jährige beim Auflegen selber das Tanzbein. Oder wie schreibt er auf der Promo-DVD abschliessend so schön: «Ich gehe mit den Leuten mit. Tanzen gehört für mich dazu. Ich will das Publikum fühlen, führen, Atmosphäre bilden. Deshalb lege ich gerne alleine auf und mache nach dem Höhenflug auch noch den Chill-out. Das heisst, einfach die Geschichte zu Ende erzählen.»

Berner Zeitung

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