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YB nach dem TitelBurger, Bier – und ein Balanceakt auf rohen Eiern

Vom erlösenden Schlusspfiff in Sitten bis zum familiären Ausklang im Hause Hoarau – das meisterliche Wochenende der Young Boys.

Der ikonische Feier-Wölfli: Die abtretende Goalielegende lässt sich mit seinen Kollegen bei der Ankunft in Bern von den Fans feiern.
Der ikonische Feier-Wölfli: Die abtretende Goalielegende lässt sich mit seinen Kollegen bei der Ankunft in Bern von den Fans feiern.
Foto: Thomas Hodel

Der Pfiff von Schiedsrichter Lionel Tschudi kommt kurz vor 22.30 Uhr. Er hat etwas Erlösendes für YB, an diesem Freitagabend im Stade de Tourbillon markiert er auch eine kleine Zäsur, weil man sichjust am heissesten Tag des Jahreseine gewisse Abkühlung im Betrieb erhofft. Ein in der längsten Saison der Geschichte über 376 Tage und gegen so viele Widerwärtigkeiten verteidigter Meistertitel ist im Trockenen, auf dem langen Weg aufgekommene Zweifel sind beseitigt, Kritiker belehrt.

1:0 gegen Sion, dank des einzigen Treffers von Christopher Martins in der 14. Minute. Die Young Boys sind Meister, sie jubeln und hüpfen, einige von ihnen aber stehen in diesen ersten Minuten des Triumphes auch einfach da, ziemlich erschöpft, die Hitze, die Entbehrungdie Ungläubigkeit auch, am Ziel zu sein.

«Ich muss das alles erst einmal sacken lassen», sagt David von Ballmoos, die Augen feucht, die Beine schwer. «Wir waren so konzentriert, haben noch einmal so viel gegeben in diesem Spiel – und dann ist plötzlich alles vorbei.» Der Druckabfall lässt den YB-Goalie erschöpft zurück, sein Glück findet er erst einige Minuten später. Noch in der Vorwoche zum Titel wachte er am Tag vor dem Heimspiel gegen Luzern mit einem seltsamen Gefühl am Hals auf. Er merkte schnell, dass Spielen nicht drinliegt, und verpasste die Partie wegen Nackenstarre.

Druckabfall nach dem Schlusspfiff: YB-Goalie David von Ballmoos
Druckabfall nach dem Schlusspfiff: YB-Goalie David von Ballmoos
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Für ihn sprang Marco Wölfli ein, wer auch sonst. Es war ein gewohntes Bild im YB-Tor, Wölfli, wie er schreit, fluchtund am Ende eben doch auch jubeln kann. 1:0 gewann YB mit Wölfli gegen Luzern, 1:0 gewann YB am Freitag mit von Ballmoos. Und nach dem Schlusspfiff bricht es sich Bahn, das Kind im Manne, der Wölfli im Leitwolf. Flugs schlüpft er in das gelbe Meisterhemd, ein lachendes Gespenst prangt dort auf dem Arm, YB ist «Geister-Meister» 2020.

Sierro dirigiert, von Ballmoos spendiert

Das passt zu diesem schalkhaften Wölfli, der in seinen drei letzten Jahren bei YB nicht nur schöne Geschichten geschrieben, sondern sich auch zu einem echten Gewinner entwickelt hat. In bekannter Montur bewegt er sich durchs Geschehen im Tourbillon, sie ist erprobt aus früheren Titelfeiern. Der Hut, Wölfli hat ihn sich selbst mit dem Vermerk «glücklich» signiert, ist am Freitag derselbe wie am 28. April 2018, als der ikonische Feier-Wölfli geboren wurde.

Nur der Stumpen ist grösser, viel grösser, vergnügt referiert Wölfli im Campingstuhl im improvisierten Studio von Radio Gelb-Schwarz darüber: «Es war ein Fangeschenk, und ich werde die ganze Nacht daran paffen.» Mit einer besonderen Rolle beim ersten Meistertitel nach 32 Jahren hat Wölfli den Status der Legende erreicht. Und mit dem Titel 2020 darf er sich nun als Fussballer zur Ruhe setzen. Das YB-Meisterwochenende hat schon am Freitagabend seine erste runde Klammer.

«Es war ein Fangeschenk, und ich werde die ganze Nacht daran paffen.»

Marco Wölfli über seinen Meisterstumpen

Es ist nach Mitternacht, als der YB-Mannschaftsbus das Stade de Tourbillon verlässt, erster Stopp: das McDonald’s-Restaurant in Conthey. Vincent Sierro, in Siders aufgewachsen, weiss, wohin um diese Uhrzeit. Und die Young Boys fahren gerade noch rechtzeitig vor, es gibt Burger und Bier, auf Rechnung von Goalie von Ballmoos.

Nach mehr oder weniger Schlaf versammelten sich am Samstagmittag mehrere frischgebackene Meister im Wankdorf, um von ihrem Befinden zu berichten.
Video: Martin Bürki

Zurück im Bus, schnauft Captain Fabian Lustenberger durch, lässt die Eindrücke sacken. Er ist zum ersten Mal Meister, nach 15 Jahren im Business mit weit über vierhundert Partien für Luzern, Hertha Berlin und YB. Er spricht von einer «schönen Fahrt». Jeder darf sich mal als DJ versuchen, Meschack Elia wird zum Tanzen aufgefordert. Der Stürmer, der blitzschnell ist, aber erst langsam auftaut, legt seine Zurückhaltung ab, begeistert die Kollegen. Es sind intime Momente, sie schweissen zusammen. Drinnen das Team ganz für sich, draussen ziehen die Lichter vorbei.

Der Moment für die Ultras

Und diese Meisternacht ist auch eine Nacht der raren Gelegenheiten. Zu den grossen Verlierern im Corona-gepeinigten Fussball gehören die Ultrasihre Kurvenkultur ist mit keinem Hygienekonzept, mit keinen Schutzmassnahmen vereinbar. Die laue Sommernacht ist ihr Moment, noch immer sind es 20 Grad, als der YB-Car um 3 Uhr morgens beim Wankdorfstadion ankommt. Die Fans empfangen ihr Team, man hat sich lange nicht gesehen, schliesslich. «Es war fast wie früher», sagt Christian Fassnacht.

An die 100 von ihnen sind da, sie zünden Fackeln, dunkelrot leuchtet der Himmel. Vor dem Stadioneingang haben Mannschaft und Supporter ihren flüchtigen Moment der Begegnung, vereint in den Farben, getrennt durch einen Zaun. Die Szene illustriert die Absurdität im Fussball der Gegenwart und den Balanceakt der Young Boys, die hervorgerufenen Emotionen postwendend wieder zu kontrollieren.

Zurückhaltend gehen sie zunächst mit dem Bildmaterial um, die ganze Meisterfeier ist für sie ein Tanz auf rohen Eiern. Nebst dem An- gilt es diesmal auch, den Abstand zu wahren. Die Stimmung kann schnell kippen, der Aufwind des Titelgewinns zu einem Shitstorm führen. Eine Menschenansammlung in der Aarbergergasse hatte noch am späten Abend für Entrüstung in der ganzen Schweiz gesorgt.

Nähe trotz Distanz: Die Young Boys begrüssen in der Meisternacht ihre Fans auf einem Zaun vor dem Stadion.
Nähe trotz Distanz: Die Young Boys begrüssen in der Meisternacht ihre Fans auf einem Zaun vor dem Stadion.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Dann leert sich der Platz um den Stadionausgang, die Feier geht in die Schlussrunde. Drinnen stossen in einer Loge die Verantwortlichen auf den Titel an, Sportchef Christoph Spycher ist da, Trainer Gerardo Seoane, der Staff, die Assistenten. Die Spieler verteilen sich, einige wie Lustenberger fahren in die grosse Wohnung von Guillaume Hoarau nach Thun, andere zu David von Ballmoos nach Ostermundigen. Die Titelfeier 2020 ist familiärund hat nach dem eruptiven Rausch 2018 und dem grossen Triumph 2019 noch einmal einen ganz anderen Touch.

Seoane bekennt sich zu YB

In Sion stand Seoane lange allein auf dem Feld, eine Zigarre in der linken, das Telefon für ein Videogespräch in der rechten Hand. Es war ein irgendwie sinnhaftes Bild für diese spezielle Saison: des Meistertrainers digitaler Beckenbauer-Moment, so allein und doch vereint, genau 30 Jahre nachdem der deutsche Weltmeistertrainer in Rom nach dem Titelgewinn versonnen über den Rasen gewandelt war.

Gerardo Seoanes Beckenbauer-Moment in Sion.
Gerardo Seoanes Beckenbauer-Moment in Sion.
Foto: Keystone

Am Samstag wirkt Seoane noch immer gelöst. Er, der immer genau überlegt, welche Botschaften er transportieren möchte, lässt sich fast ein wenig treiben. Als er Fassnacht und Lustenberger sieht, die sich für Interviews bereithalten, Aebischer und von Ballmoos, später auch Sportchef Spycher, herzt er sie alle. Es scheint, als könnte Seoane die ganze Welt umarmen.

Er ist mit diesem Titelgewinn, nach einer Saison voller Widerstände, aus dem Schatten seines Vorgängers Adi Hütter getreten. Und er dürfte wie der Österreicher dereinst in eine europäische Topliga wechseln. Aber nicht diesen Sommer, das versichert er beim Gespräch im Sektor D, im Herzen des Stadions, wo die Fans in Zeiten der Corona-Pandemie nicht mehr hindürfen. Der Innerschweizer mit spanischen Wurzeln findet, es sei nicht der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel.

In der Schweiz geht die Saison erst zu Ende, in anderen Ländern hat die Vorbereitung auf die neue schon längst begonnen. «Es wäre ein Fehler, jetzt etwas erzwingen zu wollen», sagt Seoane. Der Hauptgrund für seinen Verbleib sei allerdings, dass er sich bei YB enorm wohlfühle.

Stemmt Wölfli am Montag den Pokal?

Und jetzt? Wo führt das alles hin? Einen Druckabfall verspürten die Young Boys am Freitag, eine grosse Genugtuung . Am Samstagmorgen sitzt Mohamed Camara auf einem Spinning-Rad im Wankdorfstadion und lacht in die Kamera. Nach dem Titel ist vor dem letzten Saisonspiel am Montag gegen St. Gallen, nach der Super League wird vor dem Cup sein.

Am Donnerstag geht es im Viertelfinal gegen Luzern, ein allfälliger Final könnte, je nach Leistung des FCB im Europacup, erst Ende August ausgetragen werden, nach dem eigentlichen Saisonende. Irgendwann wird auch diese Spielzeit vorbei sein, doch Corona hatso scheintsnoch eine ganze Weile Saison. Die Unwägbarkeiten für die Young Boys sind zahlreich, und sie bestimmen die Zukunft.

Zunächst geht es im Kreis der Mannschaft um Abschiede. Jordan Lotomba steht vor einem Wechsel zu Nizza. Miralem Sulejmani und Guillaume Hoarau haben noch immer einen auslaufenden Vertrag. Marco Wölfli bestreitet am Montag gegen St. Gallen sein letztes Meisterschaftsspiel für die Young Boys, höchstwahrscheinlich steht er im Tor – und kann womöglich gar als Captain den Pokal entgegennehmen.

Der letzte Pfiff, er wird auch für ihn kommen.