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AnimationsfilmBrutal und doch putzig

Sie hat auch mal Mitleid mit ihrer hinkenden Figur: Aline Höchli produziert verträumte Animations-Filme mit Abgründen – und holt einen Preis nach dem anderen.

Aline Höchli am Lichtpult, hinter ihr die Stapel der Zeichnungen für ihren Schneckenfilm.
Aline Höchli am Lichtpult, hinter ihr die Stapel der Zeichnungen für ihren Schneckenfilm.
Foto: Nicole Philipp

Ungefähr so stellt man sich das viel zitierte kreative Chaos vor. Im Atelier-Raum von Aline Höchlis Wohnung wird gearbeitet. Vorn tüftelt ihr Partner mittels Keyboard, Plattenspieler, einem abgespulten Kassetten-Tonband und einem Tonabnehmer an einem neuen Sound, wie Höchli erklärt.

Hinten ist ihr Reich. Da gibt es raumhohe Topfpflanzen, aber vor allem auch hüfthohe Papiertürme. Hier stapeln sich die Bilder, aus denen ihre Kurzfilme entstanden sind. «Ich möchte möglichst viel ausprobieren», sagt sie. Dieser Drang ist in diesem Raum fast greifbar. Und er zeigt sich auch in der Arbeit von Aline Höchli. Für ihren gleichzeitig verträumten, brutalen und tröstlichen Kurzfilm «Warum Schnecken keine Beine haben» erhält sie einen mit 10’000 Franken dotierten Berner Filmpreis, nachdem sie bereits bei der Auszeichnung der Zürcher Filmstiftung 5000 Franken erhalten hat.

Der Film handelt von einer Gruppe Schnecken – mit Händen und Füssen –, die inmitten fleissiger Arbeitsbienen in ihrem gemächlichen Tempo ihr Tagwerk verrichten. Weil sie zu wenig produktiv sind, werden ihnen Hände und Beine abgenommen. Was dazu führt, dass sie eben kriechen, während die Bienen weitere Arme und Hände kriegen, mit denen sie noch effizienter Daten verarbeiten können.

Der Kampf der Ideen

«Warum Schnecken keine Beine haben» ist für Höchli eine längst abgeschlossene Arbeit. Sie ist bei ihrem neuen Projekt weit fortgeschritten, und in ihrem Kopf kämpfen neue Ideen um die guten Startplätze für eine Umsetzung. Und weil Aline Höchli möglichst viel selber machen will, zieht sich diese über Monate und Jahre. «Ich bin noch jung genug, die Illusion zu haben, dass ich alles machen kann, was mir vorschwebt», sagt sie und lacht.

Anina Höchlis Herz schlägt analog: Papier statt elektronisches Grafik-Tablett.
Anina Höchlis Herz schlägt analog: Papier statt elektronisches Grafik-Tablett.
Foto: Nicole Philipp

Auf den Geschmack kam die 30-Jährige im Vorkurs zur Kunsthochschule Luzern, wo sie 2015 den Bachelor im Bereich 2-D-Animation machte. Ihr Abschlussfilm «He sö kherö» stellte sie 2016 fertig. «Mich hat die Verbindung des Gestalterischen mit dem Narrativ interessiert.» Denn Geschichten schrieb sie schon als Kind gerne auf. Weiter hat sie eine hohe Affinität für alles Technische, sie spricht von Maschinen, die sie zur Herstellung ihrer Filme basteln will.

Trotz ihrem jugendlichen Schaffensdrang scheint Höchli fast aus der Zeit zu fallen, ihre Vorlieben erstaunen bei einer Frau ihrer Generation. Auch wenn bei ihr ein gewichtiger Teil der Arbeit am Computer stattfindet, schlägt ihr Herz für das Mechanische und die handfesten Materialien. Während heute viele Zeichnerinnen und Zeichner auf dem Grafik-Tablett zeichnen und so alles digital erfassen, arbeitet sie mit Stift und Aquarellfarben, bevor die Figuren und die Hintergründe fotografiert und dann am Computer zum Leben erweckt werden. «Ich liebe es, Papier in die Hand zu nehmen», sagt sie. Aber es falle viel Fleissarbeit an. Auf der anderen Seite winke die Belohnung, wenn sie später sehe, wie die Geschöpfe laufen lernten und ein Eigenleben entwickelten. «Ich hatte auch schon Mitleid, wenn eine Figur hinkte.»

Ziel: absolute Freiheit

Höchlis Ziel ist die maximale Freiheit. Ihr scheinen die bisherigen Arbeiten zu konventionell, sie möchte technisch und erzählerisch wilder vorgehen. Und hier zeigt sich ihr Dilemma. Hierfür müsste sie maximal unabhängig sein. Dies strebt sie mit der eigenen Produktionsfirma an. Doch in Sachen Finanzierung ist sie maximal abhängig – von Fördergeldern und Auszeichnungen.

In ihrem Genre Animations-Kurzfilm akzentuieren sich die Probleme der ganzen Filmbranche. Hohe Produktionskosten stehen wenigen Möglichkeiten gegenüber, aus der Arbeit Geld zu machen. Während bei Langfilmen die Möglichkeit besteht, im Kino, im Fernsehen oder auf Streamingplattformen einen Teil der Kosten wieder einzuspielen, gibt es für die Kurzfilme nicht einmal einen Markt. Die Kurzfilmfestivals lohnen sich nur für die Gewinnerinnen und Gewinner, alle anderen bezahlen drauf.

Für Aline Höchli ist das bis jetzt aufgegangen, weil sie ein gutes Händchen für abgefahrene Geschichten mit Charme hat. Was wird wohl kommen, wenn sie die maximale Freiheit ausspielt?