Wie ein Nacktmull

Spionieren ist nicht gleich spionieren, wie Redaktor Peter Meier feststellen musste.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mir geht die Geschichte nicht aus dem Kopf. Jeder vierte Schweizer spioniere seinen Mitmenschen hinterher, las ich in meiner Lieblingszeitung. Das hat eine repräsentative Studie ergeben. Sofort dachte ich an die Fenstersimsstasi. Sie wissen schon: diese mobilitätsarmen Kontrollfreakrentner mit Big-Brother-Attitüde, die in ihrem urbanen Habitat ganze Strassenzüge terrorisieren.

Sie lauern am offenen Küchenfenster oder auf Balkonen. Die Unterarme abgestützt auf eigens dafür genähten Simskissen. So verharren sie von morgens bis abends und verrichten mürrisch ihren Überwachungsdienst. Bemerkt die Simsstasi soziales Fehlverhalten, ruft sie die Verursacher herrisch zur Ordnung.

Doch ich lag falsch. In der Studie ging es um das heimliche Beobachten, Linsen und Spähen. Und darum, dass sich acht von zehn Schweizern dadurch in ihrer Privatsphäre gestört fühlen. 20 Prozent sogar so sehr, dass sie aus Angst davor im Dunkeln kein Licht machen. Ist das zu fassen?

Und wenn es stimmt: Wie trostlos muss ich mir das vorstellen? Verbringt jeder Fünfte im Land die Abende wie ein Nacktmull in seinem finsteren Erdreich? Blind und allein seinem Tastsinn vertrauend? Ist das der Suva bekannt? Ich weiss es nicht. Aber es erschüttert mich.

Sie müssen wissen: Ich kenne die Täter. Zumindest ein paar davon. Ich bin nicht stolz drauf, aber in meinem Bekanntenkreis gibt es bekennende Gaffer. Die leben im Winter richtiggehend auf. Weil es früher eindunkelt. Dann äugen sie in erleuchtete Fenster. Bleiben sogar stehen, um in fremde Wohnungen zu stieren und über Bewohner und Einrichtung zu ätzen.

Ekelhaft, oder? Ich schäme mich deswegen schon lange fremd. Aber sie lassen sich weder bekehren noch wegzerren, ich habs wiederholt versucht – vergeblich. Seither mache ich nur noch tagsüber oder auf freiem Feld mit ihnen ab.

Jetzt habe ich ihnen diese Studie unter die Nase gerieben: Wenn ihr schon keine Hemmungen habt, beschwörte ich sie, dann hoffentlich wenigstens ein Gewissen. Die Reaktion: ein Schulterzucken – und die Frage: Warum kaufen sich diese Leute nicht einfach Vorhänge? (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.07.2016, 14:05 Uhr

Redaktor Peter Meier.

Artikel zum Thema

Pokéstop à gogo

Greater Berne Der neue Trend um die niedlichen Nintendo-Viecher hat auch Frau S. erwischt. Mehr...

Musique de rue

Greater Berne BZ-Redaktor Fabian Sommer frönt mit seinem kleinen Sohnemann einem neuen Hobby: dem Strassenmusiklauschen. Mehr...

Panik!

Greater Berne Kindergartentag 730 von 730. Es ist vorbei. Bepackt mit müffelndem Turnzeug, löchrigen Finken, zwei Plastiksäcken voller Zeichnungen und einem selbst gedrehten Springseil machen wir uns auf den Heimweg. Eine Ära ist zu Ende. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Eichel bleibt ihm selbst an Thanksgiving verwehrt: Bei der traditionellen Parade in New York fliegt Trickfilmfigur Scrat durch die Häuserschluchten von Manhattan. (23. November 2017)
(Bild: Carlo Allegri) Mehr...