Wart nur!

Redaktor Peter Meier über die Warteschlangentheorie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was habe ich gejubelt! «Endlich», schrie ich vor Glück, «endlich Hilfe.» In meinem Körper stieg eine berauschende Hormonparty. Serotonin und Dopamin tanzten Cha-Cha-Cha, dazwischen hüpften enthemmte Endorphine. Ein Freund hatte mich eben auf die Warteschlangentheorie und ihren praktischen Nutzen hingewiesen.

Nie hatte ich davon gehört. Nun rannte ich wissbegierig nach Hause. Über 100 Jahre, las ich nach, gibt es diesen mathematischen Forschungszweig bereits. Warum lernt man so was nicht in der Schule? Sonderbarerweise ist die Disziplin keine Domäne der Engländer, sondern der Dänen.

Jedenfalls hat einer von ihnen kürzlich errechnet, dass Amerikaner jedes Jahr 37 Milliarden Stunden Schlange stehen. Macht bei 330 Millionen Amis 112 Stunden pro Nase. Lachhaft! So lange warte ich pro Woche – mindestens! Migros, Coop, Post: Egal, wo ich hingehe, die Schlange ist schon da. Sie wächst aus dem Nichts, kaum tauche ich auf. Gäbe es keinen Ladenschluss, ich könnte mir glatt die Wohnungsmiete sparen.

Tempi passati! Ab jetzt ist Dr. Queue an meiner Seite. So lautet der Spitzname des führenden Schlangenforscherdänen. Mit einer Liste seiner Tipps schlendere ich tags darauf im Supermarkt lässig Richtung Kasse. Alles wie gehabt: Hinter Regalen schiessen Einkaufswagen hervor, aus den Gängen drängen Mütter, Kinder, Rentner. Sofort bilden sich vor mir zwei Schlangen. Welche nehmen?

Ich taxiere Gegner und Einkäufe – kein eindeutiger Befund möglich. Rechtshänder links anstehen, sagt Dr. Queue. Et voilà, es geht rasch voran. Triumphierend grinse ich nach rechts. Da geschieht es: Ein Hutzelweib durchwühlt mit Gichtfingern ihre Handtasche, kratzt Münzen zusammen, um passend zu zahlen. Sie legt sie einzeln auf den Tresen, sortiert nach Grösse. Verflucht!

Ein Blick auf die Tippliste: Schlange wechseln! Kaum bin ich drüben, stockt es hier. Ein ausgemergelter Typ war unfähig, sein Grünfutter abzuwägen. Sicher Veganer! Die Kassiererin schlurft mit der Tüte davon. Links geht es nun zügig voran. Ich hechte hinüber, pralle an der Kampfmutter ab, die schneller war.

Als ich mich endlich aufrappele, ist die Kasse zu. Es bleibt nur eine Schlange, doppelt so lang wie zuvor. Beim Warten ganz hinten male ich mir übelste Foltermethoden und Höllenqualen aus: Wart nur, Dr. Queue, ich finde dich! (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.10.2016, 13:21 Uhr

Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt. (Bild: Urs Baumann)

Artikel zum Thema

Kuh für einen Augenblick

Greater Berne Wenn die Flucht vor städtischen Baustellen zu tiefsinnigen Gesprächen führt. Oder so. Mehr...

Jeder Bissen zählt

Greater Berne Redaktor Peter Meier sinniert über Ideen für unsinnige SRF-Sendungen. Mehr...

Entweder oder

Greater Berne In or out?, fragt Frau S. und hält ihre Haarbürste über ihren Rucksack. Out, schreien das Fräulein und ich. Mehr...

Dossiers

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Foodblog Insekten-Dinner im Werkhof

Serienjunkie Pferdestarke Frauen

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Durchblick: Ein Mann mit einem Pilotenhut macht sich bereit um ein Foto in einer Cockpit Attrappe zu machen. (20.September 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...