Krawall um Karajan – eine vergessene Berner Episode

Das jüngste Konzert des Berner Symphonieorchesters erinnerte mit Mahlers 4. Sinfonie indirekt an den Abend, als Stardirigent Herbert von Karajan 1980 in Bern gastierte und es vor dem Kultur-Casino zu heftigen Krawallen kam.

Wider den Snob-Appeal: Berichte der Berner Zeitung rund um das umstrittene Gastspiel Herbert von Karajans 1980 in Bern (klicken zum Vergrössern).<p class='credit'>(Bild: Stefan Anderegg)</p>

Wider den Snob-Appeal: Berichte der Berner Zeitung rund um das umstrittene Gastspiel Herbert von Karajans 1980 in Bern (klicken zum Vergrössern).

(Bild: Stefan Anderegg)

Oliver Meier@mei_oliver

Drinnen dirigiert ein Weltstar. Draussen wütet die Jugend – gegen den Weltstar, gegen den snobistischen Klassikbetrieb, gegen die Berner Behörden, die den Demonstranten vorenthalten, was sie wollen: Ein autonomes Kulturzentrum in der Reitschule. «D’Stadttheater heiter / D’Rithaue weimer / Ds AJZ vorm Schnee / Kulturkrawall nie me», steht auf einem Leintuch, das die Aktivisten vor dem Berner Kultur-Casino in die Höhe halten.

Es ist Montag, der 20. Oktober 1980. Herbert von Karajan gastiert mit den Berliner Philharmonikern in der Bundesstadt. Auf dem Programm steht Gustav Mahlers himmlische 4. Sinfonie. Draussen schirmt die Polizei das Konzerthaus ab. Die Demonstranten legen den Besuchern faule Früchte in den Weg. Dann kommt es zum Eklat: Die Jugendlichen – 200 an der Zahl – feuern Knallkörper ab und werfen WC-Rollen mit versteckten Farbbeuteln gegen das Casino. Die Polizei verhaftet ein Dutzend Demonstranten.

36 Jahre später, ein lauer Abend Ende Mai. Das Berner Symphonieorchester lädt zum Abokonzert: Mahlers 4. Sinfonie. Auf dem Casinoplatz lauern Vertreter von Amnesty International auf zahlungskräftige Konzert­besucher. Nur wenige Hundert Meter entfernt wird im Berner Parlament gestritten – über die Reitschule. Und im Konzertsaal? Chefdirigent Mario Venzago hebt seine Hand. «Bedächtig. Nicht eilen», schrieb Gustav Mahler über den ersten Satz seiner 4. Sinfonie. Venzago nimmt sich viel Zeit, um das musikalische Material auszubreiten, um es abzuklopfen: Mit doppelten Böden ist bei Mahler immer zu rechnen.

Karajan 1980, Venzago 2016: Das sind Welten. Berns Chefdirigent pflegt einen durchsichtigen Klang: hell, leicht, detailreich, ohne Ketchup-Vibrato. Karajan, der Jahrhundertdirigent, ist ein Klangdesigner, der die grosse Linie, den perfekten Mischklang sucht. Der Sound passt zu Berns bleiernen Bürgerblockjahren. Schon lange vor dem schwarzen Montag im Oktober 1980 sorgt das Karajan-Gastspiel in Bern für rote Köpfe. Nicht nur bei der bewegten Jugend, auch bei den Wächtern der Hochkultur im Umkreis der Bernischen Musikgesellschaft.

Auf dem «Zirkularweg» stimmt der Vorstand darüber ab, ob Karajan mit seinen Philharmonikern überhaupt willkommen ist. Enthaltungen werden als Ja-Stimmen verbucht. Kritiker monieren die Eintrittspreise: 40 Franken kostet das billigste Billett, 120 das teuerste – das hat es in Bern noch nie gegeben. Doch als der Vorverkauf eröffnet wird, gibt es wegen «schriftlicher Vorbestellungen» schon gar keine Tickets mehr.

Wenn Karajan schon in die Bundesstadt kommt,dann soll er das lokale Symphonieorchester dirigieren, heisst es im Umfeld des Orchesters, «als Dank dafür, dass die Schweiz ihm einen prächtigen Wohnsitz bietet». Überhaupt: Solcher Snob-Appeal gehöre im Grunde nicht nach Bern – findet offenbar die Berner Zeitung, die in einem Vorbericht Stimmung macht.

Auch die Reithallen-Aktivisten machen früh schon mobil,planen eine Gegenveranstaltung mit Karajan-Masken und anarchischem Kakofonie-Orchester. Bald geht das Gerücht um, die Stadt subventioniere das Gastspiel. Doch Stadtpräsident Werner Bircher dementiert: «Wir zahlen keinen Rappen!»

«Polizeischutz für Karajan», titelt der «Bund» nach den Krawallen. Der Maestro, heisst es, habe sich von den Protesten «nicht beeindruckt» gezeigt. BZ-Leser erfahren, dass das «musikalische Ereignis» den Bernern teuer zu stehen kommt: «Erneut wurden leider Vandalenakte registriert (zerschlagene Schaufensterscheiben, brutale Gegendemonstranten).» Schlimmer noch: «Der massive Polizeieinsatz dürfte sogar den Erlös aus der Billettsteuer – 20'000 Franken – auffressen.»

Berner Zeitung

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