Casino historisch

Von Louis Armstrong bis Herbert von Karajan

Casino historischGrossartige Konzerte und glamouröse Gäste: die Casino-Verantwortlichen führten ein schönes Leben. Wären da bloss nicht die ständigen Sorgen um mittelmässige Bands und die Konkurrenz von Sport, Kino und Radio gewesen.

Eine Frage zum Start: Was brachte dem Casino im Jahr 1913 rund 700 Gäste und den Berner Schulkindern einen freien Nachmittag?

Kaum war das Casino eröffnet, füllte es sich mit Leben. Vieles hinterliess Spuren: die illustren Gäste, die kleinen Begegnungen und die grosse weite Weltgeschichte. Kurz nach der Eröffnung trafen sich Parlamentarier aus Deutschland und Frankreich zu einer Konferenz im Casino, mit dem Ziel, die Spannungen zwischen den Ländern zu reduzieren. Das gelang zwar, den Ersten Weltkrieg verhinderte die Konferenz aber trotzdem nicht.

Mit diesem Krieg rutschte das Casino nach fünf guten Startjahren in eine erste Krise. Sie dauerte auch nach dem Krieg an. «Sport, Kino und Radio leeren die Konzertsäle» klagte der Casino-Verwalter konsterniert und auch etwas zu unrecht. Denn in den wirtschaftlich schwierigen 1920er- und 1930er-Jahren konnten sich viele Leute das Kulturangebot ganz einfach nicht leisten. Gingen sie doch einmal ins Casino, dann brachten sie oft «Speisen und Getränke in Köfferchen, Taschen und sogar Rucksäcken» mit.

Noch mehr als über die Manieren der Gäste ärgerte sich der Verwalter allerdings über die Konkurrenz. Und zwar weniger über den 1933 erweiterten Kursaal als über die Berner Behörden. Denn diese vermieteten den Rathaussaal für verschiedenste Anlässe an Private - dank Steuergeldern zu konkurrenzlos tiefen Preisen. «Ein Glück, dass die amphitheatralische Anlage des Raumes die Abhaltung von Tanzanlässen verunmöglicht», seufzte der Verwalter. «Sonst würden in dem Saal, wo sonst die oberste bernische Landesbehörde tagt, auch Shimmy und Foxtrott getanzt.»

Aber auch in der Krise lief es nicht überall schlecht. Die Zahl der Dia-Vorträge nahm laufend zu. Und nebenbei wurden im Casino immer mehr Ausstellungen eröffnet. Für Gemälde, Nähmaschinen, Haushaltsgeräte, Blumen, Autos oder sogar Frisuren. Auch der Gastro-Bereich entwickelte sich gut. Dort verstanden es die Wirte, mit immer neuen Angeboten verschiedene Kundschaften anzusprechen. Die «Bierquelle» wurde eingebaut, die «Forellenstube», die «Veltlinerstube», ein Lunchraum, ein Imbissraum und 1928 sogar erstmals eine Bar. Anlass zu besonderer Freude waren die Besucherinnen. Mitte der 1930er-Jahre war am Wochenende bereits rund die Hälfte der Gäste weiblich – und das hatte Folgen. Weil nämlich beim Bau des Casinos noch niemand mit so vielen Damen gerechnet hatte, mussten nun weitere Toiletten eingebaut werden, um die sanitäre Gleichberechtigung herzustellen.

Besonders jüngere Frauen besuchten nicht nur tagsüber das Restaurant, sondern auch abends die Tanzanlässe. Diese wurden immer populärer und dauerten samstags oft bis um 2 Uhr früh. Einziger Verdruss für den Wirt war, dass die jungen Leute kein Geld hatten und sich deshalb meistens mit einem alkoholfreien Getränk für den ganzen Abend begnügten. Deutlich weniger zurückhaltend gestaltete sich hingegen der Besuch des City Livery Clubs. Die Vereinigung der Londoner Zünfte erwies Bern 1938 die Ehre und erhielt im Casino ein kräftiges Käsefondue serviert. Dazu wurden ausserdem Forelle, Schinken im Brotteig und zum Dessert Erdbeerkuchen aufgetischt. Die Räume des Casinos wurde in den 1930er-Jahren an alle möglichen Gruppen vermietet, verweigert wurde die Miete kaum. So führte auch die deutsche Botschaft wiederholt Anlässe im Casino durch – mit entsprechendem, nationalsozialistischem Dekor (Zu den politischen Herausforderungen der Zwischenkriegszeit für das Casino siehe: «Von Bernern und Burgern- Tradition und Neuerfindung einer Burgergemeinde».)

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam der Betrieb praktisch zum Erliegen. Sämtliche geplanten Anlässe wurden abgesagt. Die Verwaltung nutzte die Zeit für die Erneuerung der Anlagen. Erstmals wurden ein elektrischer Herd sowie ein Kühlschrank gekauft. Die Kühlung hatte bislang eine Kälteanlage übernommen, die jährlich 80 Tonnen Eis produziert hatte - das dann in den Kellern schmolz und so die Lebensmittel frisch hielt.

Eine besondere Geschichte ereignete sich bei Kriegsende, am 8. Mai 1945. General Guisan spazierte durch die Berner Lauben und begab sich im Casino auf die Gartenterrasse. Dort erhoben sich die Gäste spontan und applaudierten. Die Nachkriegszeit brachte auch dem Konzerthaus wieder volle Ränge. Gerade die Vorstellungen der Berner Orchester waren regelmässig ausverkauft. Und mit den von der Migros organisierten Klubhauskonzerten konnte ein breiteres Publikum angesprochen werden. Musiziert wurde aber nicht nur im Konzertsaal, sondern auch im Restaurant und auf der Gartenterrasse. Dabei brauchte der Wirt bei der Wahl der Künstler einen guten Geschmack: eine gute oder schlechte Band konnte schnell einige tausend Franken mehr oder weniger Umsatz bedeuten. Dass einige wirklich gute Musiker dabei waren, zeigt eine Anekdote von 1939: Damals traf ein Berner Gymnasiast im Casino auf Teddy Stauffer und Ernst Höllerhagen, die dem musikalischen 17jährigen nicht nur wertvolle Tipps gaben, sondern ihn bald auch Arrangements für die «Original Teddies» schreiben liessen. Sein Name: Hazy Osterwald.

1934 sorgte ein Konzert von Louis Armstrong für viel Publikum. Weniger begeistert als viele andere Besucher war indes der Kritiker des Bunds, dem die Musik zu modern war und von dem es einen krachenden Verriss absetzte. Dessen ungeachtet liess es sich der Trompetenkönig nicht nehmen, 1955 ein weiteres Mal im Casino aufzutreten. Begeistert waren die Berner auch sieben Jahre später bei Eroll Garners Konzert.

Den glamourösesten Auftritt aber brachte das Jahr 1960. Grace Kelley und Fürst Rainier III. von Monaco besuchten das Casino und eröffneten eine Ausstellung über das Fürstentum. Allerdings brachte das darauf folgende Jahr einzigartiges Pech: Die Auftritte der tschechischen Philharmonie und des Dresdner Kreuzchors mussten aufgrund internationaler Spannungen abgesagt werden, die Wiener Sängerknaben waren krankheitshalber verhindert und die Pianistin Clara Haskil starb kurz vor ihrem Berner Auftritt.

Louis Armstrong – Bild unter Creative Commons Licence

Eroll Garner – Bild unter Creative Commons Licence

Grace Kelley – Bild unter Creative Commons Licence

Es folgten wilde Beat-Konzerte, Randale um 1968 und die Ölkrisen der 1970er-Jahre. Am turbulentesten gestalteten sich indes die 1980er-Jahre. Just im stürmischen Jahr 1980 besuchte der umstrittene Dirigent Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern das Berner Casino.

Linksautonome Kreise riefen zu Protesten auf und schliesslich versammelten sich rund 200 Demonstrierende vor dem Casino und legten dem Publikum faule Früchte in den Weg. Dann kam es zum Eklat: Die Jugendlichen feuerten Knallkörper ab und warfen mit Farbbeuteln gefüllte WC-Rollen gegen das Gebäude. Die Polizei verhaftete schliesslich rund ein Dutzend Unruhestifter, während Karajan das Gebäude unbehelligt über den «Geheimgang» bzw. den Fluchttunnel zwischen Burgerbibliothek, dem Casino und dem Frickweg verlassen konnte. Die Wirren rund um den Auftritt des umstrittenen Dirigenten, der Mitglied der NSDAP gewesen war, kann man auch hier nachlesen.

Herbert von Karajan – Bild unter Creative Commons Licence

PS. Das Ereignis, das den Berner Schulkindern einen freien Nachmittag bescherte und im Casino mit 700 Gästen gefeiert wurde, war die Eröffnung des Lötschbergtunnels. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2017, 15:44 Uhr

Zur Serie

Das Kultur Casino Bern bleibt bis im Spätsommer 2019 geschlossen und wird renoviert. In einer achtteiligen Serie erhalten Sie einen historischen Einblick in Geschichten rund ums Casino und das alte Bern.

Zum Autor: Benedikt Meyer ist Historiker und führt in dieser Serie durch die Geschichte des Berner Casinos.

Zu den Bildern: Alle Bilder wurden von der Burgerbibliothek Bern zur Verfügung gestellt.

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